AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 51/2008

Bühne "Ich habe keinen Bock auf Himmel"

Der Theater- und Filmemacher Christoph Schlingensief über seinen Lungenkrebs, den Umgang mit dem drohenden Tod, Kritik an seiner Kunst und den Fluch, stets gute Stimmung verbreiten zu wollen


SPIEGEL: Herr Schlingensief, in Ihren jüngsten Theaterarbeiten "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" und "Der Zwischenstand der Dinge" haben Sie aus dem Kampf gegen Ihre Krebserkrankung grandiose, hochgelobte Kunstfeiern gemacht. Wie steht es aktuell um Sie?

Schlingensief: Der Stand ist, dass ich circa zehn neue erbsengroße Metastasen habe in dem einen Lungenflügel, der mir nach meiner Operation geblieben ist. Das sieht nicht gut aus. Diese Metastasen sind sehr schnell gekommen, damit hat keiner gerechnet. Das ist auch für die Ärzte unbegreiflich. Bei der anderen Lunge hat der Krebs drei, vier Jahre gebraucht. Ich war gerade dabei, wieder ins Leben zurückzukommen. Das Krankenhaus hatte schon Entwarnung gegeben, aber dann haben sie das Röntgenbild genau angeguckt und ließen mich noch mal kommen.

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Christoph Schlingensief: Arbeiten im Angesicht des Todes

SPIEGEL: Sie schienen fast euphorisch, als Sie im September nach Operation und Chemotherapie in der "Kirche der Angst" bei der Ruhrtriennale in Duisburg selber auftraten. Wie schwer hat Sie die schlechte Nachricht jetzt getroffen?

Schlingensief: Es ist so eine Scheiße mit dieser Krankheit! Meine Freundin Aino und ich waren in den Wochen zuvor durch die Gegend gelaufen, wir haben mit neuer Kraft gearbeitet und dachten: Zwei, drei Jahre können wir das Leben wieder genießen. Wenn nicht sogar mehr. Und jetzt? Wir weigern uns, jeden Tag so zu genießen, als wäre es der letzte, nach diesem blöden Satz, den einem manche Ärzte sagen. Essen war für mich früher ein Fest, jetzt habe ich keinen Appetit mehr. Nicht mal auf Rotwein habe ich Lust. Nur die Kornschnäpse, die ich kürzlich in der Kantine des Maxim Gorki Theaters mit dem Intendanten Armin Petras getrunken habe, haben mir geschmeckt.

SPIEGEL: Ist es ein Trost für Sie, dass Sie nach 25 Jahren des heftigen Streits in diesem Jahr plötzlich von Publikum und Kritik gefeiert werden wie nie zuvor?

Schlingensief: Man sieht vieles wie hinter einer Panzerglasscheibe und wundert sich. Das Tolle an der "Kirche der Angst" war, dass ich ohne Zweifel auf meine Arbeit gucken konnte. Diese Arbeit war ganz pur, traurig, aber auch absurd und lustig. Vor einem Jahr, kurz bevor mein Krebs entdeckt wurde, fuhren wir nach Nepal. Wir haben dort einen Film gedreht und ein Kinderkrankenhaus besucht, und ich schrieb ins Gästebuch: "Auf dass die kreisenden Gedanken endlich einen Grund finden." Dieser Satz ist mir drei Tage später beim Betrachten des ersten Röntgenbilds in die Knochen gefahren, und tatsächlich habe ich das Gefühl: In der "Kirche der Angst" haben die Gedanken einen Grund gefunden, den jeder begreift: sterben müssen, aber leben wollen, das ist das Thema.

SPIEGEL: Ist es wirklich so, dass Sie gequält wurden von Zweifeln an Ihrer Kunst?

Schlingensief: Gehört das nicht dazu? Viele entdecken vielleicht erst jetzt, dass meine Arbeiten immer auch melancholisch oder nachdenklich waren. Ich bin aber kein Leidensbeauftragter, wie viele eingebildete Kranke am Theater. Trotzdem habe ich mit Problemen gekämpft, die mir jetzt bescheuert vorkommen. Es hat mich aufgerieben, wenn etwas nicht ankam, dieser Kampf um die Kritik, dieses Lebenmüssen mit den Verrissen. Bei jeder negativen Kritik gingen sofort die Abwehrkräfte hoch, im billigsten Fall wurde der Kritiker auf die Bühne gezerrt.

SPIEGEL: Es sah meistens wie Spaß aus.

Schlingensief: Klar war das befreiend. Es gibt nichts Schöneres, als ein gebanntes, lachendes Publikum mit großen Themen auf die Jagd zu schicken. Das hat mir auch bei Beuys immer gefallen, dass der seine Thesen nie verbissen präsentierte. Bei meinen Filmen war ich immer erstaunt, warum die Leute nicht mehr lachten. In "Tunguska" habe ich zum Beispiel ein paar Avantgardefilmer auf dem Weg zum Nordpol gezeigt, die dort die Eskimos mit ihren Werken foltern wollten, das war meine Abrechnung mit meinem Lehrer Werner Nekes und dem deutschen Avantgardefilm. Und gleichzeitig eine Liebeserklärung.

SPIEGEL: Was würden Sie im Rückblick anders machen?

Schlingensief: Vielleicht waren meine Arbeiten zu verschlüsselt oder zu feige. Mein Dramaturg Carl Hegemann warf mir nach meiner ersten Theaterarbeit an der Volksbühne, "100 Jahre CDU", mal vor, ich hätte nicht richtig gebeichtet. Da habe ich verstanden, dass es am Theater auch um Haftung gehen muss, dass ich die so oft vermisse. Erst kürzlich war ich in der Wohnung meiner Eltern in Oberhausen und merkte, dass es dort ganz dunkel ist, die Wände gelblich, der Boden abgewetzt. Das hatte ich vorher nie wahrgenommen. Ich habe dort immer den weißen Riesen gespielt, um die Wohnung hell zu kriegen. Ich bin rumgeturnt, habe erzählt, dass ich in Wien oder in Bayreuth war oder ein Angebot aus Manaus habe: Stellt euch vor, da fahre ich hin. Damit habe ich Leben in die Bude gebracht, habe meinen Vater, der zehn Jahre lang allmählich erblindete und damit nicht fertig wurde, ein bisschen aus seiner Depression geholt und bei meiner Mutter gute Stimmung gemacht. Dazu habe ich jetzt keine Lust mehr, wenn ich meine Mutter besuche; mein Vater ist inzwischen gestorben. Was ich da abgekapselt habe, war ein Defizit an Selbstliebe. Ich hab in vielen Punkten mich selber nicht gemocht.

SPIEGEL: Und das galt auch für Ihre Arbeit?

Schlingensief: Man tut nur so, als ob einen Ablehnung motiviert, nach dem Motto: Jetzt erst recht, jawoll, Widerstand! Mit 16 bekam ich von einem WDR-Redakteur, dem ich einen Film zeigte, einen bösen Schlag mit. Der sagte: "Du wirst niemals einen Menschen lieben können, das sieht man dem Film genau an, du interessierst dich nicht für die Figuren, das sind nur Pappkameraden für dich." Da saß ich mitten in der Vollpubertät und habe geheult. Natürlich habe ich mich immer schwergetan mit Beziehungen. Später drehte ich mit Tilda Swinton, mit der ich damals zusammen war, "Egomania - Insel ohne Hoffnung", und als ich ihr stolz den Film zeigte, war sie entsetzt, so schlimm unverständlich und voller Hass fand sie den. Sie hat nur noch geheult.

SPIEGEL: Und dass es in Ihrer Laufbahn stets auch begeisterte Zustimmung für Ihre Arbeiten gab, richtete Ihr Selbstbewusstsein nicht gleich wieder auf?

Schlingensief: Das funktionierte nicht, obwohl es immer fünfzig zu fünfzig war bei mir. Ich habe extremst darunter gelitten, zu Hause bei den Eltern nicht vermitteln zu können, dass es gut ist, was ich tue. Dort kam nur an, dass Nachbarn und Verwandte das nicht sinnvoll fanden und Sippenhaft fürchteten. Mein Vater hat bei der Berlinale geweint, als er "Menu total" sah. Da half es nichts, dass seine Schwester sagte, sie fände den Film, wie sie es ausdrückte, imposant. Mein Vater hat es so weit getrieben, dass er meiner Mutter aus "Egomania" nur die Landschaftsaufnahmen gezeigt hat. Er hatte sich auf einen Zettel notiert, bis wohin er die Videokassette spulen muss, und ließ meine Mutter glauben, dass ich Dokumentarfilme über deutsche Landschaften drehe.

SPIEGEL: Sie haben neulich darauf hingewiesen, dass der Krebs in Ihrer Lunge vermutlich zu wachsen begann, als Sie in Bayreuth den "Parsifal" inszenierten. Glauben Sie ganz im Ernst, da gibt es Zusammenhänge?

Schlingensief: Jeder Krebskranke fragt sich so was. Der eine grübelt, ob er zu viele Zigaretten geraucht oder zu viel Rotwein getrunken hat, ich frage mich zum Beispiel, ob ich mich in der Kunst zu sehr dem Tod verbunden gefühlt habe. Die Ergriffenheit, mit der ich 2004 den "Parsifal", dieses Wagner-Abschiedswerk, inszeniert habe, und dass ich meine damalige Freundin aufgab und ein paar meiner dunklen Seiten auslebte, das hat meinem Lebenswillen widersprochen und einen Ekel erzeugt, der nicht zum Aushalten war. Ich glaube, dass jeder Mensch von Geburt an eine Stabilität besitzt, die man durch solche Akte des Selbsthasses ins Wanken bringt.



insgesamt 14 Beiträge
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Andremoda, 19.12.2008
1. Der arbeitslose ....
... Schlosser Max Mustermann, über seine Scheidung, das Sorgerecht seiner Kinder, und die Belanglosigkeit von Informationen aus dem Internet. Die Welt ist eine Bühne und wir müssen nur genug Theater machen um gehört zu werden. Schönes Wochenende.
seit1973 19.12.2008
2. bewegend
Ein fantastisches Gespräch. Es ist bewegend, dieses frech grandiose Talent zu sehen, wie es mit einer gigantischen Herausforderung konfrontiert ist, die man sich kaum vorzustellen mag. Ich habe auf seiner Website die Bilder der Aufführung (Kirche der Angst) gesehen und an Beuys gedacht. Wunderschöne Bilder. Auch sein Auftritt mit Patti Smith und der Bericht in SPON von Jenny Hoch gehen unter die Haut. Man wünscht allen immer "Gesundheit", aber was ist das? "So schön wie hier kann es im Himmel garnicht sein" sagt Schlingesief. Ich glaube, er hat recht. Und ich wünsche ihm einen Sack voll Lebensfreude.
faustjucken_de 19.12.2008
3. überrascht
So wenig ich seine Arbeit (soweit mir bekannt) mag, so überrascht bin ich über die Qualität, Intensität und traurig brutale Wahrheit dieses Gesprächs. Danke dafür. PS Den Satz "Lebe jeden Tag, als sei es dein letzter" hasse ich mindestens so sehr wie "Ein Tag ohne Lachen ist ein verlorener"
der_durden 19.12.2008
4. Schöne Abwechselung zur Konjunktur,Konjunktur und Kon...
Wunderbares Interview! Ich fand Schlingensief und seine Art zu polarisieren und seine Art der Selbstreflexion durch das Theater schon immer höchst faszinierend. Christoph Schlingensief ich wünsche Ihnen/Dir wirklich alles Gute und dass Sie es schaffen, Ihren Zug zu starten und noch eine Weile ein Teil der Lockführer zu sein. Auf dass viele andere Züge folgen mögen, oder sich daran anhängen.
Sloopy, 19.12.2008
5. Ps 90, 12
"Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden." Noch ist ja ein wenig Zeit. So, wie für jeden.
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