AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 51/2008

Institutionen Engel im Kasten

In Leipzig rühren Eltern an ein Tabu: Sie kritisieren die Erziehung ihrer Kinder im weltbekannten Thomanerchor als Kasernierung rund um die Uhr.

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Mitten in der Leipziger Altstadt drängeln sich die Besucher des Weihnachtsmarkts vor dem Portal der Thomaskirche. Touristen aus aller Welt sind darunter, und sie alle wollen einen guten Platz beim Konzert des Thomanerchors, der Leipziger Touristenattraktion Nummer eins. "Einmal die Engelstimmen hören", schwärmt eine der Wartenden, "und das in der Kirche von Johann Sebastian Bach!"

Der Chor, 1212 unter Otto IV. gegründet, ist der Stolz der Stadt. Vor zwei- bis dreitausend Besuchern singen die 91 Jungen im Alter zwischen 9 und 18 Jahren hier jede Woche in frommer Kulisse. Der Chor ist kein klassischer Kirchenchor. Träger ist die Stadt Leipzig, die Knaben mit ihren zarten Stimmen sind ein wichtiger Werbe- und Wirtschaftsfaktor. Ihre Tourneen führen nach Japan und Amerika.

Das ist die glänzende Seite, doch in die Öffentlichkeit gelangte bislang wenig von dem, was geschieht, wenn die blau uniformierten Kinder nach ihren Auftritten wieder verschwinden: im "Kasten", wie sie selbst ihr Internat nennen. Was sich in dem Bau von anno 1881 dann ohne Zuschauer abspielt, beschreibt eine Initiative von Eltern ehemaliger Thomaner in einem Brief an die Chorleitung als "ein Korsett von Ordnung, Disziplin, Anpassung, Verzicht, Leistung und Unterordnung", bei dem etliche Engelsgesichter auf der Strecke blieben. 17 Betroffene fordern mit ihrer Unterschrift eine "komplette Neufassung der Erziehungsphilosophie".

Wolfgang Jäger, dessen Sohn den "Kasten" erlebte, hat die Kritik seit mehr als drei Jahren intern vorgebracht, mit Briefen oder Petitionen - ohne wesentliche Resonanz. Nun bricht er mit einem Tabu und sucht die Öffentlichkeit: "Manche Kinder verlassen den Chor nach neun Jahren mit dem erleichterten Aufschrei, dass sie froh seien, endlich dieses Gefängnis verlassen zu können."

Im Zentrum der Kritik steht das eigenwillige Erziehungssystem, bei dem die jüngeren Kinder von älteren betreut werden. Kaum eine Handvoll Erzieher ist im Internat beschäftigt. "Mehrere Jahre lang", behauptet Johannes Toaspern, ein Leipziger Pfarrer, dessen Sohn das Internat besucht hat, "sind die 9- bis 14-Jährigen den oft willkürlichen Strafen der Älteren ausgesetzt - und damit einem enormen psychischen Druck." Eltern beklagten, dass sensible Jungs an dieser Praxis zerbrechen. "Nicht Strafe, Angst und Einschüchterung, sondern Lob, Motivation und Förderung" müsse deshalb zukünftig Grundgedanke der Thomaner-Erziehung sein.

Zuständig für Knaben und Internat ist der Leipziger Kulturbürgermeister Georg Girardet, 66. Seit 17 Jahren obliegt ihm diese Aufgabe. Jägers Kritik an den Zuständen im "Kasten" wehrt er kategorisch als "extrem polemisch und unsachlich" ab. Ende Oktober schrieb er Pfarrer Toaspern einen Brief, in dem er jeden zukünftigen Dialog verweigerte: "Eine weitere Kommunikation und Korrespondenz mit Ihrer Initiative ist unsererseits jetzt nicht mehr beabsichtigt."

Doch derlei Ignoranz des Verantwortlichen und das Ausbleiben versprochener neuer Erzieher ruft auch andere Kritiker auf den Plan. Jüngst hat sich eine zweite Elterninitiative zu Wort gemeldet, von gut einem Dutzend derzeit im "Kasten" lebenden jüngeren Thomanern: "Wir unterlagen nie dem Irrglauben, unsere Kinder in ein zweites Elternhaus zu geben", schreibt sie. In Bezug auf Erziehung, Fürsorge oder emotionale Zuwendung habe man allerdings "ein bestimmtes Maß erwartet, das zumindest über eine Kindergartenbetreuung hinausgeht".

Der viergeschossige Bau hat ohne Zweifel etwas von einer Kaserne: Flure und Gänge sind weitgehend kahl, bis zu elf Betten stehen in den sonst leeren Schlafräumen. Die Erzieher nutzen Lautsprecher zu Durchsagen an die Kinder, fast jedes Tun wird irgendwie kontrolliert oder überwacht. Ein "Duschwart" etwa treibt zur zügigen Säuberung an, ein "Wochenpräfekt" patrouilliert abends in den Gängen der Schlafetagen. Es gibt Schuhschrankwarte, Fahrradwarte, Flurwarte, den "Klingelultimus", drei ständige "Präfekte" sowie den "Domesticus". Übernommen werden diese Kontrolljobs von den Internatszöglingen selbst, meist von den älteren - woraus ein hierarchisches Machtsystem entsteht.



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