AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 51/2008

Umwelt Vom Klo ins Glas

Verschwendung, Bevölkerungswachstum und Klimawandel führen vielerorts zu Wassernot. In Kalifornien lässt sich eine mögliche Lösung besichtigen: Trinkwasser aus der Kläranlage.

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Im Zentrum der riesigen Anlage in Fountain Valley, Kalifornien, stehen drei sprudelnde Becken aus matt glänzendem Stahl. Die rechts blubbernde Brühe ist von tiefbrauner Farbe, die in der Mitte uringelb, die links klar wie Leitungswasser. Und dann ist da ein Stapel Plastikbecher für Neugierige, die gern mal Klowasser kosten möchten. Angepriesen wird es als Trinkwasser der Zukunft, als geniale Lösung für all jene Weltregionen, in denen der wichtigste aller Rohstoffe immer knapper wird.

Vor den Wasserbecken stehen fast täglich Besuchergruppen aus ganz Amerika. Oft kommen sie auch aus Mexiko, China, Japan, Australien, Marokko, Israel, Saudi-Arabien, Iran - die Aufzählung ließe sich fortsetzen. Wenn die Gäste nach einer einstündigen Besichtigungstour ohne Zögern von dem Wasser im linken Becken trinken, hat Michael Markus sein Ziel erreicht.

Markus, 53, ist ein großer, behäbiger Mann mit buschigen Brauen und roten Wangen. Zu seinen Aufgaben als Generaldirektor des Orange County Water District gehört es, für die neue, rund eine halbe Milliarde Dollar teure Recyclinganlage zu werben, die eine der wichtigsten zivilisatorischen Errungenschaften rückgängig zu machen scheint: die Trennung von Frisch- und Abwasser.

"Das hier ist ein leuchtendes Vorbild für den Rest der Welt", sagt Markus strahlend und leert seinen Plastikbecher in einem Zug. "Es ist sauber wie destilliertes Wasser", verkündet er. "Es enthält nicht einmal mehr Mineralien."

"Toilet to tap", von der Toilette zum Wasserhahn: So nennen Gegner das Verfahren, mit dem stinkendes, mit Chemikalien, Pharmazeutika und Fäkalien verseuchtes Abwasser so lange gereinigt wird, bis man es trinken kann. Theoretisch. In der Praxis scheiterten bisher alle Versuche, ähnliche Anlagen in großen Städten wie San Diego oder Los Angeles zu bauen. Die Bevölkerung verweigerte sich.

Dennoch scheint es nur eine Frage der Zeit, bis andere dem Beispiel von Fountain Valley folgen werden. In Kalifornien, wo die Bevölkerung rasant wächst und die Menschen nie gelernt haben, sparsam mit der knappen Ressource umzugehen, wird Wassermangel zum Kardinalproblem. Trotz Wüstenklima im Süden gehört der Bundesstaat zu den größten Obst- und Gemüseproduzenten der USA. Und der Klimawandel verschärft die Lage: Die Niederschläge gehen seit Jahren zurück, Flüsse und Seen trocknen aus, Meerwasser strömt in die Grundwasserreservoirs an der Küste, so dass das Süßwasser versalzt.

Der Wassertransport über 1500 Kilometer lange Aquädukte von Norden nach Süden kostet ein Fünftel des gesamten Energieverbrauchs. Immer öfter sind Landwirte gezwungen, ihre Felder aufzugeben, weil sie sie nicht mehr bewässern können.

In anderen Bundesstaaten sieht es nicht besser aus: Arizona importiert bereits sein ganzes Trinkwasser, in New Mexico werden die Vorräte in etwa zehn Jahren erschöpft sein. Die Environmental Protection Agency schätzt, dass 2013 in 36 Bundesstaaten das Wasser knapp sein wird.

Bleibt also nur der Weg vom Klo ins Glas? Markus und seine Mitstreiter in Fountain Valley, einem Vorort im Südwesten von Los Angeles, brauchten zehn Jahre und über 1200 Werbeveranstaltungen, um die Bevölkerung davon zu überzeugen. "Wir sind in jede Gemeinde unseres Versorgungsgebiets gegangen und haben mit allen Leuten geredet", berichtet Markus. "Mit Lokalpolitikern, Gesundheitsexperten, Umweltorganisationen, Küstenwächtern und sogar mit den Surfern. Und wir haben Broschüren verteilt, auf Spanisch, Vietnamesisch und Chinesisch, um auch diese Minderheiten zu erreichen."

Seit Januar produziert die Recyclinganlage nun Wasser für eine halbe Million Menschen, mit einer Konzession an sensible Gemüter: Das gereinigte Abwasser wird nicht direkt an die Haushalte geliefert, sondern 13 Meilen gen Norden in einen künstlichen See geleitet. Dort mischt es sich und sickert ins Grundwasserreservoir, aus dem die Versorgungsbetriebe das Leitungswasser pumpen.



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