AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 52/2008

Ernährung: Dünger fürs Gehirn

Von Jörg Blech

Kann essen klüger machen? Hirnforscher und Ernährungswissenschaftler haben sich darangemacht, die Wirkung der Nahrung auf das Gehirn zu erkunden. Fleisch, Fruchtsaft und Rüben scheinen Balsam für die Nerven zu sein. Besonders gut fürs Denkorgan aber ist Fisch.

Die 120 Babys verputzten ihren Brei im Dienst der Wissenschaft. Die eine Hälfte bekam vom vierten bis zum zehnten Monat Fertigmenüs, die acht Prozent Fleisch und Maiskeimöl enthielten. Die anderen Kinder wurden mit deftigerer Kost ernährt: anderthalbmal so viel Fleisch und Raps- statt Maisöl.

In der noch unveröffentlichten Studie geht es darum, ob das Gehirn von Babys so mit Nährstoffen versorgt wird, dass es seine kognitiven Fähigkeiten voll ausbilden kann. "Die Ernährung der Babys in Deutschland ist ja eigentlich gut", sagt Mathilde Kersting vom Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund. "Aber wir wollen wissen, ob man sie noch verbessern kann."

Im amerikanischen Boston ist es der Verhaltensbiologe James Joseph von der Tufts University, den umtreibt, welche Stoffe in Fisch, Fleisch, Obst und Gemüse die Geisteskraft stärken. Nach seiner Überzeugung birgt die rechte Auswahl von Speisen ein noch weitgehend ungenutztes Potential. "Viele von uns unterschätzen den Einfluss, den das Essen auf das Gehirn haben kann."

In Los Angeles schließlich widmet sich der Neurobiologe Fernando Gómez-Pinilla an der University of California dem Phänomen. "Die Nahrung wirkt auf das Gehirn wie ein Arzneimittel", erklärt der gebürtige Chilene, dessen Forschung sich vor allem um Omega-3-Fettsäuren dreht.

Gewiss, Ratgeber zur gesunden Ernährung füllen schon heute die Regale in den Buchhandlungen. Doch wie ein Schnitzel oder ein Apfel auf die Leistungsfähigkeit des Gehirns wirken, das war bis vor kurzem erstaunlich wenig erforscht, geschweige denn wissenschaftlich abgesichert.

Ganz im Gegenteil: Etliche Neurowissenschaftler dachten lange Zeit, die genaue Zusammensetzung der Nahrung spiele für Intelligenz und Kognition gar keine Rolle, solange nur die Grundversorgung des Gehirns gewährleistet sei. Und für viele Botenstoffe im Gehirn stimmt das ja auch: Etliche Neuropeptide bestehen aus einfachen Aminosäuren, die der Körper selbst herstellen kann, ganz egal ob aus Leberwurstbrot oder Tofuschnitte.

Für andere, nicht minder wichtige Stoffe im Gehirn jedoch zeichnen Neurowissenschaftler inzwischen ein anderes, vielschichtigeres Bild: Unser täglich Brot wirkt demnach direkt auf das Gehirn und manipuliert unweigerlich die Herstellung bestimmter Chemikalien darin.

Im Weihnachtsbraten zum Beispiel ist die Aminosäure Tryptophan enthalten, die der Mensch nicht selbst herstellen kann. Über den Blutkreislauf gelangt sie in das Oberstübchen, wo Enzyme sie in den potenten Botenstoff Serotonin umwandeln. Dieser wirkt pharmakologisch gesehen wie ein Antidepressivum und löst ein Gefühl wohliger Schläfrigkeit aus.

Ein Mahl kann den Geist aber nicht nur glücklich machen, sondern den Verstand auch schärfen. "Es besteht die aufregende Möglichkeit", so der Neurobiologe Gómez-Pinilla, "dass man durch eine veränderte Zusammensetzung der Nahrung die kognitiven Fähigkeiten erhöhen, das Gehirn vor Schäden schützen und dem Altern entgegenwirken kann."

Kann der Mensch sich also buchstäblich schlauessen? Epidemiologische Studien deuten es an: Kanadische Wissenschaftler etwa haben kürzlich untersucht, wie sich mehr als 4500 Fünftklässler ernähren. Nachdem die Forscher andere Faktoren wie das Einkommen der Eltern, Vorbildung und Schulart herausgerechnet hatten, blieb eine Größe übrig: das Essen. Je ausgewogener (viel Obst und Gemüse, wenig gesättigtes Fett) sich die Schüler ernährten, desto besser konnten sie lesen und schreiben.

Hersteller von industrieller Nahrung wittern ein Geschäft und bringen schon entsprechende Produkte auf den Markt. Die Firma Hipp etwa vermarktet Babymenüs, die mit Omega-3-Fettsäuren angereichert sind. Der Schweizer Konzern Nestlé wiederum hat mit den Forschern der ETH Lausanne eine Vereinbarung zur "Erforschung der Beziehung zwischen Ernährung und Gehirn" geschlossen. Dafür zahlt das Unternehmen dem Brain Mind Institute der Hochschule eine Summe in Höhe von 25 Millionen Franken, verteilt über fünf Jahre.

Die Neugier der Hirnforscher und Lebensmittelentwickler richtet sich auf einen Zusammenhang, der die Evolution des Menschen entscheidend geprägt hat: Je reichhaltiger nämlich die Speisekarte des Menschen-Urahns, desto größer wurde auch sein Gehirn.

Besonders gut belegt ist der Zusammenhang für die Docosahexaensäure (DHA). Der Stoff gehört zur Klasse der Omega-3-Fettsäuren und kommt in großer Menge in den Membranen menschlicher Gehirnzellen vor. Dort ist er an der Übermittlung von Signalen beteiligt und bürgt für das normale Funktionieren des Gehirns.

Der Körper kann DHA kaum selbst herstellen; er muss es mit der Nahrung aufnehmen, etwa über fetten Fisch, worin DHA reichlich enthalten ist. Einige Paläontologen sind sogar überzeugt davon, dass der Zugang zu dieser Nahrungsquelle der Startschuss für die Entstehung des heutigen Menschen war: Erst nachdem die Hominiden des Fischfangs mächtig gewesen seien, sei das rasante Wachstum des Gehirns in Gang gekommen.

Ein Abweichen vom bewährten Speiseplan kann auch heute noch empfindlich aufs Denkorgan schlagen. Aufmerksamkeitsstörungen, Demenz, Rechtschreibschwäche und auch Schizophrenie - all das geht Studien zufolge mit einem Mangel an Omega-3-Fettsäuren einher.

Sogar die Hirngesundheit ganzer Nationen wird von den Ernährungsgewohnheiten seiner Einwohner geprägt. In Deutschland und anderen westlichen Staaten ist der Konsum von Omega-3-Fettsäuren in den vergangenen hundert Jahren dramatisch zurückgegangen - während die Rate von Depressionen auf ein höheres Niveau gestiegen ist. Nicht so in Japan, wo roher Fisch das Nationalgericht ist: Dort ist krankhafte Trübsal bis heute selten.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 25 Beiträge
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1. Red kein Blech
Lupol 25.12.2008
Da muessten ja die (Suedsee) Insulaner das meiste zum Weltkulturerbe beigetragen haben!?
2. Gesunde Ernährung
Vater Staat 25.12.2008
Zitat von sysopKann essen klüger machen? Hirnforscher und Ernährungswissenschaftler haben sich darangemacht, die Wirkung der Nahrung auf das Gehirn zu erkunden. Fleisch, Fruchtsaft und Rüben scheinen Balsam für die Nerven zu sein. Besonders gut fürs Denkorgan aber ist Fisch. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,597556,00.html
Die Vorstellungen, wie gesundes Leben bzw. gesunde Ernährung aussehen, ändern sich alle paar Jahre. Am Ende zählt nur: Wer gesund (bzw. wenig krank) ist, hat recht.
3. Wider alles falsch gemacht .
Born to Boogie 25.12.2008
Verdammt - und ich habe zu Weihnachten Fasan gekauft . . . Na ja, dann eben dumm aber glücklich !
4. und wenns nicht schmeckt?
Quacksalber 25.12.2008
Bei mir sind Sushi, Weihnachtsbraten und Currywurst die drei Ernährungssäulen. Soweit ist also bei mir alles in Ordnung, wie ist es aber bei Menschen, denen das nicht schmeckt? Müssen die sich quälen, Sachen die ihnen nicht schmecken zu essen, nur um "gesund" zu bleiben? Wahrscheinlich nicht, denn dieser Artikel ist über Umwege (Lobbyarbeit des Forschers) von einer Nahrungsergänzungsmittel-Firma iniziiert. Wir werden bald an dieser Stelle einen Artikel finden, der uns erklärt, das Problem sei gelöst, wir müssten nur die Fischöl-Braten-Curry-Omega-Fettsäurenkapsel der Firma X aus dem Supermarkt kaufen. Und am besten noch allen unseren Kindern 3x täglich geben. Vielleicht kann man Gehirngröße und -funktion auch anders verbessern? Vielleicht indem man so einen Humbug einfach nicht liest?
5. Fisch
wakaba 25.12.2008
Meeresfrüchte sind was ganz feines - nur nicht mit schweren Saucen töten, möglichst lebendig, roh oder leicht gegrillt. Einige Ausnahmen, Cajun-Stil. USA: Ein Seafood-Gumbo ist wohl eine der grössten zivlisatorischen Errungenschaften. Japan: Kleine rohe Tintenfische, so frisch filettiert das sich die Augen noch bewegen - kommt gleich danach. Fritierte Krabben - die sich gerade gehäutet haben und als ganzes gegessen werden, weil weich, mmmmm... Nordafrika: Frische Sardellen, filettiert, roh, etwas Limettensaft und runter, dazu lokale Austern, einfach göttlich. Als Nachschlag Bärenkrebsschwänze, leicht angegrillt. Machts intelligenter? Ist egal, transzendentes Essen entspannt einfach.
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