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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 52/2008

Hollywood: Helden vor Hakenkreuzen

Das Attentatsdrama "Operation Walküre" mit Tom Cruise kommt weltweit in die Kinos - einer von vielen neuen amerikanischen Spielfilmen, die den Nationalsozialismus und den Holocaust zur bloßen Kulisse für spannende Unterhaltung machen.

Eine Heldengeschichte, was sonst. Ein junger Offizier, glühend und tollkühn, riskiert sein Leben, kämpft gegen das Reich des Bösen und gewinnt am Ende, natürlich, seinen Kampf. Der Mann, der den Offizier verkörpert, heißt Tom Cruise, und der Film heißt Top Gun", eine Art zweistündiges Rekrutierungsvideo für Kampfpiloten. Das war 1986, kurz vor dem Ende des Kalten Krieges. Tom Cruise gilt seitdem als Superstar.


22 Jahre später, derselbe Darsteller, ein anderer Offizier. Diesmal einer mit Augenklappe, außerdem mit Reichsadler und Hakenkreuz auf der rechten Brust seiner Uniform. Tom Cruise spielt Claus Schenk Graf von Stauffenberg, jenen Mann, der Adolf Hitler am 20. Juli 1944 mit einer Bombe töten wollte, als Auftakt eines großen Staatsstreichversuchs. Eine Heldengeschichte, was sonst. Der Film zum Attentat heißt "Operation Walküre", er startet am zweiten Weihnachtsfeiertag in den USA und am 22. Januar in Deutschland, und er soll Cruise' Karriere retten.

In Deutschland, wo "Operation Walküre" schon seit fast zwei Jahren Gegenstand heftiger zeitgeschichtlicher Debatten ist, wird der Stauffenberg-Film von vielen verstanden als Chance auf eine Ehrenrettung - dank Hollywood sollen die Deutschen zeigen können, dass es auch die anderen gab, die guten Deutschen, die Nein-Sager, die Widerständler.

Bereits während der Dreharbeiten im Sommer 2007 glaubte die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" zu wissen, das Leinwandwerk werde "das Bild von Deutschland in der Welt auf Jahrzehnte prägen". Und Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck ("Das Leben der Anderen") behauptete, für Deutschland sei der Film wichtiger "als zehn Fußball-Weltmeisterschaften".

Doch das ist ein gewaltiges transatlantisches Missverständnis. "Valkyrie" (Originaltitel) ist kein Stück filmischer Zeitgeschichte - und war auch nie als solches angelegt. Die "Operation Walküre" ist vielmehr ein Star-Vehikel, das den Nationalsozialismus als historische Fototapete für einen Thriller einsetzt, der seinen Hauptdarsteller in denkbar strahlendes Heldenlicht tauchen will. Und was könnte heldenhafter sein als der Versuch, den größten Schurken der Weltgeschichte in die Luft zu jagen?

"Wer will Hitler nicht umbringen?", sagte Tom Cruise, 46, vorige Woche in einem Interview. "Ich meine, sorry, aber wer möchte diese Chance nicht haben, allein, um das Gefühl zu erleben?"

"Operation Walküre" ist nur der prominenteste in einer ganzen Reihe von aktuellen amerikanischen Filmen, die völlig ungehemmt, teils geradezu naiv, Geschichten über den Nationalsozialismus und sogar den Holocaust erzählen. Man könnte es einen Dammbruch nennen: Das lange gültige Tabu, die Schrecken zwischen 1933 und 1945 in Bilder und Erzählhandlungen zu fassen, das noch Steven Spielberg bei seiner Verfilmung von "Schindlers Liste" (1993) heftige Debatten über die moralische Legitimität seines Films eingetragen hatte - dieses Tabu liegt vollends in Trümmern. Und mehr noch: Etliche der neuen Filme stellen ihre Erzählungen nicht mehr in den Dienst der Historie. Sie stellen die Historie in den Dienst ihrer Storys.

Die ästhetische Sonderstellung, die den Respekt vor den einzigartigen Schrecken der NS-Zeit bezeugt hatte, ist mit dieser Instrumentalisierung aufgehoben. Faschistischer Terror, Konzentrationslager, Judenvernichtung, das alles - so deutet sich in diesem Winter an - wird zu einem Thema wie jedes andere. Und zur Spielmasse für begabte oder weniger begabte Filmkünstler. "Für das amerikanische Publikum ist der Holocaustfilm inzwischen mehr oder weniger ein Genre wie der Western oder das Sandalenepos, das weniger mit Historie zu tun hat als mit der vermuteten Erwartungshaltung der Zuschauer", analysierte vor kurzem die "New York Times".

Gleich mehrere Filme über den Holocaust sind in diesen Wochen in die US-Kinos gekommen, darunter "Ein Leben für ein Leben - Adam Resurrected", in dem Jeff Goldblum einen jüdischen Entertainer spielt, der das KZ überlebt (Deutschlandstart am 19. Februar); oder auch "Der Junge im gestreiften Pyjama", in dem der neunjährige Sohn eines KZ-Kommandanten durch den Stacheldrahtzaun hindurch eine Freundschaft mit einem gleichaltrigen jüdischen Jungen beginnt (Deutschlandstart am 7. Mai).

Jason Cassidy vom Verleih Miramax, der den "Jungen im gestreiften Pyjama" in den USA vertreibt, glaubt gar, der Holocaust sei die perfekte Unterhaltung für Jung und Alt. Sie hätten sich alle Mühe gegeben, den von David Thewlis gespielten KZ-Kommandanten als guten Vater zu zeigen, sagt er stolz: "Die Leute neigen dazu, Holocaustfilme in einen Topf zu werfen. Doch dieser Film soll eine Erfahrung für die gesamte Familie sein." Mach dir ein paar nette Stunden, geh mit deinen Kindern ins Kino, und schau dir Menschen im KZ an.

In "Miracle at St. Anna" erzählt Spike Lee vom heldenhaften Kampf schwarzer US-Soldaten, die 1944 ein italienisches Dorf gegen die Deutschen zu verteidigen versuchen. Und das Widerstandsdrama "Defiance" (Deutschlandstart am 5. März) behandelt ein wenig bekanntes Kapitel des Kampfs gegen die Nazis: Regisseur Edward Zwick schildert die Geschichte der sogenannten Bielski-Partisanen, Bewohnern eines jüdischen Ghettos in Weißrussland, die 1941 vor deutschen Truppen in die Wälder flüchteten und von dort aus bis 1944 ihren übermächtigen Gegner nach und nach zermürbten. James-Bond-Darsteller Daniel Craig in der Hauptrolle darf diesmal nicht als britischer Geheimagent 007, sondern als jüdischer Freiheitskämpfer Vergeltung üben.

Angesichts der aktuellen Filmflut befürchtet die Fachzeitschrift "Variety" schon einen "Holocaustfilm-Burnout" der Zuschauer.

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