AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 52/2008

Geburtstag: Beherzt und mitfühlend

Von Gerhard Schröder

Bundeskanzler a. D. Gerhard Schröder, 64, gratuliert Bundeskanzler a. D. Helmut Schmidt zum 90. Geburtstag.

Gerade jetzt, während der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise, erinnern sich viele in Deutschland mit Respekt, Bewunderung und Hochachtung an die Kanzlerschaft von Helmut Schmidt. "Ein Staat braucht eine Führung, die das Management einer Krise beherrscht und beherrschen will", hat Schmidt 1986 in seiner Rede anlässlich seines Abschieds aus dem Deutschen Bundestag betont. Diese Einschätzung bleibt unverändert aktuell.


Sucht man nach einem Begriff für das Besondere, das Einzigartige der Kanzlerschaft von Helmut Schmidt, dann ist es "Führung". Wie nur wenige in der deutschen Nachkriegsgeschichte hat er es verstanden, durch beherztes staatliches Handeln Krisen zu bewältigen und zugleich den Menschen Orientierung in Zeiten der Unsicherheit zu geben. Demokratische Institutionen beziehen ihre Legitimation und Glaubwürdigkeit auch aus der Entschlossenheit, mit der Politiker agieren. Fehlt es daran, besteht gerade in Krisenzeiten die Gefahr, dass die Bürger sich von der Demokratie abwenden. Dies ist auch eine Lehre aus unserer Geschichte. Und vor diesem Hintergrund und seinen persönlichen Erfahrungen mit der Kriegszeit hat Helmut Schmidt Politik gestaltet.

Es ist kein Geheimnis: Helmut Schmidt als Person war für mich der Grund, 1963 in die SPD einzutreten. Schmidts "Schnauze", seine mit Pragmatismus verbundene rhetorische Brillanz hatten mich beeindruckt. Parlamentsdebatten enthielten in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht nur rhetorische Höhepunkte, sondern bildeten auch ein Forum für intellektuelle Auseinandersetzungen. Als junge Menschen verfolgten wir gebannt am Radio oder Fernseher diesen Schlagabtausch im Parlament und die großen Auftritte von Herbert Wehner und dem damaligen Kanzler Kurt Georg Kiesinger, Fritz Erler und Franz Josef Strauß. Und eben Helmut Schmidt.

Zu meinen Juso-Zeiten hatte ich mich politisch von ihm entfernt. Aber nie konnte ich mich seiner argumentativen, rhetorischen Kraft entziehen. Und auch wenn wir Jusos damals ideologisch mit ihm über Kreuz lagen, so gestanden wir uns heimlich ein, dass er ein erfolgreicher, international hochangesehener Kanzler war, für den man eben doch in die Wahlkämpfe 1976 und 1980 zog.

Später als Bundeskanzler habe ich seinen Rat geschätzt, vor allem in den Tagen nach dem 11. September 2001 und bei der für mich so schwierigen Entscheidung, den Einsatz deutscher Soldatinnen und Soldaten im Kampf gegen den Terror mit der Vertrauensfrage im Deutschen Bundestag zu verbinden. Aber auch in den Monaten, als Deutschland sich dem Krieg im Irak verweigerte.

Auch heute noch, außer Diensten, wird seine Stimme gehört, sein Rat gesucht und Wert auf seine Einschätzung gelegt. Nicht nur seine Geradlinigkeit besticht immer wieder, sondern vor allem sein rationaler, unverstellter Blick auf die internationale Lage. Er denkt stets in globalen politischen Kategorien und ist damit immer schon seiner Zeit voraus gewesen. Seine Verdienste um die europäische Einigung sind groß. Mit dem damaligen französischen Präsidenten Giscard d'Estaing ordnete er das Europäische Währungssystem neu und schuf damit die Basis für die gemeinsame Währung. Gerade in der aktuellen Finanzkrise sind wir dankbar für die stabilisierende Kraft, die diese Wegweisung entwickelt hat.

Zu seinen großen Leistungen gehört der Erfolg des Prozesses der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Dieser KSZE-Prozess hat, in seiner Wirkung bedeutender als der Nato-Doppelbeschluss, zum Fall der Mauer und zur Überwindung der Spaltung Europas und Deutschlands geführt.

Bei Schmidt fand Interessenausgleich stets durch Dialog und Kooperation statt. Das betrifft auch das Verhältnis Deutschlands und Europas zu Staaten wie Russland und China. Diese Kontinuität deutscher Außenpolitik der Kanzler von Adenauer bis Kohl habe ich in meiner Amtszeit gewahrt. Mit Helmut Schmidt bin ich mir einig, dass von diesem Weg nicht abgewichen werden sollte.

Die schwierigsten Situationen für einen Bundeskanzler sind nach meiner Erfahrung jene, die über Leben und Tod von Menschen entscheiden. Im Jahr 2001, als es um unsere Beteiligung am internationalen Einsatz in Afghanistan ging, hat mich in meinen Überlegungen selbstverständlich auch die Legitimation des Militärischen beschäftigt. Aber noch mehr quälte mich die Verantwortung für die betroffenen Soldaten und ihre Familien sowie für mögliche zivile Opfer.

Helmut Schmidt hat im Herbst 1977 in der Konfrontation mit terroristischen Geiselnehmern diesen Zwiespalt schmerzlich gespürt. Er hat es dabei nicht an Entschlossenheit mangeln lassen, aber wir wissen auch um sein menschliches Mitgefühl. Es war eine Zeit, in der der Rechtsstaat an seine Grenzen gestoßen ist. Der Staat hat jedoch seine Schutzfähigkeit nicht preisgegeben und zugleich rechtsstaatliche Grundsätze gewahrt. Diese Balance angesichts eines enormen öffentlichen Drucks gehalten zu haben bleibt eine historische Leistung von Helmut Schmidt.

So möchte ich meinen Glückwunsch zum 90. Geburtstag am 23. Dezember mit einer tiefen Verneigung verbinden - vor einem großen deutschen Kanzler, einem wirklichen Europäer und einem großartigen Menschen.

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