AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/2009

Kriminalität: Der Staatsanwalt und die Phantome

Von Bruno Schrep

Als letzten Ausweg vor der Insolvenz begeben sich manche Unternehmer in die Hände illegaler Firmenbestatter. Ein Ermittler aus Gera, der die Machenschaften aufdeckte, eckte bei Kollegen und Vorgesetzten an - und wurde versetzt.

Zimmer 207, gelegen im zweiten Stock der Staatsanwaltschaft Gera, ist kein Büro zum Vorzeigen. Der graue Teppichboden ist verschlissen, das Mobiliar marode. Zwischen Leitz-Ordnern eingeklemmt steht ein Kinderfoto, nicht weit daneben eine Pappflasche mit der Aufschrift "Gourmet-Frühstücksdrink". Ansonsten Berge von Akten. Akten in den Regalen. Auf dem Schreibtisch. Auf dem Fußboden. In Kartons gezwängt. In beschrifteten Müllsäcken verpackt.

"Das hier ist nur der letzte Rest", sagt Staatsanwalt Frank Erdt und macht eine kreisende Handbewegung: "Die meisten Akten lagern längst im Gericht." Der 47-jährige Ermittler, ein großer blonder Mann im korrekt sitzenden dunkelgrauen Anzug, redet schnell und in kurzen, knappen Sätzen. Ja, über 2000 Strafverfahren habe er in dieser Sache eingeleitet. Nein, der Fall sei ihm nicht über den Kopf gewachsen. Doch, er würde es genau wieder so machen. "Man musste sich eben reinknien in diese Sache."

Diese Sache, das ist einer der großen Wirtschaftskrimis der Bundesrepublik und das umfangreichste Strafverfahren des Landes Thüringen. Es geht um viele Millionen Euro Schaden, um Tausende gelackmeierter Gläubiger und Dutzende Profiteure. Und um ein Delikt, das in Zeiten von Wirtschaftskrisen und zunehmender Pleiten deutlich Konjunktur hat: die illegale Liquidierung zahlungsunfähiger Unternehmen. Dafür gibt es inzwischen einen eigenen Begriff: "Firmenbestattung".

Diese Sache, das ist aber auch die Geschichte eines engagierten Staatsanwalts, der sich die unerbittliche Verfolgung einer Betrügerbande zur Lebensaufgabe machte, dem sein Jagdeifer allerdings kein berufliches Glück brachte.

Die Spur, die Staatsanwalt Erdt so hartnäckig verfolgte, führte ihn vom grauen Gera ins spanische Marbella, das Domizil vieler gutsituierter Bundesbürger. Nach dem noblen Badeort an der Costa del Sol nannte Erdt das Betrugskartell "Marbella-Connection".

Aufgenommen hatte Erdt die Spur im Jahr 2001, sie beginnt als kleiner Betrugsfall der Bauunternehmerin Franziska H.

Die Geschäftsfrau wehrt sich vehement gegen den Vorwurf, ihre Gläubiger behumst und die Insolvenz ihrer Firma verschleppt zu haben. Sie sei nicht mehr Geschäftsführerin, behauptet sie vor Gericht, habe den Betrieb längst an einen Investor in Spanien verkauft. Mit den blöden Schulden habe sie deshalb nichts mehr zu tun. Hier sei die neue Adresse, bitte sehr.

Ermittler Erdt, in Gera zuständig für Wirtschaftskriminalität, wird stutzig. Er vergleicht den Namen des Firmenkäufers mit Handelsregisterlisten, die er sich aus dem Internet zieht - und siehe da: Der neue Gesellschafter und Geschäftsführer der maroden Baufirma hat gleich 50 Pleitefirmen aufgekauft, quer über die Bundesrepublik verteilt. In Villingen und Ravensburg, in Stadthagen und Darmstadt, in Hildesheim und Dortmund. Überall dort laufen Verfahren wegen Insolvenzverschleppung und Bankrott, trauern Gläubiger ihrem Geld nach.

Weil einige Fälle auch im Raum Gera spielen, fordert Erdt bei Kollegen anderer Staatsanwaltschaften die Ermittlungsakten an - sie werden gern geschickt. Erstens, weil jeder Einzelfall für sich allein eher geringfügig erscheint. Zweitens, weil komplizierte Wirtschaftsverfahren viel Wissen und noch mehr Zeit erfordern, meist schwer beweisbar sind und oft genug mit Freispruch oder Einstellung enden. Drittens, weil mit der Thematik überforderte Ermittler froh sind, den Kram loszuwerden.

Erdt dagegen, aufgewachsen im niederrheinischen Moers, hat im bayerischen Passau nicht nur Jura studiert, sondern auch Marketingvorlesungen besucht. Er versteht etwas von Wirtschaft, kann Bilanzen lesen. Fortan brütet er 12 bis 14 Stunden täglich, auch an den Wochenenden, über Akten aus ganz Deutschland. Stößt auf neue Namen, auf neue Verbindungen, rekonstruiert Zusammenhänge. Erkennt, dass die verschiedenen Puzzleteile aus allen Ecken der Republik ein großes Ganzes ergeben: die Marbella-Connection, eine straff geführte kriminelle Organisation mit klarer Aufgabenteilung. Oben die Drahtzieher, in der Mitte die Abwickler, unten die Indianer.

Als Boss ortet Erdt den früheren Handelsschullehrer Herbert Elders. Der graubärtige Jaguar-Fahrer, ein resoluter Mittsechziger, residiert in einer Luxusvilla in den Bergen von Marbella und hat eine mehrköpfige Führungsriege um sich geschart: seine Ehefrau, den früheren Rechtsanwalt Claus Krause aus Kleve und Norbert G., der sich gern als "Professor" vorstellt.

Die Vorgehensweise der Bande ist immer gleich. Von Marbella aus schalten Elders, der sich als Steuerberater ausgibt, und seine Komplizen reihenweise Anzeigen in großen deutschen Tageszeitungen und im Internet. "Statt Konkurs: GmbH-Verkauf" locken knallige Überschriften, oder noch unmissverständlicher: "Bringen Sie Ihre Schäfchen ins Trockene" und "Schulden ade". Im Text wird den Interessenten nahegelegt, sich ihrer Firma "mit einer einfachen Sitzverlegung nach Spanien zu entledigen, damit niemand an den Rest Ihres Vermögens kommt".

Wer sich meldet, und das sind Hunderte klammer Firmenchefs, die Angst vor der Zwangsvollstreckung, vor der Einsetzung eines Insolvenzverwalters oder vor ihren Gläubigern haben, bekommt Besuch von sogenannten Repräsentanten - alerten Vermittlern, die kurz mal in die Bücher gucken und dann um die Konditionen feilschen. Pro Firmenübernahme kassiert die Connection zwischen 5000 und 15.000 Euro - Geld, das die Verkäufer schwarz zu ihren maroden Betrieben dazulegen. "Weg mit Schaden", so heißt das Motto. Offiziell wird der jeweilige Betrieb zu einem imaginären Preis verkauft, der nie gezahlt wird. Nach der Kontaktaufnahme tauchen die Repräsentanten nicht mehr auf.

Den Rest erledigen Strohmänner. Sie begleiten die alten Firmeninhaber zum Notar, schließen die Kaufverträge ab und lassen sich als neue Geschäftsführer im Handelsregister eintragen. Oft kreuzen sie zu den Notarterminen mit gefälschtem Pass und unter falschem Namen auf. Drogenabhängige sind darunter, hochbetagte Senioren, sogar Hausfrauen, die einen Nebenverdienst suchen. Erdt bezeichnet die Strohleute mit der falschen Identität als "Phantome".

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