AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/2009

TV-Macher "Late Night kann nur Harald"

Der frühere Sat.1-Chef und Constantin-Boss Fred Kogel über Ödnis im Fernsehen, Leo Kirchs Abneigung gegen "Big Brother" und das bevorstehende Ende des Duos "Schmidt & Pocher"


SPIEGEL: Herr Kogel, waren Sie dieses Jahr auf der "Bambi"-Verleihung?

Kogel: Ja.

SPIEGEL: Und? Haben Sie's ausgehalten?

Kogel: Gott, man weiß ja vorher, auf was man sich dort einlässt: Das sind große Weihefeste für die Branche. Wer sich dem nicht aussetzen mag, soll nicht hingehen. Hinterher draufzuprügeln ist billig.

SPIEGEL: Man kann auch während so einer Veranstaltung draufprügeln wie Marcel Reich-Ranicki bei der diesjährigen Verleihung des Deutschen Fernsehpreises.

Kogel: Das war grandios. Ohne Reich-Ranicki wäre die ganze Show wieder fürchterlich langweilig gewesen. Toll waren auch diese deutschen Betroffenheitsgesichter im Publikum wie Veronica Ferres. Der Höhepunkt war dann aber das ZDF-Nachgespräch zwischen Reich-Ranicki und Thomas Gottschalk, in dem herauskam, dass Ranicki unter toller Fernsehunterhaltung Brecht und Shakespeare versteht. Das hätte nur noch getoppt werden können von einem Streitgespräch zwischen Ranicki und einem Finanzinvestor, bei dem dann rausgekommen wäre, dass beide keine Ahnung von Fernsehen haben.

SPIEGEL: Sie sind seit 27 Jahren im deutschen Medienzirkus unterwegs, unter anderem als Sat.1-Boss, ZDF-Unterhaltungschef und bis Ende des Jahres als Vorstandsvorsitzender der Produktionsfirma Constantin Film. Finden Sie es nicht traurig, dass der Eklat von Reich-Ranicki der absolute Höhepunkt des Medienjahres ist?

Kogel: Natürlich ist das traurig, aber wenigstens hatten wir den.

SPIEGEL: Ist das Programm immer langweiliger geworden?

Kogel: Nicht grundsätzlich. Wir haben im deutschen Fernsehen eine irre Vielfalt. Was aber stimmt, ist, dass das Programm in den einzelnen Sendern unter dem Kostendruck einförmig geworden ist. Auch ich ertrage die 900. Kochshow nur noch bedingt. Und wenn man eine Sendung wie "Richter Alexander Hold" nicht nur von montags bis freitags nachmittags sendet, sondern vormittags wiederholt und dazu noch am Wochenende verheizt, muss der Eindruck entstehen, dass ein Sender nur noch aus Gerichtsshows besteht. Da fehlt mir die Begeisterung fürs Programm.

SPIEGEL: Man kann auch mit großer Begeisterung Schrott senden.

Kogel: Natürlich ist pure Begeisterung kein Qualitätskriterium, aber sie hilft, Qualität durchzusetzen. Und verstehen Sie mich nicht falsch: Constantin produziert nicht nur "Das Parfum" und den "Baader-Meinhof-Komplex", sondern eben auch "Richter Alexander Hold".

SPIEGEL: Mit Begeisterung?

Kogel: Ja, zwar nicht meiner persönlichen, aber es ist eine Meisterschaft, solche Programme professionell zu produzieren. Das mag nicht das Programm sein, das ich gucke, wird aber täglich von zwei Millionen Menschen nachmittags gesehen.

SPIEGEL: Die Privatsender waren ja eigentlich mal dazu da, die Ödnis der Öffentlich-Rechtlichen aufzubrechen.

Kogel: RTL am Samstagabend sieht heute genauso aus wie das ZDF in den achtziger Jahren. Nur leider sieht das ZDF eben heute nicht mehr so aus. Eine so gut gemachte Show wie "Das Supertalent" von RTL müsste heute eigentlich beim ZDF laufen.

SPIEGEL: Als Sie 1995 zu Sat.1 kamen, haben Sie Programmpolitik mit dem Scheckbuch gemacht. Für viel Geld haben Sie eine Moderatoren-Armada von Harald Schmidt bis Gottschalk eingekauft. Der Erfolg blieb erst mal aus.

Kogel: Im Verdrängungswettbewerb Mitte der neunziger haben alle Sender viel Geld ausgegeben. Sat.1 war damals eine Mischung aus "Glücksrad", Heizdeckenverkauf und US-Lizenzserien. Ich musste das ganze Programm umbauen. Da sind erst mal Zuschauer weggeblieben. Aber man muss Gesellschafter haben, die das aushalten und sich ernsthaft über Programm auseinandersetzen wollen. Natürlich gab es auch mit den damaligen Eignern, dem Springer-Verlag und Leo Kirch, ab und zu Streit, aber letztlich haben die mich machen lassen. In meinen sechs Jahren bei Sat.1 wurde von Hunderten Programmvorhaben nur eines abgelehnt.

SPIEGEL: Nämlich?

Kogel: "Big Brother". Heute kann ich das ja erzählen. Ich war mit dem Produzenten John de Mol befreundet, der extreme Probleme hatte, das Format unterzubringen. Auch RTL hatte abgesagt. Ich wusste, das Programm hat was, auch wenn es an die Schmerzgrenze geht. Im Aufsichtsrat gab es eine harte Qualitätsdiskussion, die war sicher berechtigt. Als es später bei RTL II ein Monster-Erfolg wurde, hat aber auch niemand gesagt: Hätten wir es bloß gemacht! Es war eine klare Entscheidung gefallen, aus Qualitätsgründen.



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Seite 1
Helmer, 27.12.2008
1.
Zitat von sysopDas Experiment "Schmidt & Pocher" ist beendet: Nach SPIEGEL-Informationen werden Harald Schmidt und Oliver Pocher ihre gemeinsame ARD-Sendung im April 2009 beenden. Gelingt es Harald Schmidt so, die Comedy-Latte wieder höher zu legen?
Sollte ich das wirklich beurteilen können?
MonaM 27.12.2008
2. Jauchzet, frohlocket!
Zitat von sysopDas Experiment "Schmidt & Pocher" ist beendet: Nach SPIEGEL-Informationen werden Harald Schmidt und Oliver Pocher ihre gemeinsame ARD-Sendung im April 2009 beenden. Gelingt es Harald Schmidt so, die Comedy-Latte wieder höher zu legen?
Ein Weihnachtswunder! Die erste erfreuliche Nachricht seit langem! Mal sehen. Ohne Pocher besteht zumindest die Chance dazu.
HuFu 27.12.2008
3.
Zeit wird´s. Ich habe zwar die Sendung immer noch aufgenommen gehabt, aber generell! beim Pocher vorgespult! Ehrlich? Ich sah das Format schon im Aus. Es hätte keine Zukunft gehabt mit "Proll-Pocher". Auch wurden die Themen immer belangloser... Na ja, vielleicht kommt ja Herr Andrack wieder zurück oder der Herr Feuerstein. ;)
Pinarello, 27.12.2008
4.
Zitat von sysopDas Experiment "Schmidt & Pocher" ist beendet: Nach SPIEGEL-Informationen werden Harald Schmidt und Oliver Pocher ihre gemeinsame ARD-Sendung im April 2009 beenden. Gelingt es Harald Schmidt so, die Comedy-Latte wieder höher zu legen?
Iss doch kein Kunststück, tiefer geht die Comedy-Latte ja schon gar nicht mehr, Pocher war doch von der ersten Minute an Schmidts Seite zu 150% überfordert und fehl am Platze. Es ist wie beim Merkelchen, es geht nur noch aufwärts, immer weiter, immer weiter!
hjg, 27.12.2008
5.
Zitat von sysopDas Experiment "Schmidt & Pocher" ist beendet: Nach SPIEGEL-Informationen werden Harald Schmidt und Oliver Pocher ihre gemeinsame ARD-Sendung im April 2009 beenden. Gelingt es Harald Schmidt so, die Comedy-Latte wieder höher zu legen?
Endlich geht der Pocher zurück. Zurück zu Paul Panzer, Atze Schröder, Mario Barth und Zindie aus Marzipan oder wie die ganzen unwitzigen Proll-Pöbler noch so heißen. Es kann also nur besser werden bei Schmidt. Ich freu mich drauf.
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