AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/2009

Eine Meldung und ihre Geschichte Ans Ende der Welt

Warum eine junge Frau mit dem Traktor zum Südpol fahren will


Die Frau sitzt in blauer Latzhose und abgeschnittenen Hosenbeinen am Strand von Kapstadt, sie lässt die Füße ins Wasser baumeln und erzählt. Und so, wie sie redet, leichthin und charmant und unaufdringlich, klingt, was sie hinter sich hat, ganz normal. Und was sie vor sich hat, klingt auch ganz leicht.

Dabei ist es Wahnsinn. Beides; was sie getan hat, was sie tun will.

Manon Ossevoort ist mit einem Traktor von den Niederlanden ans Kap der Guten Hoffnung gefahren. Das allein wäre schon mehr als ungewöhnlich. Aber Manon will weiter.

"Ja, ich will an den Südpol", sie lacht, sie pustet die Haare aus der Stirn. Drei Jahre und vier Monate war sie auf ihrem Trecker unterwegs, durch zwei Kontinente, 22 Länder, 38.000 Kilometer hat sie zurückgelegt, sie ist jetzt 32 Jahre alt. Im südafrikanischen Kapstadt, wo sie vor kurzem angekommen ist, macht sie ein Jahr lang Pause. Im antarktischen Sommer soll es weitergehen, an den Südpol.

Warum? Das ist die Frage, die alle stellen. Als Antwort erzählt Manon ihr Leben.

Sie kommt vom Land, aus einem kleinen Dorf bei Almelo, unweit der niederländisch-deutschen Grenze. Ihre Eltern sind Landwirte, man redet nicht zu viel in diesem Teil der Welt, man lebt und arbeitet im Rhythmus der Jahreszeiten. Auffällig ist Manon nicht als Kind, vielleicht hat sie ein bisschen mehr gelesen, ein bisschen mehr geträumt als ihre Zwillingsschwester und ihr jüngerer Bruder. Sie macht Abitur, sie studiert Kleinkunst und Tanz, legt das Diplom an Amsterdams berühmtester Theaterschule ab. Sie ist 24, als in ihr die Idee einer Reise ans Ende der Welt zu reifen beginnt, ad finem terrae. Ein Traktor, das scheint das passende Fahrzeug dazu, schließlich kommt sie vom Land. "Einen richtigen Traum hast du nur, wenn du das Maximale für dich selbst erreichen willst."

Als sie den Eltern im heimischen Wohnzimmer ihre Pläne vorträgt, herrscht minutenlanges Schweigen. "Lass uns nicht darüber reden", sagt der Vater schließlich. "Wenn du es machen willst, mach es."

Sie ist 27, als sie mit den Vorbereitungen beginnt, und sehr naiv. Sie weiß nichts über Afrika, sie weiß nicht, dass ihr Traktor, Jahrgang 1975, so langsam und der Tag am Äquator so kurz ist. Dass Diesel am Südpol als Treibstoff unbrauchbar ist.

Manon lässt sich einen überdachten Aufbau hinter dem Sitz konstruieren. Fürs Gepäck, aber auch, um dort zu schlafen. Damit sie gleich losrollen kann, falls Gefahr droht. Es drohte in den 40 Monaten nicht ein einziges Mal Gefahr, sagt sie.

Wo immer sie haltmacht, tritt sie auf, tanzt, singt, spielt - und sammelt im Gegenzug Träume. Erzählte und aufgeschriebene. Es kommen Tausende zusammen. Manon will sie am Südpol im Eis versenken. Vielleicht für immer, vielleicht veröffentlicht sie die Träume irgendwann - sie weiß es noch nicht.

Natürlich gab es Schwierigkeiten. Sie war bereits im Kosovo, als sie erfuhr, dass sie aus Griechenland nicht nach Ägypten übersetzen kann. Also dieselte sie wochenlang zurück ins italienische Genua. Nach einem Jahr, sie hatte gerade Ägypten erreicht, befiel sie Heimweh. Noch ein weiteres Jahr auf dem Traktor? Es erschien ihr unvorstellbar. Südlich von Ägypten stieß, wie verabredet, zu ihrem Schutz ein Team in Begleitfahrzeugen dazu. Doch Manon war zu langsam, und das Team erschwerte den sonst so unbefangenen Kontakt zu den Menschen. Man trennte sich nach wenigen Wochen.

Aus der "Süddeutschen Zeitung"

Aus der "Süddeutschen Zeitung"

Stecken blieb sie nie mit ihrem Traktor. Im Gegenteil, sie half den Gestrandeten. Im Sudan zog sie einen havarierten Bus 140 Kilometer weit bis nach Khartum. In Simbabwe traf sie tief in der Provinz auf eine Hochschwangere. Die Wehen hatten eingesetzt, das Baby lag falsch im Bauch der Mutter, bis zum nächsten Krankenhaus waren es 60 Kilometer. Manon sagte, ich bin sehr langsam. Die Frau sagte, nimm mich trotzdem mit. Manon und der Traktor gaben alles und brauchten dennoch fünf Stunden. In der Klinik musste sie für 48 Dollar Medikamente kaufen. Sie fluchte - und sie bezahlte. Zwei Stunden später war das Baby da, die Mutter taufte es Manonika.

Nun sitzt sie in Kapstadt am Strand, wo der Sommer gerade Einzug hält. Sie blickt nach Süden. 4000 Kilometer Seeweg sind es bis zum antarktischen Schelfeis. In einem Jahr, wenn am Südpol Sommer ist und die Temperaturen auf minus 40 bis null Grad ansteigen, soll es weitergehen. Eine erfahrene Führerin für den 1700 Kilometer langen Trip hat sie schon, einen kältefesten Mechaniker sucht sie noch. Dazwischen liegen ein Wintertraining in Kanada und die Suche nach Sponsoren. Sie braucht 300.000 Euro, um den Traktor auf Raupe umrüsten zu lassen, um den Dieselmotor auszutauschen gegen einen Kerosinmotor, um die Versicherung zu bezahlen - falls der Traktor liegen bleibt und geborgen werden muss.

Zur Not will sie zu Fuß weiterziehen, sagt sie und lächelt, und es klingt verrückt, aber andererseits auch ganz normal.



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