AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/2009

Medizin Echo im Ohr

Ab sofort werden alle Neugeborenen auf Schwerhörigkeit getestet. Was bringen diese Massenuntersuchungen wirklich?

Von Tania Greiner und


Jedes Jahr werden von nun an rund 70.000 Elternpaare die Schreckensnachricht erhalten, ihr soeben geborenes Baby sei möglicherweise schwerhörig.

Hörtest bei Neugeborenem: Auffälliger Befund bei jedem zehnten Baby
DDP

Hörtest bei Neugeborenem: Auffälliger Befund bei jedem zehnten Baby

Routinemäßig wird ab 1. Januar jedem Neugeborenen noch in der Klinik ein weißer Plastikstab in die Ohren gedrückt. Er misst die "otoakustischen Emissionen", jene zarten Schallwellen, die als eine Art Echo entstehen, wenn ein gesundes Innenohr gereizt wird.

Bei jedem zehnten Baby liefert der Hörtest einen auffälligen Befund. Doch dann werden die Eltern vom Klinikpersonal beruhigt: Tatsächlich bestätige sich die Diagnose einer beidseitigen Schwerhörigkeit am Ende nur bei rund 800 Kindern. Bei allen anderen schlage der Hörtest aus anderen Gründen Alarm, etwa, weil kurz nach der Geburt noch Reste des Fruchtwassers den Gehörgang verstopfen.

Die Gründe für das neue Screening, das bereits in Modellregionen erprobt wurde, sind durchaus ehrenwert: Schwerhörige Kinder sollen nicht wie bislang erst im Alter von zwei bis vier Jahren, sondern möglichst schon in den ersten sechs Lebensmonaten identifiziert und mit einem Hörgerät oder einem sogenannten Cochlear-Implantat im Innenohr behandelt werden. Auf diese Weise sollen spätere Sprachstörungen vermieden oder verringert werden.

Jahrelang haben Interessenverbände, Kinder- und HNO-Ärzte in harter Lobbyarbeit darauf hingewirkt. Jetzt müssen die Krankenkassen für die Massentests zahlen. Dabei haben Studien bislang nicht eindeutig nachweisen können, wie sehr sich die Sprachentwicklung schwerhöriger Kinder durch eine Frühsterkennung wirklich verbessern lässt. Auch der Grad der Schwerhörigkeit sowie das Engagement der Eltern könnten möglicherweise eine wichtige Rolle spielen. Letztendlich sei die Entscheidung für oder gegen ein Screening "keine Frage der medizinischen Notwendigkeit, sondern eine gesellschaftliche und individuelle Werteabwägung", konstatierte das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen in seinem Bericht, der die Grundlage für die Entscheidung lieferte.

Nun droht dem Mammutprojekt ein organisatorisches Chaos. So fehlen vielerorts noch die Testgeräte. Mangelware sind vor allem die teuren Instrumente für die sogenannte Hirnstammaudiometrie. Mit diesen Untersuchungsapparaten muss bei Kindern mit auffälligem Erstbefund die Reaktion des Gehirns auf akustische Reize getestet werden - um die Verdachtsfälle auf gut 10.000 einzugrenzen.

"Ich habe große Zweifel, ob ganz Deutschland schon für die Einführung der Hörtests gerüstet ist", urteilt Tadeus Nawka vom Universitätsklinikum Greifswald, Spezialist für frühkindliche Hörstörungen und eigentlich ein Befürworter des Screenings.

Denn es fehlen nicht nur die Testgeräte; auch die logistische Umsetzung dürfte noch große Probleme bereiten: Um innerhalb weniger Monate möglichst viele jener 800 schwerhörigen Kinder aus den 70 000 ursprünglich auffälligen herauszufiltern, wäre eine straffe Organisation erforderlich, die dafür sorgt, dass die Eltern ihre Kinder auch wirklich zu den weiteren Untersuchungen bringen.

Doch statt wie in Großbritannien eine zentrale Leitstelle zu schaffen, die alle Daten sammelt und die Eltern unter Druck setzt, soll das Screening-Ergebnis in Deutschland vorerst nur im Vorsorgeheft des Kindes protokolliert werden. Folglich hängt es von der Hartnäckigkeit der Kinderärzte ab, ob es tatsächlich zur Nachuntersuchung kommt.

Lediglich einige wenige Bundesländer, darunter Hessen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, haben in ihren bereits länger laufenden Modellprojekten einigermaßen funktionierende Screening-Leitstellen aufgebaut. Viele andere Länder haben nichts dergleichen zu bieten.

Die Erfahrungen aus den bisherigen Modellregionen zeigen eindeutig: Wenn sich die Organisatoren nicht intensiv um die Nachuntersuchung der auffällig getesteten Neugeborenen kümmern, geschieht oft gar nichts; viele Eltern jedenfalls verhalten sich, durch die hohe Fehlerquote der Tests beruhigt, erstaunlich passiv - oft sogar dann, wenn sie schriftlich an die fällige Nachuntersuchung erinnert werden.

In Hamburg beispielsweise gibt es zwar eine Screening-Leitstelle, die schon in der Vergangenheit Mahnbriefe an die Eltern der betroffenen Kinder verschickt hat; dennoch brachten nur etwa 40 Prozent ihre Neugeborenen zu den Folgeuntersuchungen. Auch in Mecklenburg-Vorpommern lag die Quote bloß bei 44 Prozent. Verbessern ließen sich diese Zahlen nur durch zusätzliche Telefonanrufe bei den Eltern - oder, wie in der Oberpfalz geschehen, durch die Einschaltung des Jugendamts.

Insgesamt, so die Schätzung von Experten, könnten mehr als die Hälfte der schwerhörigen Kinder trotz Screenings unbehandelt bleiben - ein Wert, der sich auch mit wesentlich kostengünstigeren Tests nur bei Risikokindern erreichen ließe.

Der Aufwand eines Screenings sei von vielen unterschätzt worden, meint Martin Ptok, ärztlicher Direktor der Klinik für Phoniatrie und Pädaudiologie der Medizinischen Hochschule Hannover. Und Götz Schade, Leiter der Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie der HNO-Klinik Bonn, hält die Enttäuschung für programmiert: "Wir werden bald merken, dass wir noch ziemlich weit davon entfernt sind, Hörstörungen bei Kindern möglichst früh und flächendeckend zu behandeln."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
Rainer Daeschler, 30.12.2008
1. Garantieansprüche
Zitat von sysopAb sofort werden alle Neugeborenen auf Schwerhörigkeit getestet. Was bringen diese Massenuntersuchungen wirklich? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,598715,00.html
Vielleicht wichtig für rechtzeitige Garantieansprüche, wenn man sie an das Krankenhaus zurückgeben, oder umtauschen will?
Rainer Helmbrecht 30.12.2008
2. ;o)
Zitat von sysopAb sofort werden alle Neugeborenen auf Schwerhörigkeit getestet. Was bringen diese Massenuntersuchungen wirklich? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,598715,00.html
Wenn Schwerhörigkeit bei Babys schon erkannt wird, kann man frühzeitig medizinische Maßnahmen ergreifen. Es dreht sich nicht "nur" darum, dass die Kinder nicht hören sondern, dass die gesamte Entwicklung dadurch beeinflusst wird. Es erscheint unmöglich, aber es gibt Eltern die sogar das Einschlafen eines Sehnervs nicht bemerken. Da halte ich eine fachmännische Begutachtung eines Kindes für durchaus angebracht und für billiger, als eine später erfolgende Behandlung, die dann doch nötig wird. MfG. Rainer
°Morticia° 31.12.2008
3. Test nicht zuverlässig
Dieser Test wurde auch bei unserem Sohn durchgeführt. Er hat ihn mit Bravour bestanden - 3 Jahre später hat man rausgefunden das er auf einem Ohr schwerhörig ist und das seit Geburt an. Die Idee mit dem Test finde ich gut und wichtig, schöner wäre es allerdings wenn er auch funktionieren würde. Frühzeitig erkannte Hörschäden bei Kindern ersparen den Kleinen und den Familien einen langen Leidensweg.
bayes 31.12.2008
4. Positives Testergebnis nur zu 3.85% korrekt
Es ist verständlich, dass viele Eltern nicht zur Nachuntersuchung gehen, wenn die Fehlerrate des Tests so groß ist. Mit den gegebenen Zahlen ergibt sich selbst bei einem positiven Zweittest (nach dem auffälligem Erstbefund) über die Reaktion des Gehirns auf akustische Reize lediglich eine Wahrscheinlichkeit von 3.85%, dass das Kind tatsächlich schwerhörig ist. Dies ergibt sich über die Rechenregeln für bedingte Wahrscheinlichkeiten: P(testPos|schwerh) = P(schwerh)*P(schwerh|testPos)/P(testPos)
wengin, 31.12.2008
5. Messfehler bei unserem Baby
Bei unserem im Juni geborenen Sohn wurde das Screening im Krankenhaus von einer Krankenschwester gemacht, der mit einem auffälligen Befund endete. Leider sagte man uns nicht, dass es so eine hohe Fehlerquote gibt, weshalb wir uns Sorgen machten, aber nicht zu sehr, da Baby offensichtlich auf Geräusche reagierte. Die Untersuchung die Woche drauf beim Ohrenarzt war nur noch auf einem Ohr auffällig. Der Ohrenarzt sagte, dass es wahrscheinlich am Fruchtwasser im Gehörgang liegt. Einige Wochen später gingen wir zur Nachuntersuchung und alle Tests belegten ein gutes Gehör. Glücklicherweise gehörten wir zu den 99% Befunden, die fehlerhaft sind. Ich finde die Untersuchung eine gute Sache. Man sollte aber die Eltern darauf hinweisen, dass es in den ersten Wochen eine hohe Fehlerquote gibt und dass man daher "guter Hoffnung" sein kann, dass es sich um einen Messfehler handelt.
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