AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/2009

Pop Der Marathon-Mann

Er ist einer der bekanntesten Deutschen. Mit seiner Band Die Toten Hosen steht er seit Wochen oben in der Hitparade, die Konzerte sind ausverkauft. Warum nur wirkt Campino trotz des Erfolgs so getrieben?

Von


Auf der neuen Platte der Toten Hosen gibt es ein Lied, das heißt "Ertrinken". In ihm fragt der Sänger: "Wo kommen all die Zweifel her / Die uns ins Herz geschlichen sind / Und uns in letzter Zeit so in Frage stellen?"

Andere Stücke dieses 19. Albums der Toten Hosen in 26 Jahren heißen "Angst", "Auflösen" oder "Pessimist". Sie handeln von Verunsicherung, der Sehnsucht nach Akzeptanz, dem Verlust von Träumen. Die Texte sind nicht besonders kompliziert, auch nicht ironisch. Sie sind direkt. Hier spricht jemand, der sich entschlossen hat, Hüllen fallen zu lassen; der seine Zweifel nicht mehr für sich behalten wollte. Das gibt es nicht so oft im Popgeschäft.


Warum also tut jemand so etwas, vor allem wenn dieser Mann Campino ist, der Sänger der Toten Hosen, nun auch an der Seite von Dennis Hopper Hauptdarsteller im neuen Wim-Wenders-Film; einer, der nie wieder arbeiten muss, den fast jeder Deutsche kennt, zu dem fast jeder eine Meinung hat. Warum zieht sich so einer derart aus?

Und tatsächlich steht Campino da und trägt nur eine blaue Unterhose, ein Sonntag im November, ein Backstage-Raum einer Konzerthalle, Bielefeld. In ein paar Stunden werden Die Toten Hosen - gegründet 1982, seitdem mehr als 11 Millionen verkaufter Alben - ein Aufwärmkonzert spielen, eine Generalprobe für die monatelange Tournee. Aus der Unterhose heraus gucken weiße Männerbeine, am seitlichen Schienbein eine verblichene Tätowierung, der gekreuzigte Jesus. Campino ist jetzt 46. Seine Beine werden auf Kniehöhe von einem grünen Gummiband zusammengehalten.

"Dies ist ein Experiment", sagt er und deutet auf das Gummiband. Die Toten Hosen, Deutschlands Vorzeige-Punkband, haben jetzt einen Physiotherapeuten: Aufwärmgymnastik, Regeneration, Ernährung, Massagen.

Der Physiotherapeut lässt Campino Übungen ausführen. Fünf Schritte in die eine, fünf in die andere Richtung. Es ist zu eng in dem Raum, es klappt nicht richtig, aber ein bisschen erinnert es an jene Bilder, die vom Training der deutschen Fußballnationalmannschaft zu sehen waren, kurz nachdem Jürgen Klinsmann gekommen war.

Andreas Meurer, genannt Andi, der Bassist der Gruppe, steht im Türrahmen und macht Fotos: "Früher haben wir um diese Uhrzeit eine Line Speed gezogen."

Dann werden Campino beide Füße bandagiert. Außerdem hat der Physiotherapeut schwarze Hightech-Nylonstrümpfe aus Australien kommen lassen und rät, diese über die Beine zu ziehen: "Dreißig Prozent mehr Durchblutung." Sie sehen aus wie Thrombosestrümpfe. Campino kämpft mit sich, das sieht man. "Wir haben gesagt, wir probieren das aus, also probieren wir es auch aus", sagt er und zieht die Nylonstrümpfe über. Zum Schluss schnallt er sich Kniebandagen um. An seinen Beinen ist jetzt nicht mehr viel Haut zu sehen.

Die Frage, ob man als Musiker oder gar Punkmusiker in Würde alt werden kann, ist inzwischen langweilig, da hinlänglich beantwortet: Man kann. Bob Dylan oder Iggy Pop, Neil Young oder Johnny Cash, sie alle zeigen oder haben gezeigt, dass sich die Haltungen des Rock von der Jugend entkoppelt haben.

Das neue Album der Toten Hosen heißt "In aller Stille", es ist musikalisch hart und treibend, textlich ziemlich düster und vielleicht die beste Tote-Hosen-Platte seit den frühen Neunzigern. Sie hat sich sofort an die Spitze der deutschen Hitparade gesetzt.

Im zweiten Lied singt Campino: "Andauernd macht man mir / Denselben Vorwurf / Ich ließe mich in letzter Zeit so gehen / Ich wär angeblich ausgebrannt / Und total abgefuckt", um dann im Refrain zu antworten: "Auch wenn niemand mir das glaubt / Innen ist alles neu / Ich seh nur von außen scheiße aus / Aber innen ist alles neu."

Es geht um dieses "Innen". Er hat sich darum viel gekümmert in den letzten Jahren, von denen er sagt, es seien die schwierigsten seines Lebens gewesen. Das letzte Album von 2004 war irgendwie misslungen, die Band selbst fand es starr, schwerfällig, verkrampft, etwas belanglos. Die Toten Hosen kündigten eine Pause an, die viele für die Auflösung der Band hielten.



© DER SPIEGEL 1/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.