Der Mann, den alle nur Maxe nennen, wollte ein Musterknabe werden, wenigstens nach der Haftentlassung. Markus W. hatte vor gut zehn Jahren für Schlagzeilen gesorgt und für internationales Entsetzen: Damals gehörte er zu jenen deutschen Hooligans, die während der Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich den Polizisten Daniel Nivel zum Krüppel schlugen. Vier Jahre lang saß er für die "gemeinschaftliche schwere Körperverletzung" in einem französischen Gefängnis.

Mitglieder der Hells Angels: "Wie ein Wirtschaftsunternehmen aufgestellt"
Doch Maxe war gerade zehn Wochen in Freiheit, da ermittelte die Polizei erneut gegen ihn wegen gefährlicher Körperverletzung - wenn auch ohne Ergebnis. Nach der Übertragung des Fußball-WM-Finales Deutschland gegen Brasilien im Sommer 2002 war er auf dem Schützenfest im heimatlichen Hannover in eine Schlägerei verwickelt. Seitdem musste Maxe wiederholt vor Richtern erscheinen, mal wegen der Beleidigung eines Türken, mal wegen eines Angriffs auf einen Algerier.
Sozialarbeiter wird er nun nicht mehr werden, eine Art gesellschaftlicher Aufstieg ist ihm dennoch gelungen: In Hannover hat sich Maxe zu einem führenden Mitglied der Rockerbande Hells Angels hochgearbeitet.
Markus W. alias Maxe ist im Visier von Polizei und Verfassungsschutz, auch weil er für eine besorgniserregende Entwicklung steht. Denn bundesweit konstatieren die Fahnder Kontakte deutscher Rocker zu militanten Neonazis. Bei der "Beobachtung der rechtsextremistischen Szene fallen bei den Verfassungsschutzbehörden Erkenntnisse über Verbindungen zu Rockern an", heißt es in einer Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage. Man habe "gelegentlich" Hinweise auf "gemeinsame Aktivitäten und Treffpunkte sowie einzelfallbezogene Kooperationen von Rechtsextremisten (insbesondere Skinheads) und Rockern, vor allem auf lokaler Ebene".
Solche "gemeinsamen Aktivitäten" auf "lokaler Ebene" gibt es in Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Baden-Württemberg. Am weitesten fortgeschritten ist nach Einschätzung von Ermittlern die Verflechtung zwischen Rockern und Rechtsextremen aber im Hannover-"Charter", wie Hells Angels regionale Unterorganisationen nennen.
Beim Hannover-Boss der Angels, Frank H., ist Markus W. inzwischen "Secretary". Als rechte Hand des Chefs gehört er damit neben dem "Treasurer" (Schatzmeister) und dem "Sergeant at Arms" (Sicherheitschef) zum inneren Zirkel des streng hierarchischen Clubs. Für die Fahnder vom Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen eine beunruhigende Entwicklung. Denn das Charter Hannover ist nicht irgendeins: Es gilt als größtes und zählt zu den einflussreichsten weltweit im Bund der Hells Angels.
Der Club in Hannover wird vom niedersächsischen LKA dem Dunstkreis der Organisierten Kriminalität zugerechnet. Eine achtköpfige Ermittlungsgruppe "EG 1 Prozent" kümmert sich um die Rocker. Der Name geht auf eine Selbsteinschätzung der Angels zurück, die gern darauf hinweisen, dass 99 Prozent ihrer Mitglieder gesetzestreu seien - es aber das eine Prozent der "Outlaws" gebe, der selbsternannten "Gesetzlosen".
Mögen die Hells Angels gern den Mythos eines friedlichen Clubs von Pfadfindern auf Motorrädern pflegen: Für die Ermittler der "EG 1 Prozent" arbeiten viele "Engel" wie eine kriminelle Bande, die "arbeitsteilig, gezielt und systematisch vorgeht", wie Frank Federau vom LKA erklärt. Sie bediene sich der Hilfe von PR-Profis und hochkarätiger Rechtsbeistände. In Teilen seien sie "wie ein Wirtschaftsunternehmen aufgestellt".
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