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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 2/2009

Kriminalität: Rechte Engel

Bislang hielten Rockerbanden die Polizei mit Gewalt, Drogen und Waffen in Atem. Nun alarmiert die Fahnder eine neue Bedrohung: Bei deutschen Hells Angels machen militante Neonazis Karriere.

Der Mann, den alle nur Maxe nennen, wollte ein Musterknabe werden, wenigstens nach der Haftentlassung. Markus W. hatte vor gut zehn Jahren für Schlagzeilen gesorgt und für internationales Entsetzen: Damals gehörte er zu jenen deutschen Hooligans, die während der Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich den Polizisten Daniel Nivel zum Krüppel schlugen. Vier Jahre lang saß er für die "gemeinschaftliche schwere Körperverletzung" in einem französischen Gefängnis.

Mitglieder der Hells Angels: "Wie ein Wirtschaftsunternehmen aufgestellt"
DDP

Mitglieder der Hells Angels: "Wie ein Wirtschaftsunternehmen aufgestellt"

Nach seiner vorzeitigen Entlassung 2002 gelobte er einen Wandel vom rechten Schläger zum Sozialarbeiter: Er wolle Sozialwissenschaften studieren, in Kontakt treten mit Menschen, "die Probleme mit der Gesellschaft haben". Jugendliche sollten von seinen Erfahrungen profitieren: "Ich kann ihnen sagen: Jungs, Gewalt lohnt sich nicht."

Doch Maxe war gerade zehn Wochen in Freiheit, da ermittelte die Polizei erneut gegen ihn wegen gefährlicher Körperverletzung - wenn auch ohne Ergebnis. Nach der Übertragung des Fußball-WM-Finales Deutschland gegen Brasilien im Sommer 2002 war er auf dem Schützenfest im heimatlichen Hannover in eine Schlägerei verwickelt. Seitdem musste Maxe wiederholt vor Richtern erscheinen, mal wegen der Beleidigung eines Türken, mal wegen eines Angriffs auf einen Algerier.

Sozialarbeiter wird er nun nicht mehr werden, eine Art gesellschaftlicher Aufstieg ist ihm dennoch gelungen: In Hannover hat sich Maxe zu einem führenden Mitglied der Rockerbande Hells Angels hochgearbeitet.

Markus W. alias Maxe ist im Visier von Polizei und Verfassungsschutz, auch weil er für eine besorgniserregende Entwicklung steht. Denn bundesweit konstatieren die Fahnder Kontakte deutscher Rocker zu militanten Neonazis. Bei der "Beobachtung der rechtsextremistischen Szene fallen bei den Verfassungsschutzbehörden Erkenntnisse über Verbindungen zu Rockern an", heißt es in einer Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage. Man habe "gelegentlich" Hinweise auf "gemeinsame Aktivitäten und Treffpunkte sowie einzelfallbezogene Kooperationen von Rechtsextremisten (insbesondere Skinheads) und Rockern, vor allem auf lokaler Ebene".

Solche "gemeinsamen Aktivitäten" auf "lokaler Ebene" gibt es in Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Baden-Württemberg. Am weitesten fortgeschritten ist nach Einschätzung von Ermittlern die Verflechtung zwischen Rockern und Rechtsextremen aber im Hannover-"Charter", wie Hells Angels regionale Unterorganisationen nennen.

Beim Hannover-Boss der Angels, Frank H., ist Markus W. inzwischen "Secretary". Als rechte Hand des Chefs gehört er damit neben dem "Treasurer" (Schatzmeister) und dem "Sergeant at Arms" (Sicherheitschef) zum inneren Zirkel des streng hierarchischen Clubs. Für die Fahnder vom Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen eine beunruhigende Entwicklung. Denn das Charter Hannover ist nicht irgendeins: Es gilt als größtes und zählt zu den einflussreichsten weltweit im Bund der Hells Angels.

Der Club in Hannover wird vom niedersächsischen LKA dem Dunstkreis der Organisierten Kriminalität zugerechnet. Eine achtköpfige Ermittlungsgruppe "EG 1 Prozent" kümmert sich um die Rocker. Der Name geht auf eine Selbsteinschätzung der Angels zurück, die gern darauf hinweisen, dass 99 Prozent ihrer Mitglieder gesetzestreu seien - es aber das eine Prozent der "Outlaws" gebe, der selbsternannten "Gesetzlosen".

Mögen die Hells Angels gern den Mythos eines friedlichen Clubs von Pfadfindern auf Motorrädern pflegen: Für die Ermittler der "EG 1 Prozent" arbeiten viele "Engel" wie eine kriminelle Bande, die "arbeitsteilig, gezielt und systematisch vorgeht", wie Frank Federau vom LKA erklärt. Sie bediene sich der Hilfe von PR-Profis und hochkarätiger Rechtsbeistände. In Teilen seien sie "wie ein Wirtschaftsunternehmen aufgestellt".

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 51 Beiträge
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1. Immer das gleiche . . .
Born to Boogie, 05.01.2009
Zitat von sysopBislang hielten Rockerbanden die Polizei mit Gewalt, Drogen und Waffen in Atem. Nun alarmiert die Fahnder eine neue Bedrohung: Bei deutschen Hells Angels machen militante Neonazis Karriere. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,599441,00.html
Wieder die grosse Angstmache " Neonazis " - sowas verkauft sich gut und lenkt von echten Problemen ab - oder ?
2. Naiv ?
Cobelfred, 05.01.2009
Also für mich ist das in Ordnung. Ich war selbst mal ein paar Jahre in einer Bruderschaft und das war eine feine Sache seinerzeit. Aber alles hat eben seine Zeit und meine heutige Zeit ist eine andere. Trotzdem wurde mir damals nicht vorgeschrieben was ich zu "denken" oder wie ich zu "handeln" habe. Klar, macht man schon mal das ein oder andere von dem man selbst nicht überzeugt ist, aber letztlich dient es dem fortbestehen der Bruderschaft und des kollektiven Vergnügens. Ich konnte als Rocker auch "links" sein ohne Probleme. Ich glaube nicht das die "Engel" sich ins rechte Lager rücken lassen. Das der ein oder andere dabei ist der "rechts" tickt ist vermutlich nicht zu vermeiden bei so viel Leuten.
3. so what...
-akw- 05.01.2009
Zitat von sysopBislang hielten Rockerbanden die Polizei mit Gewalt, Drogen und Waffen in Atem. Nun alarmiert die Fahnder eine neue Bedrohung: Bei deutschen Hells Angels machen militante Neonazis Karriere. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,599441,00.html
und? wo ist der Nachrichtenwert? M. E. ist das nichts neues - Wo doch sowohl Neonaziorganisationen und kriminelle Vereinigungen wie Hells Angels mit gleichen Versprechungen (eingeschworene Gemeinschaft, strenge Hiearchien) locken, landet halt ein bestimmter Schlag Menschen in diesen Gruppen; dass es dabei zu Überschneidungen kommt, ist doch logisch.
4. Paar kleinere Korrekturen
heinzundkeinz 05.01.2009
Die genannte Marke "Lonsdale" hat sich mehrfach von den Rechten distanziert, u.a. mit der Kampagne "Lonsdale loves all colours". Sie wird sicherlich immer noch von der ein oder anderen braunen Gestalt getragen. Es klingt in dem Artikel aber beinahe so, als ob sie Bestandteil dieses Szene sei und das ist sie zu 100% nicht. Eher ist`s so dass sie dank ihrer gezielten Kampagnen und einer klaren Neuausrichtung des Vertriebs in der braunen Szene eher gemieden bzw. belächelt wird. Anders verhält es sich da mit der Marke "Max H8", die sämtliche ihrer Marketingaktivitäten einzig und allein auf die rechte Szene ausrichtet (Banner auf div. rechts-radikalen Seiten, Präsenz auf Konzerten etc.). Hier dürfte die "8" allerdings nicht unbedingt für das altbekannte "88" stehen, sondern vielmehr mit dem Buchstaben H zusammengesprochen das Wort "Hate" (H+eight...) ergeben. Also Maximum Hate oder auch Maximum Height. Nicht das man sowas unbedingt wissen muss, aber über genau sowas amüsiert sich die braune Brut besonders gerne, wenn man ihre simplifizierten Zahlenspiele falsch interpretiert. Und wir wollen/sollten denen sicherlich keinerlei Grund geben irgendwas amüsant finden zu können.
5. artikelqualität
3110diver 05.01.2009
auch beim spiegel bleibt es leider nicht aus, dass ahnungslose mitarbeiter ein themen aufs auge gedrückt bekommen und zu bearbeiten haben: es handelt sich ja bekanntlich um chapter und nicht um "charter"
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