AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 2/2009

Weltkonjunktur: Der Herbst der Oligarchen

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Die Weltfinanzkrise lässt Reichtum und politischen Einfluss der russischen Magnaten schwinden. Die Präsidentenmacher von gestern betteln nun beim Kreml um Kredite.

Im Büro des Superreichen deutet wenig darauf hin, dass hier mal der Sprung der russischen Wirtschaft in die Moderne geplant wurde. Schwere Möbel aus dunklem Holz dominieren. Hinter Glasvitrinen stehen alte Folianten. Wladimir Jewtuschenkow will von hier aus die Abhängigkeit des Riesenreichs vom Rohstoffexport verringern. Am Moskauer Stadtrand hat seine Tochterfirma Sitronics deshalb eine hochmoderne Halbleiterfertigung errichtet.


"Das ist das Letzte, was ich hergeben werde", sagt Jewtuschenkow. Sein Unternehmen soll nicht zum Menetekel werden für die Volkswirtschaft des größten Flächenstaats der Erde. Nach zehn euphorischen Jahren mit zuletzt sieben Prozent Wachstum droht nun der Absturz.

Gerade hat der Oligarch seine Sitronics-Verbindlichkeiten umgeschichtet und für das Vorzeigeunternehmen einen Kredit der staatlichen Entwicklungsbank Wneschekonombank von 182 Millionen Euro gesichert. Damit wiederum bedient er Schulden bei der Dresdner Bank. Doch das ist im Moment noch sein geringstes Problem.

Bei einer Telekonferenz schalteten sich jüngst dreimal so viele Investoren zu wie vor der Finanzkrise üblich. Und alle waren sie besorgt, weil auf Jewtuschenkows Holding Sistema, die ein buntes Sammelsurium von Bau- und Telekommunikationsunternehmen bis hin zu Kindermodegeschäften umfasst, mehr als sieben Milliarden Euro Schulden lasten.

Mit Jewtuschenkow gerät eine Klasse von Großunternehmern unter Druck, deren Reichtum auch im Ausland bislang regelmäßig für Schlagzeilen sorgte. Nicht nur wegen ihrer oft spektakulären Übernahmepläne, wie sie auch Jewtuschenkow immer mal wieder zum Besten gab. Vor zwei Jahren schickte er sich noch an, einen Teil der Deutschen Telekom zu erwerben.

In puncto Geldanlage waren die Oligarchen immer für Nachrichten gut: Der Bankier und Kunstsammler Pjotr Awen etwa stattete seine Villa in England mit einem Atombunker aus. Finanzjongleur Suleiman Kerimow, angeblich an Anteilen der Deutschen Bank interessiert, zerlegte Ende 2006 in Nizza seinen Ferrari Enzo, eine extrateure, limitierte Auflage. Auf dem Beifahrersitz saß eine schöne Moskauer Fernsehmoderatorin, verheiratet - wenn auch nicht mit ihm.

Roman Abramowitsch schließlich, der sich mit arabischen Prinzen ein Wettrennen um die längste Yacht der Welt liefert, hat bis heute sagenhafte 600 Millionen Euro in den englischen Fußballclub Chelsea investiert. Das würde ausreichen, um den deutschen Handelskonzern Arcandor zu kaufen.

Solche schillernden Unternehmerpersönlichkeiten waren der Motor für die Privatisierung der russischen Wirtschaft nach dem jähen Ende des Kommunismus. Die Skrupelloseren pressten aus den maroden Betrieben das Letzte heraus, die Seriöseren sanierten sie. Sie brachten internationales Management und Spitzentechnologie nach Russland. Neben dem Energieriesen Gazprom waren es die Oligarchen, die in den vergangenen Jahren die Speerspitze der Expansion russischer Firmen in den Westen bildeten.

Im Zuge der weltweiten Wirtschaftskrise aber haben nach Schätzungen des US-Wirtschaftsmagazins "Forbes" allein die 25 reichsten Russen knapp 180 Milliarden Euro verloren. Abramowitsch, der sein Geld vor allem in die Evraz-Holding steckte, verlor an der Londoner Börse innerhalb von nur sechs Monaten dramatisch viel Geld: Evraz stürzte von 28 Milliarden auf nur noch 3,2 Milliarden Euro ab. Der Stahlbaron Alexej Mordaschow, in Deutschland am Reiseunternehmen TUI beteiligt, büßte rund 18 Milliarden Euro ein.

Russische Großunternehmen und Banken sind mit geschätzten 360 Milliarden Euro verschuldet. Das ist fast so viel wie der Staat, immerhin Herr über die drittgrößten Gold- und Devisenreserven der Welt, nach wochenlangen Stützungskäufen für den schwächelnden Rubel und kostspieligen Rettungspaketen für Geldinstitute und Unternehmen noch auf der hohen Kante hat.

Es ist der Herbst der Oligarchen: Sie sind auf Hilfen der Regierung angewiesen. Der Yachten-Liebhaber Abramowitsch erhielt umgerechnet 1,4 Milliarden Euro. Und auch Jewtuschenkow hat aus seinem Fenster im dritten Stock eines Prachtgebäudes aus der Stalin-Zeit den Kreml fest im Blick.

"Ich wäre ein schlechter Wirtschaftsführer, wenn ich die Beziehungen zu unserer Regierung nicht pflegen würde", sagt er. "Das ist doch in Amerika und Europa nicht anders. Von den Milliarden, mit denen die deutsche Regierung eine Bank rettete, kann ich nur träumen."

Jewtuschenkow verhandelt zurzeit über den Verkauf seines Anteils an der Telekommunikationsfirma Swjasinvest - an den Staat. Das würde Geld für den Schuldenausgleich und für neue Investitionen bringen. Der Bankier Awen durfte jüngst mit Premierminister Wladimir Putin nach Sibirien fliegen. Wenige Tage später sagte die Regierung einen Eineinhalb-Milliarden-Euro-Kredit zu.

Welch ein Unterschied zu den neunziger Jahren, als die Oligarchen mit ihrem Geld noch die Wiederwahl des damaligen Präsidenten Boris Jelzin sicherten und der Finanzmagnat Boris Beresowski vier Jahre später half, seinen einstigen Protegé Putin als Jelzin-Nachfolger einzusetzen. Nun stützen nicht länger die Oligarchen den Kreml-Herrn, sondern der Kreml die Oligarchen.

Die Politik bestimmt, wer weiter mitspielen darf beim Milliarden-Monopoly oder wer vom Spielfeld verschwindet. Die Präsidentenmacher von gestern, so scheint es, sind zu Bittstellern geworden.

Der ehemals Reichste von ihnen, der vor der Finanzkrise auf 23 Milliarden Euro geschätzte Aluminium-Zar Oleg Deripaska, stünde wohl vor dem Bankrott, hätte der Staat ihm nicht 3,5 Milliarden Euro Kredit gewährt.

In den Jahren des Booms hatte Deripaska so viele Fabriken und Firmen zusammengekauft, dass zu seiner Holding namens Basel heute Autokonzerne und Versicherungsfirmen ebenso gehören wie Banken und Flugzeugbetriebe. Er betreibt Fabriken von Nigeria bis Tadschikistan.

Schneller als die Zahl der Mitarbeiter, die im Spätsommer noch bei knapp 300.000 lag, wuchsen allerdings Deripaskas Schulden. Allein bei der Aluminium-Tochter Rusal verfünffachten sich seit 2004 die Verbindlichkeiten, während der Gewinn sich nur um das Zweieinhalbfache steigern ließ. Deripaska hatte sein Imperium auf Pump gebaut.

Als der Magnat im April 25 Prozent am weltgrößten Nickel-Produzenten Norilsk Nickel übernahm, verpfändete er seine Aktien als Garantie an ein Konsortium aus elf internationalen Großbanken. Während der Finanzkrise stürzte der Kurs ab, die Banken drängten auf neue Sicherheiten.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
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1. die Statistik lügt nicht
MarkusKrawehl 06.01.2009
Immerhin bringen sich die russischen Oligarchen noch nicht selbst um.
2. Herbst
renner 06.01.2009
Ich finde es gut, das es den Herren schlechter geht. Ja es ist der Neid und es ist blöd, aber es tut gut
3. Hoffentlich verschwindet auch der russische Geldpöbel
kahpunkt 06.01.2009
Diese Leute sind absolut widerlich und nicht zu ertragen. Man glaubt es nicht, wenn man es nicht selber im Urlaub erlebt hat.
4. Kapitalismus pur
Hubert Rudnick 06.01.2009
Zitat von sysopDie Weltfinanzkrise lässt Reichtum und politischen Einfluss der russischen Magnaten schwinden. Die Präsidentenmacher von gestern betteln nun beim Kreml um Kredite. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,599577,00.html
------------------------------------------------------- Man hat den Kapitalismus schnell begriffen, nur so ist es auch zu verstehen, dass aus einem untergegangenem Reich des Kommunismus schnell wieder Leute ihr Kapital schlagen konnten. Diese Leute haben in wenigen Jahren ihre Vorbilder aus den verschiedensten Ländern des Kapitals mit allen Mitteln geschlagen, man raubte das eigene Volk aus und heute können diese Lumpen, ja es sind Lumpen in der Welt den Diebstahl am russichem Volk unter die Leute bringen und alle bejubeln sie diese Verbrecher noch zu. Hubert Rudnick
5. Rettung in Sicht !
Satiro 06.01.2009
Öl deutlich teurer Krieg in Nahost, dazu der Gas-Streit zwischen Russland und der Ukraine: Die politischen Großkonflikte der Welt treiben den Ölpreis deutlich in die Höhe. http://www.sueddeutsche.de/finanzen/719/453410/text/ Honi soit qui mal y pense. ;-)
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