AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 2/2009

Literatur "Ich habe sehr gelitten"

Daniel Kehlmanns neues Buch "Ruhm" ist sein erster Roman seit dem Megabestseller "Die Vermessung der Welt" - ein Besuch bei dem Starautor in Wien.

Von Volker Hage


Ein Schriftsteller träumt von einem Roman "ohne Hauptfigur", einem Werk, in dem ansonsten alles vorhanden sein soll, was einen Roman ausmacht: "die Komposition, die Verbindungen, der Bogen", nur eben "kein Protagonist, kein durchgehender Held". Leo Richter heißt dieser Schriftsteller, und er ist eine Erfindung von Daniel Kehlmann.

Kehlmann, 33, einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart, hat sich diesen Roman nicht nur erträumt, er hat ihn geschrieben. "Ruhm" heißt er, im Untertitel: "Ein Roman in neun Geschichten", und er wird Mitte dieses Monats erscheinen. Das Buch ist Kehlmanns erstes literarisches Werk seit dem Bestseller "Die Vermessung der Welt" (2005), der inzwischen mehr als 1,4 Millionen Mal verkauft worden ist, Übersetzungen nicht mitgerechnet.

In Wien, seinem Hauptwohnsitz, gibt sich Kehlmann an diesem nasskalten Nachmittag Ende Dezember gelassen und zufrieden mit dem Geleisteten. Aber ihm ist bewusst, welche Erwartungen Kritik und Publikum hegen. Das Schreiben sei ihm nicht leichtgefallen, sagt er. Ein anderes Buchprojekt habe er vorerst zur Seite gelegt: "Ich bin da einfach nicht weitergekommen."

Er ist ein Starautor, doch auf der Straße wird er nicht erkannt, von niemandem behelligt. Ein Mann, dem Allüren fremd sind. Sein Gesicht wirkt zart und offen, Grüblerisches oder gar Zerquältes sucht man darin vergebens. Doch sobald er über sich und seine Arbeit spricht, wird Kehlmann lebhaft und zeigt eine wache Intelligenz. Er formuliert unprätentiös, ohne Imponiergehabe - ganz wie beim Schreiben.

Dabei kann er es selbst immer noch nicht fassen, ausgerechnet mit einem Roman über zwei deutsche Wissenschaftler, den Mathematiker Carl Friedrich Gauß und den Naturforscher Alexander von Humboldt, viel Geld verdient und ein großes Publikum gewonnen zu haben.

Während des Schreibens am neuen Buch sei ihm klargeworden, dass er auf die Enttäuschung so vieler Leser hinarbeitet, "die das Gleiche gern wieder hätten".

Eine Wiederholung des Erfolgswerks wollte er auf keinen Fall liefern. Deswegen war es wie eine Erlösung, als ihm die Idee zu einem Roman kam, der sich aus verschiedenen Geschichten zusammensetzt, Geschichten, die je für sich bestehen können, gleichzeitig aber wechselseitig aufeinander bezogen sind, "jede mit jeder verbunden", so Kehlmann.

Das ist ihm wichtig. Denn natürlich liegt der Verdacht nah, hier werde eine Sammlung von Erzählungen aus Marketinggründen als Roman verkauft. Nein, er wollte einfach etwas ganz anderes probieren, für ihn ist das neue Werk geradezu "eine Art Gegenbuch" zur "Vermessung der Welt", formal wie thematisch - ein "gebrochenes und fragmentiertes Buch".

"Ruhm" hat keine lineare Erzählweise, spielt nicht - wie der Vorgängerroman - in einer historischen Epoche, der Roman greift mitten hinein in das Chaos der Gegenwart. Die moderne Technik, Handys, Computer und Internet spielen eine fast so wichtige Rolle wie die Figuren, die auftauchen, ihre Geschichte erzählen, wieder verschwinden, sich später unvermutet noch einmal zeigen oder auch nicht.

Kehlmann webt ein feines Netz untergründiger Bezüge. Was in der einen Geschichte offenbleibt, findet in einer anderen vielleicht eine Erklärung oder Fortsetzung; was in der einen zum Rätsel wird, enthüllt sich beiläufig in einer anderen.

Der fiktive Schriftsteller Leo Richter mag tatsächlich keine Hauptfigur im klassischen Sinn sein, eine wichtige Rolle spielt er dennoch: Er tritt in verschiedenen Geschichten auf, auch schon mal als Verfasser einer solchen - ein Alter Ego Kehlmanns.

Gleichgesetzt werden möchte der Autor keineswegs mit diesem hypochondrischen und eitlen Doppelgänger, der stark autobiografisch arbeitet, aus sich selbst und Freunden Figuren seiner Prosa macht. Ihn selbst habe am Schreiben immer das Erfinden interessiert, setzt Kehlmann dagegen.

"Gleichzeitig faszinieren mich Autoren", sagt er, "bei denen das anders ist. Mich faszinieren auch die sozialen Effekte, die entstehen, wenn die Umgebung eines Künstlers damit rechnet, ausgespäht zu werden und in seinem Werk vorzukommen. Die Leute um mich herum haben keine Angst, dass sie bei mir vorkommen. Dafür ist jetzt Leo zuständig." Es habe ihm großen Spaß gemacht, diesen Leo zu erfinden.

Kehlmanns Stellvertreter im Roman ist viel unterwegs, findet aber an keinem Ort zu sich. "Ruhm" ist nicht auf einen Nenner zu bringen; wenn es einen roten Faden gibt, dann ist es das Unruhige unserer Gegenwart, die potentielle Erreichbarkeit per Handy, SMS oder E-Mail, die Ubiquität, Umtriebigkeit und Verlorenheit. Es geht, wie Kehlmann formuliert, "ums Vergessenwerden, ums Verschwinden, um das Sichverlieren oder die Auflösung".

Man blende gern aus, sagt der Autor in Wien, "dass man tatsächlich geliefert ist, wenn man in eher schwer zugänglichen Gegenden ein paarmal falsch abbiegt und ein paar Fehler macht". Er fügt hinzu: "Deswegen handeln ja auch so viele Geschichten vom Reisen, nicht nur bei mir. Der Reisende ist in einer archetypischen Situation des Erzählens." Schon nach Erscheinen der "Vermessung der Welt" sei er oft nach seiner eigenen Reiselust gefragt worden. Seine Antwort: Er reise viel wie Humboldt und ungern wie Gauß. "Muss das denn sein?", frage er sich vor jeder Reise. Aber daheim habe er oft das Gefühl, "es muss jetzt mal wieder losgehen".

In einer Romanepisode mit dem Titel "Wie ich log und starb" wird gezeigt, was sich verändert hat, seit "wir kleine Funkgeräte hatten und Briefe schrieben, die in der Sekunde des Abschickens schon am Ziel sind" - wie also die neuen Verständigungsmöglichkeiten das Leben, besonders das Liebesleben verändern. Und wie die Erleichterungen zum Alptraum werden können.

Ausgerechnet der Abteilungsleiter einer Telekommunikationsfirma, zuständig für "Nummernverwaltung und Nummernzuweisung", verliebt sich in eine Chemikerin und beginnt ein Doppelleben: unaufrichtig gegenüber der Ehefrau wie der Geliebten. Es wundert ihn selbst, dass mit wenigen ins Handy geflüsterten Lügen scheinbar alles in den Griff zu bekommen ist. Nur nachts, sowohl im einen wie im anderen Bett, quälen ihn düstere Vorahnungen. Am Ende werden sie sich bewahrheiten.

In einer anderen Geschichte ("Der Ausweg") erfährt der Schauspieler Ralf Tanner am eigenen Leib, dass man sich in der Öffentlichkeit keine Szene mit der Freundin leisten kann, wenn man so bekannt ist wie er. Immer steht einer bereit, der sogleich ein Handy mit Videofunktion zückt und die unschöne Angelegenheit genüsslich übers Internet verbreitet. Die hämischen Reaktionen der Fangemeinde lassen nicht lange auf sich warten: Er habe nur "Müll im Hirn" und sei hässlich "wie ein Vieh".

Kehlmann, privat ein so freundlicher Zeitgenosse, hat mit seinen Figuren wenig Erbarmen. Der Satz des von ihm sehr geschätzten amerikanischen Autors Philip Roth, Nettigkeit sei bei Schriftstellern "noch tödlicher als bei anderen Menschen", gefällt ihm.

Manche Passagen in "Ruhm" erinnern an den schwarzen Humor des britischen Autors Roald Dahl ("Küsschen, Küsschen"). Kehlmann kennt dessen skurrile Erzählungen aus seiner Jugend. Es sei möglich, sagt er, dass es da eine Anregung gab. "Der Unterschied ist vielleicht, dass ich ohne Schadenfreude erzähle, zwar mit einer gewissen Grausamkeit den Figuren gegenüber, aber ich habe keinen Spaß daran." Er setzt hinzu: "Ich habe mit ihnen gelitten. Ich habe sehr gelitten."

Im Gegensatz zur eher traditionellen Erzählweise seiner früheren Romane findet Kehlmann nun auch Vergnügen an formalen Experimenten: Figuren sprechen mit ihrem Erfinder, der Schriftsteller Leo Richter redet den Leser an, und das Porträt einer Frau wird mit den Worten eingeleitet: "Vielleicht ist jetzt der Moment, zu unterbrechen und sie zu beschreiben."

Diese Art von Metafiktion ist nicht neu, und niemand weiß das besser als Kehlmann. Er ist ein besessener Leser, theoretisch beschlagen (wovon eine Vielzahl von Essays und Rezensionen zeugt), und er ist ein äußerst bewusster Erzähler. Viele literarische Experimente der Literaturgeschichte seien brillant, sagt er, aber oft auch steril. Manches wirke heute verstaubt. "Die Aufgabe ist wohl, die Errungenschaften der Avantgarde aufzugreifen und darauf aufzubauen, aber in dialektischer Weise, indem man diese Techniken verwendet, ohne die Substanz, das menschliche Gewicht, zu opfern. Man darf sich nicht im reinen Spiel verlieren."

Das aber ist ihm ausgerechnet in der Schlussepisode unterlaufen. Da soll sich der Bogen runden, aber gerade diese Geschichte ("In Gefahr") verliert die Bodenhaftung. "Ich wusste, ich komme in eine deiner Geschichten! Genau das wollte ich nicht!", beklagt sich die Freundin des Schriftstellers Leo Richter. Die Figuren müssen erkennen, dass sie nur Teil einer Fiktion sind. Offensichtlich wollte Kehlmann das Spiel mit Illusion und Wirklichkeit auf die Spitze treiben und endet in der Belanglosigkeit.

Alles in allem jedoch ist die neue Leichtigkeit des Erzählens vortrefflich gelungen, bis hin zum Titel. "Ruhm" ist zunächst ganz wörtlich zu verstehen, es geht um berühmte Menschen, Schriftsteller und Schauspieler, auch um solche, die sich nach Ruhm vergeblich sehnen. Der Titel sei "gleichzeitig zutreffend und ganz und gar ironisch", so Kehlmann, der völlig erstaunt ist, dass es hier und da Befürchtungen gab, es handle sich bei dem neuen Buch um die Selbstbespiegelung eines Erfolgsautors. "Da müsste ich ja völlig vertrottelt sein", sagt er. "Halten die Leute mich für größenwahnsinnig?"

Die Erfolgsgeschichte seiner "Vermessung" ist ihm nicht zu Kopf gestiegen. Er begreife diesen Roman immer noch "als den einmaligen Glücksfall", sagt er. Das Wesentliche an einem Bestseller sei doch, dass man ihn gerade nicht wiederholen müsse, dass er einem eine Freiheit gebe, "wie man sie nie vorher hatte und nie zu erträumen wagte". Es ist die Freiheit, nun etwas ganz anderes zu versuchen.

Mit dem Roman "Ruhm" hat Daniel Kehlmann das ganz andere gewagt - und ein Geburtstagsgeschenk an sich selbst ist das Buch auch: Am 13. Januar wird er 34 Jahre alt. Ein gelungenes Geschenk.



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