AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 3/2009

Geschichte Giftspur ins Sternenschloss

Über 400 Jahre nach dem Tod des Astronomen Tycho Brahe bereiten Wissenschaftler in Prag die Exhumierung des Leichnams vor. Wurde der einst berühmteste Gelehrte Europas mit Quecksilber vergiftet? Ein dänischer Forscher will das "Tagebuch des Mörders" entziffert haben.

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"Etwas ist faul im Staate Dänemarks."
SHAKESPEARE, "HAMLET"

Mauern aus Menschen bildeten sich, als am 4. November 1601 ein Trauerzug durch die Straßen von Prag schritt. Einem Herold mit wehender Damastfahne folgten zwölf kaiserliche Trabanten, die einen mit schwarzem Samt bedeckten Sarg trugen. Darin lag ein Mann in vollem Harnisch.

Tycho Brahe, der geniale Sternenbeobachter der Renaissance, wurde zu Grabe getragen. Mit riesigen Quadranten hatte der Gelehrte den Himmel durchmustert und so die Tür zur neuzeitlichen Naturwissenschaft aufgeschlossen. 1573 beschrieb er erstmals eine Supernova genannte Sternenexplosion.

Sein Helfer Johannes Kepler lobte ihn als den "Phönix" der Astronomie. Er selbst verglich sich schlicht mit dem "Messias".

Zugleich war er ein Lebemann: Mitglied des dänischen Hochadels, Herr einer eigenen Insel. Ein Biograf nannte ihn einen "unverwüstlichen bramarbasierenden Gesellschaftsmenschen mit einem gewaltigen Appetit auf Essen und Wein".

Nur, woran starb dieser Himmels-Tycoon? Während eines Banketts am Kaiserhof in Prag, heißt es in zeitgenössischen Berichten, habe der Meister starken Harndrang verspürt, kam dem Bedürfnis aber aus Höflichkeit nicht nach. Schließlich sei seine Blase "verrenkt", verstopft oder irgendwie "gerissen".

Kepler (der bei Brahe zur Untermiete wohnte) bezeugte das nachfolgende Siechtum. Elf Tage konnte der Leidende kein Wasser lassen. Er starb im Delirium.

In seinem Roman "Die Unsterblichkeit" erklärte Milan Kundera die Tragödie zum "lächerlichen" Tod schlechthin. Bei ihm rutscht der Astronom so lange auf dem Stuhl hin und her, bis ihm "der Harnleiter platzte" - für Kundera ein "Märtyrer der Scham und des Urins".

Aber stimmt das überhaupt? Schon der Leichenredner wunderte sich über den "unerwarteten Tod". Bald liefen in Europa Mordgerüchte um.

Aber erst 1991 erhielt der Verdacht Nahrung. Das Prager Nationalmuseum, das den Schnurrbart Brahes aufbewahrt, übergab einige der Haare an Dänemark. Dort diente das Material für eine Laborprobe und erbrachte eine über hundertfach erhöhte Quecksilberbelastung.

Fünf Jahre später legten Physiker der Universität Lund eine weitere Untersuchung vor, diesmal mit einer Protonenmikrosonde. Der berühmte Gelehrte schluckte das Schwermetall rund 13 Stunden vor dem Tod mit einem Schlag.

Ein Giftmord? Der US-Experte Joshua Gilder vermutet, dass der Meuchler Quecksilberchlorid benutzte und dem Opfer ins Glas träufelte. Wenige Tropfen genügten.

Nur, wer besaß diese Tücke? Manche verdächtigen den Jesuitenorden. Ein Buch aus dem Jahr 2004 nennt den Forscherkollegen Kepler als Mörder. Doch dafür gibt es nicht den geringsten Hinweis.

Zudem glauben nicht alle an ein Verbrechen. Die Erbverwalter des Astronomen in Kopenhagen bezweifeln, ob das Quecksilber überhaupt todbringend wirkte. Andere gehen von einem Unfall aus. Bekannt ist, dass Brahe als Alchimist auch Wunderarzneien herstellte. Damit, so die Annahme, habe er sich vielleicht versehentlich selber ins Jenseits befördert.

Um das Rätsel endlich zu lösen, soll die Totenruhe gestört werden. Eine Gruppe aus Konservatoren, Chemikern und Ärzten will in diesem Jahr die Gruft in der Prager Teynkirche öffnen und den Toten einer kriminaltechnischen Analyse unterziehen.

Geplant sei eine "Computertomografie des Skeletts" sowie die Entnahme von "100 Milligramm Knochenmaterial", erklärt der leitende dänische Archäologe Jens Vellev. Derzeit wartet das Obduktionsteam auf eine letzte Genehmigung.

Für die meisten Kenner steht das Ergebnis allerdings schon jetzt fest. Dass Brahe gemeuchelt wurde, meinen sie, ergebe sich zwingend aus den vorliegenden Prüfdaten (siehe Grafik).

Und auch bei der Suche nach dem Attentäter tut sich eine neue Spur auf. Der Straßburger Germanist Peter Andersen hat alle Personen überprüft, die in Kontakt mit dem Prager Hofastronomen standen. Sein Verdacht: "Der Anschlag erfolgte auf höchster politischer Ebene. Drahtzieher war der dänische König Christian IV."



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