AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 3/2009

Kino Ausstieg aus der Leere

Der fast vergessene US-Autor Richard Yates erreicht jetzt endlich ein Massenpublikum - mit der großartigen Verfilmung seines Debütromans "Zeiten des Aufruhrs", eines Ehedramas aus der Wirtschaftswunderwelt der amerikanischen Mittelschicht.

Von Elke Schmitter


Männer, die Frauen etwas erklären. Ihre ernsthaften Gesichter, dabei die Lässigkeit in Haltung und Bewegung, ihr leicht nach unten gerichteter, geduldiger Blick und die unbekümmerte Gewissheit, dass, wenn man es nur richtig erklärt, sie es schließlich kapieren: Das sind die fünfziger Jahre, wie wir sie kennen und lieben. Die Männer sind aus dem Krieg zurück, sie haben einiges überstanden, die Frauen haben ihren Job, soweit erforderlich, ganz gut gemacht, und nun, Mutti, kannst du dich wieder um die Kinder kümmern und dir was Schönes zum Anziehen kaufen.

Auch alles andere passt: die großen, eiscremefarbenen Autos, die gepflegten neuen Häuser in den endlosen Vorstädten, die weichen Hüte der Herren, die adretten Frisuren der Damen. Der britische Regisseur Sam Mendes ("American Beauty") und sein Staraufgebot um Kate Winslet und Leonardo DiCaprio haben es an nichts fehlen lassen, um die guten Zeiten der USA - Wohlstand und Anstand und für jeden einen Kühlschrank mit Eisfach - auf die Leinwand zu bringen, so wie der amerikanische Autor Richard Yates (1926 bis 1992) sie in seinem Debüt "Zeiten des Aufruhrs" (1961) über die Erosion einer Ehe charakterisierte.

Doch wäre die Romanverfilmung des Oscar-Preisträgers Mendes, die jetzt in die deutschen Kinos kommt, eben doch nur eine Ausstattungsorgie auf höchstem Niveau, gelänge dem Regisseur mit seinen Schauspielern nicht das Kunststück, sowohl aus dem Design der Augenbrauen wie auch aus der Art, sie hochzuziehen, ein Zeitalter zu rekonstruieren.

Der süß-kokette Augenaufschlag, mit dem die zauberhafte Tippse Maureen Grube (Zoe Kazan) sich von Frank Wheeler (Leonardo DiCaprio) verführen lässt, und dann ihr waidwundes Schauen in sein Abschiedszwinkern hinein, das gehört in diese versunkene Epoche.

Und Wheelers Blicke auf seine Frau April (Kate Winslet) passen da hinein: Er probiert es herzlich-freundlich, männlichtröstlich, mitfühlend-humorvoll, gelassenironisch, und immer stimmt der Ausdruck seiner Augen mit dem überein, was er sagt. (Denn Wheeler glaubt stets an das, was er spielt.) Bis sie vollkommen ausdruckslos an ihm vorbeisieht und ebenso tonlos sagt: "Würdest du jetzt bitte aufhören zu reden?"

Der leere Blick und dieser müde, endgültige Satz, das Flackern in seinen Augen, als er nicht mehr weiterweiß - damit sind die beiden ausgestiegen aus ihren Rollen, sie sind geworden, was sie werden wollten: eigenständige Persönlichkeiten. Das hat leider verheerende Folgen. Aber darum geht es ja schließlich auch.

Frank und April - es ist Kate Winslets und Leonardo DiCaprios erster gemeinsamer Filmauftritt seit "Titanic" (1997) - waren ein junges, romantisches Paar. Schon der erste Blickwechsel zwischen ihnen, pfeilgerade und intensiv im Getümmel einer Party in New York, war ein narzisstisches Versprechen: sie aufregend stolz und kühl, er lässig und selbstbewusst. "Was machen Sie denn so?" "Ich bin Hafenarbeiter." "Ich meine, was interessiert Sie in Wirklichkeit?" "Süße, wenn ich darauf eine Antwort hätte, dann würde ich uns beide in einer halben Stunde zu Tode langweilen."

Stattdessen liegt sie eine Woche später in seinem Bett, und er ist der interessanteste Mensch, den sie jemals getroffen hat. Er kann sogar von Paris erzählen! Die kurze Zeit nach seinem Einsatz als Infanterist im Krieg, die er in Europa verbringen durfte, leuchtet noch immer nach.

Die junge Schauspielerin April würde die Welt auch gern sehen. Doch als sie schwanger wird, scheint die konventionelle Familiengründung die einzige, unausweichlich vernünftige Perspektive zu sein. Wheeler will Geld verdienen, aber sich nicht überarbeiten. "Ich will eine große alte, aufgeblähte Firma, die sich seit hundert Jahren durchwurstelt und ihr Geld im Schlaf verdient und die für jeden Job acht Leute einstellt, von denen man nicht erwarten kann, dass sie sich für den faden Quark, den sie da machen sollen, auch wirklich interessieren."

Im Wirtschaftswunderland der USA von damals gibt's für weiße College-Absolventen wie Frank ohne viel Mühe einen gutbezahlten Job, ein Auto und ein Haus für die Familie, und alles klappt so am Schnürchen, dass daraus bald der Strick geworden ist, an dem die beiden sich am liebsten aufhängen würden.

Denn es plagt sie jene Frage, die seit "Madame Bovary", der berühmten Heldin Gustave Flauberts, das ambitionierte Bürgertum notorisch quält: Bin ich nicht eigentlich etwas Besonderes? Hätte ich nicht etwas anderes verdient?

Dafür gibt es eigentlich keinen Beweis - außer einem vagen Gefühl von Anderssein und Boheme. Die solide Verachtung für alle, die nicht mehr wollen vom Leben als einen gutbezahlten Job, ein Auto und das Haus auf dem Land, nagt am Ehealltag. Darin regiert die Normalität, und die ist für Frank leichter zu ertragen als für seine Frau.

Ja, er sieht sich mit Tausenden, die aussehen wie er - heller Anzug, heller Hut, glattrasiertes Gesicht, Aktentasche unter dem Arm -, in der New Yorker Central Station umsteigen, bevor es ins Großraumbüro geht oder ins heimische Wohnzimmer. Ja, er hat sicher "schlummerndes Potential". Doch andererseits stehen in der Abteilung Verkaufsförderung bei Knox Business Machines Langeweile und Konzentration, hierarchische Angst und Kameradschaft, weibliche Bewunderung und männliche Selbstherrlichkeit in einem gut erträglichen Verhältnis. Ein spießiges Leben zu führen und auf die Spießer herabzusehen ist gar nicht so schlecht.

April wiederum bleibt wenig zu tun, während die Kinder in der Schule sind. Keine gnädig entfremdete Arbeit zwingt sie mit anderen zusammen. Sie kann ihre Träume ausbrüten, bis Schreckliches schlüpft: die Erinnerung an ihre Jugend. Das Gefühl, betrogen zu sein. Soll sie als Hausfrau enden? Wo bleibt die Erfüllung? Nach einem fiesen Streit in der schwelend kriselnden Ehe präsentiert sie Frank ihren Rettungsplan: alles verkaufen, ab nach Paris, sie jobbt erst mal als Sekretärin, und er hat Zeit, "sich zu finden".

Die Französin Yasmina Reza hätte eine Komödie daraus gemacht. Hat sie auch beinahe. Ihr Kammerspiel "Kunst" handelt vom Bedürfnis des Bürgers, kein Spießbürger zu sein, von seinem Ehrgeiz, sich von den Nachbarn zu unterscheiden, wenigstens in seinem "Potential": das ganze Drama, abzüglich der Ehe. Da lacht die ganze westliche Bürgerwelt im Theaterparkett. Bei Yates dagegen kommt Beklommenheit auf. Komödien waren seine Sache nicht. Er war ein Spezialist für graue, kleine Tragödien. Es gibt kein Quantum Trost in den Lebensläufen seiner Figuren, die in seinen sieben Romanen und rund zwanzig Erzählungen den bitteren Kelch bis auf den letzten Tropfen leeren.

  • 1. Teil: Ausstieg aus der Leere
  • 2. Teil


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