AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 3/2009

SPIEGEL-Gespräch "Humboldt wird missbraucht"

Der Berliner Bildungshistoriker Heinz-Elmar Tenorth, 64, über falsch verstandene Chancengleichheit, faule Professoren und das Vermächtnis des preußischen Reformers Wilhelm von Humboldt


SPIEGEL: Herr Tenorth, vor 200 Jahren, im Februar 1809, trat Wilhelm von Humboldt seinen neuen Job als preußischer Kultusminister an. Der Mann ist bekanntlich lange tot, Preußen vor Jahrzehnten untergangen. Dennoch fällt Humboldts Name in jeder bildungspolitischen Debatte in diesem Land. Warum eigentlich?

Tenorth: Weil er in den 16 Monaten seiner Amtszeit alle zentralen Probleme der Bildungspolitik angegangen ist und dabei die Art und Weise geprägt hat, wie wir bis heute über Bildung sprechen.

SPIEGEL: Das klingt eher wolkig.

Tenorth: Gar nicht. Eine gängige Formel für das, was wir heute von den Absolventen unserer Schulen erwarten, lautet: Sie müssen das Lernen des Lernens lernen. Das ist haargenau die Funktion von Schule, die Humboldt in seinem Königsberger Schulplan von 1809 festschreibt.

SPIEGEL: Es gab doch schon vorher Schulen ...

Tenorth: ... aber erst Humboldt hat zukunftsfähig definiert, was Schulabgänger können müssen, um in Gesellschaft und Beruf zu bestehen. Heute heißt das "Kompetenz-Orientierung", bei ihm "Bildung". Und das ist nicht alles: Er hat Prüfungen für angehende Lehrer eingeführt und die Forschung zur Aufgabe der Universitäten erklärt. Auch das Abitur geht wesentlich auf ihn zurück, also eine verbindliche Prüfung als Voraussetzung des Uni-Besuchs. Humboldt hat das ganze Bildungssystem strukturiert.

SPIEGEL: Und stets spielte dabei der Staat die zentrale Rolle. Liegen hierin die Wurzeln unserer heutigen Bildungsmisere?

Tenorth: Humboldt wollte nicht, dass der Staat alles bis ins Detail reguliert. Er setzte auf überprüfbare Standards und vertraute dann darauf, dass die entsprechenden Leistungen erbracht wurden. Er ließ die Abiturprüfungen von Fachleuten kontrollieren, ebenso die Leistung der Schulen, nach dem Prinzip: "Zeigt mir, dass ihr Lehrer habt, die die Schüler zur Hochschulreife bringen. Ansonsten habt ihr Gestaltungsfreiheit."

SPIEGEL: Die jetzige Renaissance von Privatschulen ist also keine Abkehr von Humboldtschen Prinzipien?

Tenorth: Nein, gar nicht. Humboldt sah eine Pflicht zum Unterricht, aber der konnte auch in der Familie stattfinden. Und wo ihn Gemeinde, Kirche oder Staat übernahmen, war die Rolle der Eltern stark: "Hier, mein Kind braucht Abitur. Sieh zu, dass deine Schule besser wird." Und das hat unglaublich gut funktioniert.

SPIEGEL: Wir denken bei preußischen Schulen eher an Rohrstock-Pädagogik und ideologische Indoktrination.

Tenorth: Das hat aber mit Humboldt nichts zu tun. Der sagte ganz deutlich: Gesinnungen zu bilden ist nicht das Recht der Schulen. Und so urteilt heute auch das Bundesverfassungsgericht. Die öffentlichen Schulen sollen Parallelgesellschaften verhindern und zur Toleranz erziehen.

SPIEGEL: Aber warum ist unser Bildungssystem so dirigistisch, wenn es doch auf Humboldt zurückgeht?

Tenorth: Weil es in keiner Phase der deutschen Geschichte in Reinform jenen Konzepten entsprach, die Humboldt zwischen 1809 und 1810 entworfen hat.

SPIEGEL: Wie würde unser Bildungssystem heute aussehen, wenn Humboldts Prinzipien fest verankert worden wären?

Tenorth: Unsere Schulen wären eigenständiger, lokal stärker verankert und dort in der Verantwortung, staatlich finanziert, aber nicht gegängelt. Wir hätten eine Gesellschaft, die viel in Bildung investiert, wie Humboldt das forderte. Humboldt hinterlässt uns insofern eine Vision.

SPIEGEL: Nämlich?

Tenorth: Humboldt wollte alle jungen Menschen mitnehmen, zum Entsetzen mancher Zeitgenossen, die damals fürchteten, man würde sich die Revolution ins Haus holen, wenn man die Leute alphabetisiert. Aufgabe der Schulen war für Humboldt dabei nichts weniger als "allgemeine Menschenbildung".

SPIEGEL: Was soll das sein?

Tenorth: Bildung unabhängig von Herkunft und Beruf und in den grundlegenden Fähigkeiten. Der Tagelöhner wie der Gelehrte müssen laut Humboldt so ausgebildet werden, dass der eine nicht zu roh und der andere nicht zu verschroben wird - beide sollen also über eine lebensnahe Grundbildung verfügen. Zugleich ist Humboldt ein Vordenker der Chancengleichheit: Wer Leistung bringt, marschiert nach oben durch, egal wo er herkommt. Kein Wunder, dass der Adel mit seinen Privilegien Sturm lief gegen die Reformen. Heute definieren wir Gleichheit eher in einem sozialistisch-egalitären Sinne.

SPIEGEL: Inwiefern?

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Tenorth: Wir denken Gleichheit vom Ergebnis her. Humboldt hingegen ging es um die Gleichheit der Chancen im Wettbewerb. Der größte Fehler der letzten Jahrzehnte war doch, das Leistungsprinzip als undemokratisch zu denunzieren. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Die Abkehr vom Leistungsgedanken hilft auch den Kindern nicht, denn sie wollen etwas leisten. Seit Pisa kann man zum Glück wieder über Leistung reden, ohne beschimpft zu werden.

SPIEGEL: Aber Leistung hat doch immer etwas gezählt, Bildung ermöglicht den sozialen Aufstieg.

Tenorth: Nur in sehr engen Grenzen und für wenige.

SPIEGEL: Wirklich? Die Ex-Kanzler Gerhard Schröder und Willy Brandt, VW-Chef Martin Winterkorn - Beispiele für Aufstieg durch Bildung gibt es genug.

Tenorth: So lautete die Parole schon zu Zeiten von Kaiser Wilhelm II.: Freie Bahn dem Tüchtigen, was im Umkehrschluss bedeutet, der Rest sei untüchtig und zu Recht da unten. Aufstieg durch Bildung ist eine Erfindung zur Befriedung der Massen. Es ist eine Fiktion zu glauben, Bildung beseitige Klassengrenzen.

SPIEGEL: Und wie erklären Sie die Karrieren von Schröder & Co.?

Tenorth: Einzelfälle hat es immer gegeben, gelegentlich auch Expansion, Öffnung, mehr Chancen. Ich bestreite ja auch Wandel nicht, etwa, dass vor dem Ersten Weltkrieg die Chance eines Arbeiterkindes auf ein Studium schlechter als eins zu hundert war und heute bei eins zu acht liegt. Aber es lässt sich nicht belegen, dass die Klassenstruktur verschwindet, weil die Menschen durch Bildung aufsteigen.

Forum - Wie gerecht ist das deutsche Bildungssystem?
insgesamt 7856 Beiträge
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Seite 1
Peter-Freimann 11.08.2008
1.
Zitat von sysopIn einer Studie zur Gerechtigkeit des Bildungssystems haben die Deutschen hart geurteilt. Fast die Hälfte findet das deutsche System ungerecht. Relativ zufrieden sind noch die Eltern von Realschülern und Gymnasiasten. Ihre Meinung: Wie gerecht ist das deutsche Bildungssystem?
Es ist durch und durch ungerecht! Es ist unverkennbar, früher gab es auch Untersuchungen diesbezüglich, dass Schülern mit höherem Intelligenzquotienten ein höherer Bildungsabschluss zuteil wird, Schüler, die im Unterricht sehr autonome, selbstbestimmte Verhaltensweisen an den Tag legen, werden durch schlechtere Benotung stigmatisiert, wenn es auch einige Ausnahmen gibt, bekommen Kinder aus intakten Familien mit höherem Einkommen (Ingenieure, höhere Angestellte ...) und gehobener Alltagskultur im Elternhaus (gemeinsames Essen, Unternehmungen, Gespräche) höhere Bildungsabschlüsse als z.B. die Kinder einer aus dem arabischen Raum eingewanderten Landbevölkerung. Wenig bekannt ist immer noch, wiewohl die Forschung hierüber schon sehr alt ist, dass an den Bildungseinrichtungen auch ein unverblümter Lookism herrscht, Menschen also nach ihrem äußeren Erscheinungsbild beurteilt werden. Die empirische Wissenschaft hat nachgewiesen, das Mädchen, die "hübsch" aussehen, im Durchschnitt bessere Noten im Aufsatz bekommen, als solche, die mit "Schönheitsmängeln" behaftet sind. Besonders ungerecht ist an den deutschen Schulen, durch die Wiedereinführung der Kopfnoten Unterordnung und Gehorsam statt Wissen und kritischer Intelligenz wieder hoffähig zu machen. Es sieht wohl so aus, dass ein ideologisches Interesse daran besteht, das bestimmte Kreise Bildung und Wissen aufgrund ihres elitären Status für sich behalten möchten.
Mad Mace 11.08.2008
2.
Zitat von sysopIn einer Studie zur Gerechtigkeit des Bildungssystems haben die Deutschen hart geurteilt. Fast die Hälfte findet das deutsche System ungerecht. Relativ zufrieden sind noch die Eltern von Realschülern und Gymnasiasten. Ihre Meinung: Wie gerecht ist das deutsche Bildungssystem?
Das deutsche Bildungssystem ist lediglich ein Spiegel der Gesellschaft. Es gilt als chic, als Besserverdienender auf den Armen herumzuhacken. Steuerhinterzieher und Betrüger werden als Vorbilder präsentiert. Warum sollte das Bildungssystem da anders sein? Da werden dann eben die Hauptschüler als Doofmänner charakterisiert, und Leute die sich lediglich dank ihrer Verbindungen durch Schule und Studium mogeln ohne je etwas verstanden zu haben, sind bereits für Vorstandsposten eingeplant. Sie 'Elitenbildung' ist in Deutschland beschlossene Sache, und diese Elite will unter sich bleiben, eine möglichst kleine Gruppe. Dann bleibt nämlich mehr für jeden. Was das dreigeteilte Schulsystem nicht nachhaltig genug regeln konnte besorgen jetzt die Studiengebühren. Wie gerecht ist das deutsche Bildungssystem? 'Gerecht' und 'deutsch' sollten niemals in einem Satz auftauchen, so gegensätzlich sind die Bedeutungen.
natterngesicht 11.08.2008
3.
Zitat von Peter-FreimannEs ist durch und durch ungerecht! Es ist unverkennbar, früher gab es auch Untersuchungen diesbezüglich, dass Schülern mit höherem Intelligenzquotienten ein höherer Bildungsabschluss zuteil wird, Schüler, die im Unterricht sehr autonome, selbstbestimmte Verhaltensweisen an den Tag legen, werden durch schlechtere Benotung stigmatisiert, wenn es auch einige Ausnahmen gibt, bekommen Kinder aus intakten Familien mit höherem Einkommen (Ingenieure, höhere Angestellte ...) und gehobener Alltagskultur im Elternhaus (gemeinsames Essen, Unternehmungen, Gespräche) höhere Bildungsabschlüsse als z.B. die Kinder einer aus dem arabischen Raum eingewanderten Landbevölkerung. Wenig bekannt ist immer noch, wiewohl die Forschung hierüber schon sehr alt ist, dass an den Bildungseinrichtungen auch ein unverblümter Lookism herrscht, Menschen also nach ihrem äußeren Erscheinungsbild beurteilt werden. Die empirische Wissenschaft hat nachgewiesen, das Mädchen, die "hübsch" aussehen, im Durchschnitt bessere Noten im Aufsatz bekommen, als solche, die mit "Schönheitsmängeln" behaftet sind. Besonders ungerecht ist an den deutschen Schulen, durch die Wiedereinführung der Kopfnoten Unterordnung und Gehorsam statt Wissen und kritischer Intelligenz wieder hoffähig zu machen. Es sieht wohl so aus, dass ein ideologisches Interesse daran besteht, das bestimmte Kreise Bildung und Wissen aufgrund ihres elitären Status für sich behalten möchten.
Werter Peter-Freimann, Ironie wird nicht verstanden. Mit nettem Gruß
Piri 11.08.2008
4.
Zitat von Peter-FreimannEs ist durch und durch ungerecht! Es ist unverkennbar, früher gab es auch Untersuchungen diesbezüglich, dass Schülern mit höherem Intelligenzquotienten ein höherer Bildungsabschluss zuteil wird, Schüler, die im Unterricht sehr autonome, selbstbestimmte Verhaltensweisen an den Tag legen, werden durch schlechtere Benotung stigmatisiert, wenn es auch einige Ausnahmen gibt, bekommen Kinder aus intakten Familien mit höherem Einkommen (Ingenieure, höhere Angestellte ...) und gehobener Alltagskultur im Elternhaus (gemeinsames Essen, Unternehmungen, Gespräche) höhere Bildungsabschlüsse als z.B. die Kinder einer aus dem arabischen Raum eingewanderten Landbevölkerung. Wenig bekannt ist immer noch, wiewohl die Forschung hierüber schon sehr alt ist, dass an den Bildungseinrichtungen auch ein unverblümter Lookism herrscht, Menschen also nach ihrem äußeren Erscheinungsbild beurteilt werden. Die empirische Wissenschaft hat nachgewiesen, das Mädchen, die "hübsch" aussehen, im Durchschnitt bessere Noten im Aufsatz bekommen, als solche, die mit "Schönheitsmängeln" behaftet sind. Besonders ungerecht ist an den deutschen Schulen, durch die Wiedereinführung der Kopfnoten Unterordnung und Gehorsam statt Wissen und kritischer Intelligenz wieder hoffähig zu machen. Es sieht wohl so aus, dass ein ideologisches Interesse daran besteht, das bestimmte Kreise Bildung und Wissen aufgrund ihres elitären Status für sich behalten möchten.
Es sieht wohl eher so aus, als wolle man mit solchen "Studien" ein ganz bestimmtes Süppchen am Kochen halten. Ich kann das Wort "Studie" im Zusammenhang mit Bildung nicht mehr hören.
Peter-Freimann 11.08.2008
5.
Zitat von PiriEs sieht wohl eher so aus, als wolle man mit solchen "Studien" ein ganz bestimmtes Süppchen am Kochen halten. Ich kann das Wort "Studie" im Zusammenhang mit Bildung nicht mehr hören.
Hallo Piri, mir geht es auch so, man muss sich doch nur in bestimmten Stadtvierteln ansehen, wie Gruppen in unserer Gesellschaft marginalisiert werden, es liegen Studien vor, Zahlen über die gesellschaftlichen Benachteiligungen in Deutschland, eine Ausgrenzung von ganz vielen Kid's, die doch eigentlich unsere Zukunft sein sollen und doch wird nur diskutiert, statt die Weichen zu stellen und wie in Finnland eben alle Kinder ganz individuell in einer gerechten Einheitschule zu fördern, wo sie dann auch mit ihrem eigenen Lernweg respektiert werden. Es muss in den Lehrplänen allerdings noch viel entstaubt und abgespeckt werden, um den heutigen Lebenswelten der Kid's gerechter zu werden und nicht überholte bürgerliche Welten einer vergangenen Klassengesellschaft wie zu Zeiten der "Buddenbrooks" zu transportieren.
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