Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 3/2009

Justiz: Vom Monster zum armen Würstchen

Von Bruno Schrep

Gewalttäter müssen ihren Opfern ins Gesicht schauen, Geschädigte können im Gespräch viele Ängste abbauen: Der Täter-Opfer-Ausgleich führt Menschen zusammen, die sich sonst nur vor Gericht begegnen würden. Doch die Chance zur Versöhnung wird zu wenig genutzt.

Das hier ist sehr unangenehm, peinlich, zum Weglaufen. Zögernd betritt der 20-jährige Michael den steril wirkenden Raum im Dortmunder Westen. Blass, die schwarze Mütze tief in die Stirn gezogen, den Blick gesenkt. Sein 19-jähriger Kumpel Ideal, der langsam hinter ihm hergeht, blickt sich unsicher um. Wo stecken sie, die beiden anderen?

Fast gleichzeitig sind zwei weitere junge Männer in den Raum gekommen, ebenso vorsichtig, vielleicht noch eine Spur misstrauischer: Gymnasiast Felix, 19, der bald Abi macht, pausbäckig, jungenhaft, und Daniel, 22, angehender Großhandelskaufmann, Brille, Tolle, gestreifter Pullover.

"Am besten setzt ihr euch gegenüber, da könnt ihr euch besser angucken", schlägt Sabine Elsner vor, plaziert Michael und Ideal auf die eine, Felix und Daniel auf die andere Seite eines großes Tisches. Die 40-jährige Sozialarbeiterin ist Mediatorin im Dortmunder "Büro für Täter-Opfer-Ausgleich", eine Art Konfliktberaterin, die versucht, zwischen den Tätern und den Opfern von Straftaten zu vermitteln. Günstigstenfalls gelingt es ihr, Menschen miteinander zu versöhnen. Schlimmstenfalls gehen die Beteiligten genauso ängstlich, wütend oder verbittert weg, wie sie gekommen sind.

Vermittlerin Elsner legt die Regeln fest: "Bitte jeden ausreden lassen." "Bitte ruhig zuhören, auch wenn jemandem etwas nicht passt." "Bitte nicht brüllen." "Bitte keine Beleidigungen."

So gesittet ging es nicht zu, als sich die vier jungen Männer in einer Freitagnacht zum ersten Mal begegneten. Da hatte der Mechaniker Michael den Geburtstag eines Kollegen begossen, später mit seinem Kumpel Ideal in einer Discothek weitergefeiert. So richtig stark fühlte er sich danach, der eigentlich schmächtige Michael, so wie einer, der sich alles leisten, der so richtig die Sau rauslassen kann.

Als er dann an einer Bushaltestelle den ihm wildfremden Felix entdeckte, der auf der Bank des Wartehäuschens eingeschlafen war, haute er einfach mal so drauf: linksrechts, links-rechts. Immer mit der Faust, immer ins Gesicht. Und ohne jeglichen Grund. Daniel, der zufällig dazukam, wollte dem Schlafenden zu Hilfe eilen. Ideal, von Freund Michaels Gewaltausbruch zwar völlig überrascht, aber trotzdem solidarisch, warf sich dazwischen, prügelte sich mit Daniel.

Eine Klopperei mit Folgen: Felix trug Beulen, blaue Flecken und einen schweren Schock davon. Daniel beklagte einen komplizierten Handbruch, vermutlich hervorgerufen durch einen Sturz, bekam eine Metallschiene implantiert, musste zweimal operiert werden, war wochenlang krankgeschrieben. Gegen Michael und Ideal leitete die Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren wegen Körperverletzung ein.

Jetzt sitzen alle an diesem Tisch, hier Michael und Ideal als Täter, da Felix und Daniel als Opfer. Gucken sich ratlos an, erkennen sich nicht wieder. Besonders Michael und Ideal sind äußerst verlegen, wissen nicht so recht, was sie sagen sollen.

"Ich bin normalerweise kein Mensch, der grundlos auf andere losgeht", beginnt schließlich Michael mit leiser Stimme. "Es war der Alkohol, anders kann ich es nicht erklären. Ich trink nur ganz selten, vertrag nix." "Bist du sicher, dass ihr das nicht regelmäßig macht?", fragt Felix misstrauisch. "Wir sind überhaupt keine Schlägertypen", antwortet Ideal, "wir hatten noch nie mit der Polizei zu tun."

"War das schon alles?", will Vermittlerin Elsner wissen - längeres Schweigen. "Es tut mir also echt leid, ich weiß, dass ich schuldig bin", stottert dann Michael leise in Richtung Felix, blickt seinem Kontrahenten erstmals richtig ins Gesicht. Der zeigt sich versöhnlich: "Kann ich so annehmen." "Das mit deiner Hand war richtig blöd", wendet sich Ideal an Daniel, "entschuldige bitte. Ich hab das wirklich nicht gewollt." "Wenn du es ehrlich meinst, ist es okay."

Dann geht es ganz schnell. Die 50 Euro, die Felix als symbolische Wiedergutmachung für erlittene Beulen und den ausgestandenen Schrecken verlangt: akzeptiert. Die 500 Euro, die Daniel als Entschädigung für die Schmerzen an seiner gebrochenen Hand und die vielen Unannehmlichkeiten hinterher haben will: ebenfalls akzeptiert.

Michael und Ideal dürfen das Geld in kleinen Beträgen abstottern, wirken erleichtert. "Mir fällt ein Stein vom Herzen", gesteht Michael, berichtet vom Ärger mit seinen Eltern, die erst durch einen Brief von der Polizei von seinem Ausraster erfuhren, von der Furcht, sein Chef könne Wind von einem Prozess bekommen, ihn kurzerhand rausschmeißen.

So aber wird die Staatsanwaltschaft Dortmund das Verfahren einstellen, die von Michael und Ideal so gefürchtete Gerichtsverhandlung findet nicht statt - keine Selbstverständlichkeit. In langen Vorgesprächen musste Mediatorin Elsner die beiden Prügelopfer Felix und Daniel davon überzeugen, an dem heiklen Treffen teilzunehmen. Vor allem Felix, der Brutalität noch nie erlebt hatte, war skeptisch, fürchtete, es komme erneut zum Streit, er werde hinterher ein zweites Mal zusammengeschlagen.

Kein Einzelfall: Manche Geschädigte lehnen ein Ausgleichsgespräch ab, rund 40 Prozent der Opfer sind nicht bereit, ihren Peinigern außerhalb eines Gerichtssaales zu begegnen.

Trotzdem gibt es beeindruckende Zahlen. Jahr für Jahr werden in den rund 300 Schlichtungsstellen bis zu 35 000 Ermittlungsverfahren über den Täter-Opfer-Ausgleich abgewickelt, in über 80 Prozent der Fälle mit Erfolg. Schwere Verbrechen, etwa versuchter Totschlag oder Vergewaltigung, spielen allerdings selten eine Rolle. Meist geht es um Körperverletzung, aber auch um Diebstahl, Beleidigung, Sachbeschädigung, verübt von Jugendlichen oder Heranwachsenden.

Damit die Schlichtungsmöglichkeit, die vor 18 Jahren im Strafrecht verankert wurde, zur Erfolgsgeschichte wird, fehlt jedoch noch viel. Obwohl zahlreiche Jugendgerichte die Verfahrensflut kaum bewältigen können und Akten zu lange liegenbleiben, wird das Modell zu wenig angewandt. Staatsanwaltschaften, Jugendgerichtshilfe und Polizei, die das Ausgleichsverfahren vorschlagen können, nutzen diese Chance nach Überzeugung von Experten zu selten.

Diesen Artikel...

© DER SPIEGEL 3/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: