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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 4/2009

Bildung: Effekt gleich null

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Englisch für Grundschüler galt als pädagogische Antwort auf die Globalisierung. Doch erste Studien zeigen enorme Defizite in der fremdsprachlichen Früherziehung.

Das Kollegium der Otfried-Preußler-Grundschule im Norden Duisburgs hat sich mächtig Mühe gegeben, für den Englischunterricht haben die Lehrer einen eigenen Raum eingerichtet. Bunte Karten hängen an der Tafel, Vokabeln wie "elephant", "cat" oder "crocodile" stehen darauf; vor den Schulbänken ist ein breiter Korridor freigehalten, zum Spielen und Herumtollen.

Die 3b trifft sich jeden Dienstag hier zum Englischlernen. Mustafa, Kimberly und die anderen 20 Mitschüler singen ein Lied, das ihnen zum Unterrichtsbeginn auf dem Kassettenrekorder vorgespielt wurde: "Hello, hi, hi, how are you? - I'm fine, thank you ..." Dann macht Christiane Stuwe, die Lehrerin, mit der Handpuppe "Leo" weiter. Was Leo vorsagt, plappern die Kinder begeistert nach. "Englisch macht Spaß, weil wir spielen", sagt die achtjährige Kimberly.

Englisch in der Grundschule finden an sich alle prima. Die Kinder, weil sie frei von Leistungsdruck eine neue Welt kennenlernen; und die Pisa-geschockten Bildungspolitiker, weil sie glauben, eine Antwort gefunden zu haben auf die Herausforderungen der Globalisierung. Stolz hat ein Bundesland nach dem anderen den Fremdsprachenunterricht an Grundschulen eingeführt, meist ab der dritten Klasse. Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz beschallen sogar schon Erstklässler mit englischen Idiomen, Nordrhein-Westfalen wird ab kommendem Februar folgen.

Doch nun, da in den meisten Ländern erste Erfahrungen gesammelt werden konnten, stellt sich die Frage nach dem Effekt. Der Englischdidaktiker Heiner Böttger von der Katholischen Universität Eichstätt hat dazu im Sommer 2008 an bayerischen Realschulen und Gymnasien geforscht. Das Resultat seiner noch unveröffentlichten Studie ist ernüchternd: 95 Prozent der Lehrer bemerken am Ende der fünften Klasse keinen signifikanten Unterschied mehr zwischen Schülern mit oder ohne Vorwissen aus Grundschultagen. Zwei Drittel der Pädagogen halten den Englischunterricht vor Klasse 5 für überflüssig.

Das Ergebnis der Studie deckt sich mit den Einschätzungen etlicher Experten. "Der Effekt des Grundschulenglisch ist gleich null", urteilt Wolfgang Klein, Direktor des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik im niederländischen Nijmegen. Zu unterschiedlich, erklären viele Pädagogen übereinstimmend, seien die Wissensstände der Kinder. In einigen Grundschulen werde nämlich schon auf Englisch geschrieben, während andere nur singen und reimen.

"Um alle mitzunehmen, muss ich fast wieder von vorn anfangen", sagt die Duisburger Lehrerin Kirsten Müller-Normann. Ihre "hohen Erwartungen" seit Einführung von Grundschulenglisch wurden enttäuscht: "Obwohl die Schüler schon viele Vokabeln kennen, fällt ihnen weder die Grammatik noch das Schreiben von Texten deutlich leichter als früher."

Psycholinguistische Studien des Sprachwissenschaftlers Manfred Pienemann von der Universität Paderborn stützen die Skepsis der Praktiker: Demnach erreichen Grundschulkinder derzeit nach zwei Jahren Englischunterricht mit zwei Wochenstunden die gleiche Sprachlernstufe, die Fünftklässler im Gymnasium in der Regel nach einem Halbjahr mit fünf Stunden pro Woche aufweisen.

Als Hauptursache für den mäßigen Erfolg fremdsprachlicher Früherziehung gilt unter den Beteiligten die Schnellschuss-Mentalität der Bildungspolitiker. "Der politische Druck, beim europaweiten Trend des frühen Sprachenlernens mitzuziehen, war größer als der Wille, die Reform durchdacht umzusetzen", kritisiert Horst Bartnitzky, Vorsitzender des deutschen Grundschulverbands. Weder die Weiterbildung der Grundschullehrer noch der Übergang in die Sekundarstufe seien ausreichend geplant worden.

Während Englischlehrer an Gymnasien das Fach nicht selten zehn Semester und mehr studiert haben, sind beispielsweise Hamburgs Grundschullehrer nur zu einem viertätigen Kompaktseminar verpflichtet. "Die Qualifizierung reicht noch bei weitem nicht aus - weder für die Selbstachtung der Lehrer noch für die adäquate Ausbildung der Kinder", kritisiert Konrad Schröder, Vorsitzender des Verbands Englisch und Mehrsprachigkeit.

"Katastrophal geregelt ist zudem der Wechsel von der vierten in die fünfte Klasse", konstatiert der Eichstätter Wissenschaftler Böttger. Das schlechte Management trifft die Kinder, die sich in der Grundschule ihr Englisch ohne Vokabeltests und Diktate spielerisch aneignen sollen, während sie dann in den weiterführenden Schulen ad hoc unter Leistungsdruck geraten; betroffen sind aber auch die meisten Sekundarstufenlehrer, die laut Böttgers Studie die Lehrpläne der Grundschule nur wenig oder gar nicht kennen.

Kaum ein Kultusministerium verpflichtet beide Schularten zum Austausch und zur Kooperation. Und die Schulbuchverlage stecken ihre Kapazitäten lieber in zig verschiedene Anfangswerke, anstatt die Lehrbücher der Sekundarstufe anzupassen.

Neben einer stärkeren Vernetzung fordern Experten vor allem mehr Zeit für das Fremdsprachenlernen. "Kinder lernen eine Sprache am besten, wenn diese in ihre Lebenswelt eingebettet ist und sie viel kommunizieren", sagt der Psycholinguist Klein. Möglichst viel Anwendung in einem realen Kontext wäre zum Beispiel gegeben, wenn auch Fächer wie Kunst oder Erdkunde auf Englisch unterrichtet würden. Doch dafür brauchte es zunächst eine bessere Fremdsprachenausbildung - für Lehrer.

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Forum - Wie sinnvoll ist früher Englischunterricht?
insgesamt 532 Beiträge
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1.
woanders 20.01.2009
Je früher desto besser. Allerdings mit 2 Wochenstunden a 45 Min dem Auswendiglernen von ein paar Trällerliedchen und Lehren, die in einem paar Tage Seminar ausgebildet werden ist das selbstverständlich sinnlos.
2. Englisch
e-ding 20.01.2009
Na wollen wir unsere Kleinen mal nicht überfordern. Fremdsprachen? Um Gottes Willen! Zensuren in der ersten Klasse? Blos nicht! Kopfnoten? Alles Teufelswerk! Fächer wie "Gesunde Ernährung" oder diverse Malkurse sind doch das gelbe vom Ei. Damit bleibt Deutschland garantiert Innovations - und Ideenschmiede. Wenn das Lernen einer Fremdsprache so früh ineffizient sein soll, dann verzichten wir doch auch komplett auf Mathe und Deutsch oder besser, schulen unsere Kinder erst mit 10 Jahren ein. Weshalb klappt das denn in anderen Länder eigentlich schon früher?
3.
rkinfo 20.01.2009
Zitat von woandersJe früher desto besser. Allerdings mit 2 Wochenstunden a 45 Min dem Auswendiglernen von ein paar Trällerliedchen und Lehren, die in einem paar Tage Seminar ausgebildet werden ist das selbstverständlich sinnlos.
Um 'cat', 'dog' oder 'computer' zu lehren benötigt es kein Englisch-Studium, oder ? Die 2 Jahre à 2h/ Woche sind natürlich schon rechnerisch und mit Bezug auf die Aufnahmefähigkeit der jüngeren Schüler nur das geschilderte 1/2 Jahr wert. Aber wir haben verkürztes Abitur und teils verlieren Schüler auch später aus div. Gründen Unterrichtsstoff. Bleibt auch die Frage, ob sich gerade die gut ausgebildeten Englischlehrer das 1/2 Jahr Primitiv-Unterricht zu Vokabeln aus eigenen Interesse schenken sollten. Im Prinzip kann dann im Lehrplan 5. Klasse Englisch der Stoff von bisher 1,5 Schuljahren gerafft präsentiert werden, was in späteren Jahren noch Chancen auf Vertiefung ermöglicht. Man sollte die simplen Bereiche des Sprachen erlernen möglich nach vorne schieben, damit später Zeit für Anspruchsvolleres bleibt.
4.
MarkH, 20.01.2009
Zitat von sysopEnglisch ist wichtigste Fremdsprache - doch wann soll für Schüler der Unterricht beginnen? Möglichst früh? Ab welcher Altersstufe ist für Sie der Englischunterricht sinnvoll?
In jedem Schwellenland der Welt wachsen Kinder heute frühzeutig mit Englisch auf. Das macht defintiv Sinn. Von meiner Seite hinzuzufügen bleibt, dass man Latein besser ganz verbannen sollte. Evt noch als Workshop oder für Hobbyisten anbieten sollte.. oder als Pflichtkurs für angehende Apotheker.
5.
mobileresident 20.01.2009
Zitat von sysopEnglisch ist wichtigste Fremdsprache - doch wann soll für Schüler der Unterricht beginnen? Möglichst früh? Ab welcher Altersstufe ist für Sie der Englischunterricht sinnvoll?
Ich bin kein Deutscher, bin aber als 12jaehriger in Deutschland zur Schule gegangen. wir mussten damals English, Franzoesisch/Latein lernen. Ich habe mich fuer Franzoesisch entschieden. Dann gings los. Die Lehrer waren Deutsch. So fings an, die Kenntnisse des english Lehrers waren, milde ausgedrueckt, rudimentaer. Als Amerikaner (und unser English ist weiss Gott nicht gerade...nun..."correct") habe ich nur die Haelfte von dem was uns dieser Lehrer beibrachte, verstanden. "Fuers Leben" also fuer den praktische Einsatz im Ausland, duerfte niemand der Klassenkameraden etwas mitgenommen haben. Franzoesisch sprach ich fliessend, von meiner Schulzeit vorher in den USA. Dort kam unsere Franzoesisch Lehrerin am ersten Tag in die Klasse und sprach nur Franzoesisch. Sie WAR Franzoesin. Niemand hat irgendetwas verstanden, aber mit dem Wissen, das man das Jahr wiederholen durfte, wenn man Franzoesisch am Ende NICHT bestand, hat man SEHR SCHNELL gelernt. In Deutschland hatten wir eine junge Deutsche, welche offenbar in Frankreich gelebt hatte, als Lehrerin. Aber auch hier lief der Unterricht auf Deutsch ab.sie nutzte Asterix und Obelix Hefte zur Begeisterung der Schueler.Aber richtig lernen konnte man da auch nicht. Ich meine, wenn zB das Fernsehen nicht alles und jedes eindeutschen wuerde oder es wenigstens die Moeglichkeit gebe, den original Ton zu hoeren, wuerde die enlishe Sprache sehr viel einfacher und sehr viel schneller zu lernen sein. Ich kenne keinen 15 jaehrigen Hollaender oder Skandinavier (dort laufen im fernseher Untertitel) der sich nicht fast akzentfrei und correct mit mir unterhalten koennte, auf English. mr
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