AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 4/2009

Naher Osten "Wo ist der Aufschrei?"

Syriens Präsident Baschar al-Assad über den Krieg zwischen Israelis und Palästinensern im Gaza-Streifen, die Bedrohung durch eine iranische Atombombe und seine Erwartungen an den neuen amerikanischen Präsidenten Barack Obama.


SPIEGEL: Herr Präsident, die Weltgemeinschaft protestiert gegen Israels Aggression in Gaza, sie fordert aber auch ein Einlenken der Hamas. Niemand in der arabischen Welt hat so großen Einfluss auf die Hamas wie Sie. Hätten Sie die Kämpfer nicht mäßigen können?

Assad: Es kommt immer darauf an, wozu man Einfluss nutzt. Unser vordringliches Ziel ist es, den Angriff zu stoppen. Das Kämpfen muss ein Ende haben, und das gilt für beide Seiten. Darüber hinaus muss das israelische Embargo gegen Gaza beendet werden, denn die Schließung der Grenzen stranguliert die Bevölkerung - die Blockade ist ein schleichender Tod. Menschen sterben nicht nur durch Bomben, sondern auch weil sie von der Versorgung mit Medikamenten und Lebensmitteln abgeschnitten werden.

SPIEGEL: Israel wird die Blockade nur aufheben, wenn keine Raketen mehr auf seine Städte fallen.

Assad: Wenn die Menschen in Gaza nur die Wahl haben zwischen einem langsamen Sterben durch die Blockade oder den Tod im Kampf, dann wählen sie den Kampf. Deshalb ist die Aufhebung des Embargos ein unverzichtbarer Bestandteil eines Abkommens. Darin sind wir uns mit der Hamas einig. Grundsätzlich gilt in diesem Konflikt: Nicht die Hamas ist das Problem, sondern Israel.

SPIEGEL: Ein Großteil der Welt hält Israels Militäraktion für unverhältnismäßig. Aber die Hamas hat sie mit ihrem Beschuss Südisraels provoziert. Jede weitere Rakete führt zu schlimmerer Vergeltung und vergrößert das menschliche Leid.

Assad: Das klingt logisch. Doch in der Politik geht es nicht um Logik, da zählen die Realitäten. Und Fakt ist, dass sich die Hamas immerhin sechs Monate an den vereinbarten Waffenstillstand gehalten hat. Israels Regierung dagegen hat in dieser Zeit den Gaza-Streifen weiterhin eingeschnürt - das ist die Vorgeschichte, die man kennen muss.

SPIEGEL: Die USA und die Europäische Union sehen eine andere Vorgeschichte: Sie halten die Hamas für eine Terrororganisation, die Israel auslöschen will.

Assad: Ach, immer die gleichen Labels und Klischees, das ist der American Way. Ob Sie es Terrorismus nennen oder Widerstand, ob man die Hamas mag oder nicht: Sie ist eine politische Größe, die niemand ignorieren kann. Es kann keine Rede davon sein, dass die Hamas das Volk als Geisel nimmt, wie manche behaupten. Bei der international anerkannten Parlamentswahl vor drei Jahren hat die Hamas die absolute Mehrheit der Stimmen errungen, einen Erdrutschsieg. Sie können doch nicht ein ganzes Volk zu Terroristen erklären.

SPIEGEL: Glauben Sie, dass alle Mittel des Widerstands gerechtfertigt sind, welche die Hamas einsetzt und die sie in unseren Augen zu einer Terrororganisation machen?

Assad: Definitiv. Kein Zweifel. Wie können Sie die Hamas des Terrorismus bezichtigen, ohne Israels Taten auch als Terror zu bezeichnen? Während des jüngsten sechsmonatigen Waffenstillstands hat Israel mehr als ein Dutzend Palästinenser gezielt getötet, kein Israeli ist umgekommen. Aber Europa hat geschwiegen. Durch die israelische Aggression im Gaza-Streifen sind nun schon über tausend Menschen ums Leben gekommen. Erst heute morgen habe ich das Bild eines dreijährigen Mädchens gesehen, das getötet wurde - wo ist der Aufschrei des Westens?

SPIEGEL: Wir können die Argumentation über einen gerechtfertigten Widerstand gegen eine Militärmacht nachvollziehen. Doch die Hamas hat ihren Ruf als Terrororganisation vor allem durch Selbstmordattentate gegen israelische Zivilisten erworben. Wollen Sie die auch entschuldigen?

Assad: Ich will nicht über die Arten des Tötens reden. Aber was macht den Unterschied aus zwischen einer Bombe, die am Körper getragen wird, und einer, die aus einem Flugzeug abgeworfen wird? Beide töten. Ich persönlich unterstütze das Konzept der Selbstmordattentate nicht, das ist nicht Teil unserer Kultur. Ob man sie verurteilt oder nicht - Selbstmordattentate sind eine Realität.

SPIEGEL: Mit der Hamas will sich kein westlicher Politiker an einen Tisch setzen.

Assad: Das stimmt doch gar nicht. Gerade in letzter Zeit haben viele europäische Offizielle mit der Hamas das Gespräch gesucht.

SPIEGEL: Mit Ihrer Vermittlung?

Assad: Die Europäer haben dazugelernt. Deshalb sprechen sie mit der Hamas-Führung hier in Damaskus - natürlich nicht öffentlich. Ich will keine Namen nennen. Aber bezeichnend finde ich, dass darunter auch jene sind, welche die Hamas in ihren Reden besonders anprangern. Wir versuchen zu helfen, wo wir können.

SPIEGEL: Der wichtigste Hamas-Vertreter im Ausland, Chalid Maschaal, hat bei Ihnen Asyl gefunden. Er steht ganz oben auf der Todesliste der Israelis, viele halten ihn für weit radikaler als die Hamas-Führung in Gaza. Ist Ihre Gastfreundschaft an Auflagen gebunden?

Assad: Maschaal hat eine Entwicklung vollzogen. Schon 2006 hat er die Grenzen von 1967 erwähnt. Was bedeutet das? Das bedeutet, dass er eine Zweistaatenlösung akzeptiert. Außerdem hat er vor ein paar Monaten noch hinzugefügt, er unterschreibe alles, was das palästinensische Volk für richtig halte.

SPIEGEL: Das ist sehr weitgehend interpretiert. In unseren Augen ist das allenfalls eine indirekte Anerkennung.

Assad: Über die Grenzen von 1967 zu sprechen bedeutet mehr als eine indirekte Anerkennung. Wir Syrer halten es so: Wir erkennen Israel nicht an, Israel ist noch immer unser Feind, der einen Teil unseres Landes besetzt hält, die Golanhöhen. Wenn die Israelis sich vom Golan zurückziehen, werden wir sie anerkennen. Erst kommt der Frieden, dann die Anerkennung - nicht umgekehrt. Wir ringen mit unserem Verhältnis zu Israel seit über 30 Jahren, in der Hamas hat der Prozess vor drei Jahren begonnen. Sie müssen Geduld walten lassen.



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