AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 4/2009

Essay Staat und Religion

Von Julia Franck

2. Teil: Sollen die Gläubigen unter sich bleiben - oder die Schulen eine gemeinsame Wertebasis vermitteln?


In einer gerichtlichen Klage gegen das Fach Ethik, die zur Verfassungsbeschwerde eskalierte und als solche bereits im Frühjahr 2007 abgewiesen wurde, behaupten die Kläger allerdings, das Fach Ethik widerspreche inhaltlich dem christlichen Glauben und behindere durch seinen obligatorischen Charakter den Besuch des Religionsunterrichts. Der gesunde Menschenverstand wundert sich zart. Wer Segeln und Trompetespielen, Konfirmandenunterricht und einen Yogakurs besuchen wollte, hat dies bislang meist auch nach dem Schulunterricht geschafft. Auch widerspricht die Evolutionstheorie der Schöpfungsgeschichte, weshalb dennoch Biologieunterricht und Schöpfungserzählung nicht zur Wahl stehen.

Dass Philosophie aber ein Unterricht in Atheismus sein soll, Ethik die ausschließende Konkurrenz zum Religionsunterricht, lässt sich aus meiner Sicht schwer nachvollziehen. Der getrennte Unterricht von Gläubigen und Atheisten sei wegen deren unterschiedlichen Menschenbilds wichtig, so die Initiative Pro Reli: "Wichtig ist für beide aber, dass der Betrachter seine eigene Moral in Übereinklang mit seinen Vorstellungen vom Sinn des Lebens entwickeln kann." Als gäbe es keine allgemein bindenden Werte in unserer Gesellschaft.

Letztlich wird so der Bildungsauftrag des Staates in Frage gestellt. Umso dringlicher erscheint es, in einem gemeinsamen Unterricht eine gemeinsame Wertebasis zu vermitteln. Denn, so der Beschluss des Bundesverfassungsgerichts in dieser Sache: "Die Fähigkeit aller Schüler zu Toleranz und Dialog ist eine Grundvoraussetzung für die spätere Teilnahme nicht nur am demokratischen Willensbildungsprozess, sondern auch für ein gedeihliches Zusammenleben in wechselseitigem Respekt auch vor den Glaubensüberzeugungen und Weltanschauungen."

"Manche Schulen werben mit einem Ausländeranteil von weniger als zwei Prozent."

Die Kampagne zum Berliner Volksbegehren wird nicht nur von der katholischen wie evangelischen Kirche, der Jüdischen Gemeinde ebenso wie von der CDU und dem "Dachverband Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion" und anderen Verbänden unterstützt. Augenscheinlich liegt der Initiative ein Misstrauen dem Staat gegenüber zugrunde. Wenn die Befürworter die Vermittlung von Werten lieber in den Händen der Religionsgemeinschaften als beim demokratischen Staat sehen und behaupten, das eine schließe das andere aus, behindere es zumindest gewaltig - welche Konsequenzen birgt es?

Könnte ein konfessionell getrenntes Religionsunterrichtsangebot tatsächlich an allen Schulen der Stadt gleich sein? Bereits heute wird vielfach entschieden: Der musisch Interessierte besucht die Schule A, derjenige, der Französisch statt Englisch als erste Fremdsprache lernen möchte, die Schule B und der engagierte Sportsfreund die Schule C. Wer in Neukölln wohnt, besucht eine andere Schule als derjenige im Westend; stolz werben manche Schulen mit einem Ausländeranteil von weniger als zwei Prozent.

Käme es zur angestrebten Wahlpflicht zwischen Ethik und konfessionell spezifischem Religionsunterricht, sähe die praktische Konsequenz vermutlich so aus: An einer Schule wird der muslimische, an der nächsten der evangelische und an der übernächsten der katholische Religionsunterricht angeboten. Die Gläubigen wären jeweils unter sich. Die Türken/Islamschule hier, die Russen/Judenschule dort, die Romanen/Katholiken getrennt von den Asiaten/Hindus, vielleicht fände sich auch eine protestantische Preußenschule oder eine Anglikanerschule. So würde unsere Gesellschaft bis an ihre Wurzeln, bis zu den Jüngsten, weiter zersplittern. Eine Trennung nach Kultur, Religion und Werten an öffentlichen Schulen birgt die Gefahr einer Partikularisierung, wenn nicht gar Spaltung. Und was macht in diesem Szenario das neugierige und geneigte, aber durch seine Herkunft konfessionslose Kind? Werden meine eines Tages zwölfjährigen Kinder für ein Jahr den islamischen und im folgenden den jüdischen Unterricht frei wählen dürfen? Und wie oft müssten sie dann bei ihrem ernsten Interesse an Religionen die Schule wechseln?

Allein das Werben für ein Volksbegehren macht eines offenbar: Die politisch Verantwortlichen haben etwas zu tun, damit Staat und Glaubensgemeinschaften nicht noch aggressiver gegeneinander zu Gericht ziehen und eines Tages unversöhnlich auseinanderbrechen.

  • 1. Teil: Staat und Religion
  • 2. Teil: Sollen die Gläubigen unter sich bleiben - oder die Schulen eine gemeinsame Wertebasis vermitteln?

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