AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 4/2009

Essay Staat und Religion

Der Berliner Schulstreit um Ethik- und Religionsunterricht

Von Julia Franck


Wenn durch den strahlend blauen Äther in den zauberhaft eingeschneiten Märchenwald Deutschland, wo golden die Sonne auf schneebeladenen Ästen glitzert und Kinder sich lachend Schneebälle zuwerfen, die Kunde von neuen Toten im Gaza-Streifen hallt, so mag der eine mit den Schultern zucken, der andere still Tränen vergießen - allein, was unsere Wipfel sanft wogen lässt, findet derzeit in einer Berliner Kampagne namens Pro Reli einen neuen Namen.

War es im Herbst noch die Finanzkrise, die Medien wie Zivilisten barmen und stöhnen ließ, die kurzerhand die Bildung vom Spitzenplatz der ins Auge gefassten Herbstpolitik schubste, so dass die Regierung mit hochgekrempelten Ärmeln den Ärmsten und auch den Gierigsten unter uns Reichen half, die zu heiß gekochte Suppe auszulöffeln, ist es heute nicht etwa eine Kampagne namens Pro Bildung, die ein Volksbegehren in der armen Stadt Berlin verlangt und dafür Unterschriften sammelt, sondern ein Verein, der sich für den konfessionell gebundenen Religionsunterricht an Schulen starkmacht.

Ob vor den offenen Pforten der Gemäldegalerie am Kindertag, zum Fest der Kontinente in den Dahlemer Völkerkundemuseen, als Flugblatt aus dem Religionsunterricht der öffentlichen Grundschule im bürgerlichen Stadtteil oder in der Predigt während des Gottesdienstes in der nächsten Kirche - überall begegnet einem der Aufruf zur Rettung: Pro Reli und Freie Wahl. Ihre Unterschrift zählt.

"Sind meine Kinder in Gefahr? Ist in Berlin das Grundgesetz außer Kraft gesetzt?"

Schon die demokratischen Grundbegriffe, Worte wie "Freiheit" und "Wahl", lassen das Herz höher schlagen. Dafür sind wir doch alle? Sollte fernab von Gaza und Kosovo das Recht zur Religionsausübung in Deutschland gefährdet sein? Sind meine Kinder und ihr freier Glaube, ihr fehlender Glaube in Gefahr? Ist in Berlin das Grundgesetz außer Kraft gesetzt? Kann meine Unterschrift hier für Toleranz wirken und all jene schützen, die gern glauben wollen, die glauben können, die vor allem im Glauben mehr für sich und unter sich sein möchten als mit anderen?

An der Grundschule meines Sohnes ist der Religionsunterricht nicht etwa in Randstunden wie die Förderstunden oder musische und sportliche Arbeitsgemeinschaften gedrängt, sondern erhält vorzugsweise Kernstunden in der Mitte des Vormittags zugeteilt. Der konfessionelle und integrative Kindergarten meiner Tochter wird mit nahezu denselben finanziellen Mitteln subventioniert wie die nichtkonfessionellen. Obwohl Berlin (wie Bremen) seit 1948 einen Sonderstatus hat und Religion kein ordentliches Lehrfach, sondern ein freiwilliges Angebot der Religionsgemeinschaften ist. Was also möchte die Pro-Reli-Kampagne mit einem Volksbegehren erwirken?

Nachdem an Berliner Schulen offener Rassismus, Antisemitismus - "Du Jude" ist längst zum Schimpfwort Nummer eins gediehen - und Gewalt unter Schülern sowie gegen Lehrer kulminierten (prominent im Frühling 2006 durch den Brandbrief der Lehrer an der Rütli-Schule), hat Berlin das Fach Ethik an allen öffentlichen Schulen ab Klasse 7 eingeführt. Der entsprechende Lehrplan zeigt einen bunten Fächer an philosophischen, kulturgeschichtlichen und auch religiösen Themen. Die Diskussion zwischen Schülern unterschiedlicher kultureller Prägung soll hier geübt werden. Wo es keinen Dialog gibt, kann es zu Abschottung, religiösem Fanatismus und am Ende zu Toten kommen (der von manchen Schülern bejubelte "Ehrenmord" an der jungen Hatun Sürücü 2005 gab in Berlin letztlich den Anstoß für den Beschluss zum Ethikunterricht).

Dem an der Wurzel entgegenzuwirken muss Anliegen des säkularen Staates sein. Weltwissen soll in jenem Fach vermittelt, Akzeptanz, Empathie und Respekt sollen vor anderen Denkweisen geübt werden. Dies könnte den nach Freiheit und Wahl strebenden Gläubigen ebenso beruhigen wie den Ungläubigen.

Nun verlangt die Initiative Pro Reli nicht etwa den Fortbestand des bisher freiwilligen Religionsunterrichtsangebots, sie möchte für die Klassen 7 bis 10 das Pflichtfach Ethik ersetzt wissen durch die Pflicht zur Wahl: zwischen Belehrung durch den Staat einerseits, durch Glaubensgemeinschaften, strikt nach Konfession getrennt, andererseits. Doch kämpfen heute nicht mehr nur die christlichen Religionen um Terrain im öffentlichen Leben. An einigen öffentlichen Schulen Berlins bilden muslimische Deutsche und Schüler nichtdeutscher Herkunft bereits 80 bis 90 Prozent der Schülerschaft. Hier stehen Lehrer vor der Herausforderung, Jungen und Mädchen gemeinsam Sportarten wie Schwimmen, in Biologie Evolution und Sexualkunde inklusive Verhütung zu lehren, die deutsche Sprache sowie Respekt vor männlichem und weiblichem Lehrpersonal zu vermitteln. Für meine eigene Schulzeit hätte ich mir durchaus den moderierten Dialog mit türkischen und iranischen Schülern über kulturelle Differenzen, nicht nur über offenes Haar, kurzen Rock und Schleier gewünscht.

Ob sich dem gesellschaftlichen Wandel und der Dialogfähigkeit junger Menschen in unserer Gesellschaft etwas hinzufügen lässt, indem die Religionsgemeinschaften im Rahmen der staatlichen Schulpflicht ihre Kinder getrennt voneinander in Glaube und Werten unterrichtet, darf gefragt werden. Dabei ist die Konkurrenz von Staat und Religion weder natürlich noch erforderlich. Insbesondere in einer globalisierten und pluralen Gesellschaft sollte jeder deutsche Schüler etwas über unterschiedliche Religionen, ihre Geschichte, Weltvorstellung und Ausübung lernen.

Was spricht dagegen, in jenem Fach namens Ethik im Verlauf eines Schuljahres den Rabbi ebenso wie den Imam und den Lama, den Priester und die Bischöfin an die Schule einzuladen, um von ihrem Glauben, ihrer Tradition, ihren Riten zu erzählen und Fragen zu beantworten? Am Ende könnte man dieses Fach "Ethik und Religionen" nennen. Ungeachtet einer gemeinsamen Verständigungs- und Bildungsmöglichkeit im Vermitteln der Werte, sollten die Religionsgemeinschaften weiterhin selbstbewusst und unabhängig vom Bildungsauftrag des Staates ihren konfessionellen Unterricht anbieten, vielfältig und offen zugänglich, gern auch an Schulen. Nur brauchte dies keine Pro-Reli-Kampagne, sondern lediglich die engagierte Wahrnehmung von Interessen seitens der Gemeinden.

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