AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 4/2009

Zukunft "Zeit für Radikalität"

Der Publizist und dreifache Pulitzer-Preis-Träger Thomas L. Friedman über den Zustand Amerikas, die Wirtschaftskrise und Barack Obamas Chancen, das Land zu erneuern


SPIEGEL: Mr. Friedman, Präsident Franklin D. Roosevelt sagte in seiner Rede zur Amtseinführung im Krisenjahr 1933: "Es ist an der Zeit, die Wahrheit zu sagen, die ganze Wahrheit, frei und kühn." Was ist die ganze Wahrheit über Amerika heute?

Friedman: Amerika hat den Schwung verloren. Einer der Gründe dafür ist der Anschlag vom 11. September 2001. Das hat uns aus der Bahn geworfen. Aus einem Land, berühmt dafür, dass es Hoffnung exportiert, wurde ein Land, das Angst exportiert. Zweitens: Mit der Sowjetunion haben wir unseren Gegner verloren. Jeder, der seinen Wettbewerber verliert, wird dick, dumm und fröhlich. Wir verfielen in das Gefühl: Wir erledigen's, wenn wir's halt erledigen, weil wir Amerika sind. Wir haben Zeit. Dann hörte auch noch unsere Regierung auf zu funktionieren.

SPIEGEL: Wo bleibt bei Ihnen der amerikanische Optimismus?

Friedman: Hier kommt er: Auf Lesereisen spüre ich die Energie, die in diesem Land steckt. Rockstars bekommen Zimmerschlüssel zugesteckt, ich kriege Visitenkarten. Überall treffe ich Entwickler von Windkraftanlagen, Erzeuger von Solarstrom. Das Land explodiert vor Kreativität - aber zu vieles davon bleibt am Boden.

SPIEGEL: Amerika gut, Regierung schlecht?

Friedman: Die Regierung schafft es nicht, einen Nutzen aus den Innovationen zu ziehen, nicht in der Geschwindigkeit, in der Breite, in der Tiefe, die nötig wären. Amerika wirkt wie ein Spaceshuttle: Es kommt eine Menge Schubkraft von hinten, aber die Steuerungsrakete ist defekt, und die Piloten bekämpfen sich wegen des Flugplans. So schafft das Land es nicht in die nächste Umlaufbahn.

SPIEGEL: Wo liegt die nächste Umlaufbahn?

Friedman: In der nächsten großen industriellen Revolution: ET, Energietechnologie.

SPIEGEL: Ist Barack Obama der Mann, der das selbstmitleidige und zerknirschte Amerika wieder aufrichten kann?

Friedman: Er hat die Wahl gewonnen, weil er versteht, was die Amerikaner heute vor allem anderen wollen: Nation-Building zu Hause, nicht im Irak oder in Afghanistan. Amerika braucht einen Neustart.

SPIEGEL: Sind die riesigen Erwartungen nicht Vorbote der nächsten Enttäuschung?

Friedman: Niemand weiß heute, ob Obama liefern kann, was er verspricht. Aber ich sehe eine Menge Rohmaterial für eine erfolgreiche Präsidentschaft: seine Fähigkeit zu kommunizieren, Menschen anzuregen. Das alles sind keine Kleinigkeiten. Der letzte Präsident, der die Gabe hatte, Menschen aller Lager aus dem Sessel zu reißen, war John F. Kennedy.

SPIEGEL: Obamas großer rhetorischer Begabung steht das Fehlen von Regierungserfahrung gegenüber. Nicht so wichtig?

Friedman: Erfahrung ist wichtig, Urteilsfähigkeit ist wichtig, doch im Moment hoffe ich, dass Obama früher viel mit Bill Ayers zusammen war. Von ihm hätte er etwas lernen können: Radikalität.

SPIEGEL: Sie meinen seinen Bekannten aus Chicago, der einst im Untergrund lebte und an Terroranschlägen beteiligt war.

Friedman: Es ist ein radikaler Moment für Amerika, es ist Zeit für einen Radikalen. Ich weiß nur: Wenn er nicht so radikal ist, wie der Moment es verlangt, wird unser Land in Schwierigkeiten sein.

SPIEGEL: Obama ist ein Brückenbauer, das Gegenteil von radikal.

Friedman: Keiner weiß es, nicht mal er. Präsidenten wachsen, Zeiten formen Leute.

SPIEGEL: Was meinen Sie mit "radikal"?

Friedman: Nehmen wir die Energiepolitik. Derzeit ist sie die Summe aller Lobbyisten. Wir können uns das nicht mehr leisten. Radikal wäre es, wir schickten zwei weise Männer für ein halbes Jahr aus, und sie kämen zurück mit einem nationalen Energieplan. Der würde im Kongress eingebracht, und es gäbe nur Zustimmung oder Ablehnung, keine Abstriche, nichts. Stimme für die richtigen Maßnahmen, oder sei still!

SPIEGEL: Das klingt wie die Sehnsucht nach dem Ende der Politik.

Friedman: Ja, wir brauchen weniger alte Politik. Niemand dachte mehr an das langfristige nationale Interesse.

SPIEGEL: Besteht nicht der American Way of Life aus ebendieser Kurzfristigkeit, aus schnellem Spaß und schnellem Geld?

Friedman: Wir sollten uns von dieser Vergangenheit verabschieden. Wir können uns eine Zukunft, die aussieht wie die Vergangenheit, nicht leisten. Noch eine solche Dekade - und wir sind Dritte Welt.

SPIEGEL: Die Wirtschaftskrise trifft Amerika und den Rest der Welt hart. Wer nur Ihr Buch "Die Welt ist flach" gelesen hat, dürfte überrascht sein. Die schöne, flache, liberale Wirtschaftswelt ist ins Rutschen geraten.

Friedman: Es gab nach dem Ende des Kalten Krieges drei bedeutende Bücher: "Das Ende der Geschichte" von Francis Fukuyama, "Kampf der Kulturen" von Samuel Huntington und "Die Welt ist flach". Die beiden letzten gelten noch.

SPIEGEL: Sie würden es tatsächlich wieder so schreiben?

Friedman: Wer diese Krise verfolgt und nicht denkt, dass die Welt flacher wird, der hat nicht aufgepasst. Wir erleben die ganze Welt zur selben Zeit im selben Takt. Wer hätte gedacht, dass unsere Immobilienkrise die Deutsche Bank bedrängt?



© DER SPIEGEL 4/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.