AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 4/2009

Fußball Jojo und der Präsident

Von , und

2. Teil: Überhitzte Stimmung im Machtkampf


Anfang der neunziger Jahre hieß es auf den Tribünen im Mutterland des Fußballs noch "Reclaim the game" - holt euch das Spiel zurück. Dazu ist es zu spät. Die Top-Clubs gehören heute einem thailändischen Multimillionär und morgen einem Scheich aus Abu Dhabi, Spielzeug für die Superreichen. Die Fans sorgen allenfalls noch für die Folklore.

Es ist ein akzeptabler Deal für jene, die Fußball als Bestandteil der globalen Unterhaltungsindustrie sehen. Für Leute wie Liebnau sind solche Zustände die Hölle.

Er gehört der Ultra-Gruppe "Chosen Few" an. Vorige Saison war er bei sämtlichen HSV-Spielen in der Bundesliga, im DFB-Pokal, im Intertoto- und Uefa-Cup, insgesamt 52 Partien, ein "Allesfahrer". Die Ultra-Bewegung hat ihre Wurzeln in Italien. Ihren Vorsänger mit dem Megafon nennen sie "Capo". Ultras sind berühmt für ihre aufwendigen, manchmal atemberaubenden Choreografien, die sie in Stadien inszenieren. Sie dominieren mittlerweile in fast allen Vereinen die Fankurven. Sie verstehen sich als Avantgarde. Ein Ultra feuert seinen Verein 90 Minuten durchgehend an, anders als normale Fans, die nur hin und wieder laut werden.

Zu ihrer Ideologie gehört es, gegen Kommerz zu sein. Sie verstehen sich als Verfechter der wahren Fußballkultur, mit Bier, Blockfahnen und immer neu erdachten Schlachtgesängen. Ultras sind gegen Gewalt, aber wenn sie der Meinung sind, es gehe nicht anders, schlagen sie auch mal zu.

Liebnau hat sich lange überlegt, ob er sich zur Wahl stellen soll. Er hat Betriebswirtschaftslehre studiert und arbeitet als Gebietsverkaufsleiter für die Carlsberg-Gruppe, die mit der Biermarke Holsten den HSV sponsert. Er ist clever, er kann gut reden. Im Job trägt er dunkle Anzüge.

Aber er ist auch Jojo, der Capo. Er bietet eine gute Angriffsfläche.

Nachdem seine Kandidatur bekanntgeworden war, erschien in der "Bild"-Zeitung eine Geschichte über ihn. Der Artikel beschrieb, wie sich Liebnau bei einem Spiel als Capo benimmt. Zum Beispiel, dass er rüde Schmähgesänge anstimmt, die Rivalen aus Bremen als "Hurensöhne" beschimpft und singt: "Tod und Hass dem SVW". Am Ende des Artikels wurde die Frage gestellt: Was sagt eigentlich sein Arbeitgeber dazu?

Liebnau bot seinem Chef an, seine Kandidatur zurückzuziehen. Aber der versicherte seinem Angestellten, ihm würde kein Nachteil durch sein Engagement entstehen. Trotzdem ist Liebnau angeschlagen, weil er zwischen die Fronten geraten ist und Angst hat, womöglich aufgerieben zu werden.

Seitdem ist die Stimmung überhitzt. Weil Hoffmann im März vergangenen Jahres dem Hamburger Sportchef von "Bild" eine Uhr im Wert von über 1000 Euro zu einem Dienstjubiläum geschenkt hat und auch die Laudatio hielt, glauben die Unterstützer Liebnaus an eine Kampagne Hoffmanns.

Der HSV-Chef bestreitet dies, er sieht sich zu Unrecht als eiskalter Machtmensch dargestellt. Er besucht den Neujahrsempfang von Amateurabteilungen in Norderstedt und das HSV-Leichtathletikfest "1000 Zwerge". Doch viele nehmen ihm diese Volkstümlichkeit nicht ab. Am Ende bleibt immer der Eindruck, Hoffmann würde die Zeit eigentlich lieber nutzen, neue Geldquellen für den HSV zu erschließen.

Fußballfans befinden sich regelmäßig in einem emotionalen Ausnahmezustand. Sie wissen immer alles besser. Sie sind in der Lage, gestandene Profis als Fußkranke zu beschimpfen, obwohl sie selbst eine Bierwampe vor sich her schleppen. Logisch ist das nicht. Aber so ist Fußball.

Bei Real Madrid oder dem FC Barcelona, zwei Weltvereinen, leben die Clubbosse seit je mit diesem unberechenbaren Potential an Irrationalität. An den "socios", den Mitgliedern, kommt dort kein Präsident vorbei. Wer an die Spitze der Clubs gelangen will, muss sich Direktwahlen stellen, und auch während einer Amtsperiode üben Fandelegierte weitreichende Kontrolle aus.

Um von den über 70 000 Mitgliedern zum Präsidenten von Real Madrid gewählt zu werden, steckte der Anwalt Ramón Calderón 2006 mindestens eine Million Euro in seine Kampagne. Calderón, der vorigen Freitag nach Betrugsvorwürfen von seinem Amt zurücktrat, hielt sich offenbar auch hartgesottene Anhänger wie die "Ultras Sur" gewogen, eine Gruppe Rechtsradikaler, die ihm zuletzt als Mehrheitsbeschaffer diente - auch deshalb, weil sie Kritiker mit zuweilen rüden Methoden einschüchterte.

Liebnau sagt, ihm und seinen Mitstreitern gehe es nicht um mehr Macht. Sie wollen, dass Hoffmann sie respektiert. Ihren Dampf lassen sie in einem eigenen Magazin ab, den "Supporters News". Dort erscheinen auch mal kritische Artikel über Hoffmann. Deshalb gibt es oft Krach mit ihm.

Seit ein paar Wochen läuft der Wahlkampf. Liebnau und seine Kollegen versuchen, ihre Leute zu mobilisieren. Sie fahren gemeinsam zu Fanclubs wie "Rautengeil" in Fallingbostel, werben in Oldenburg, in Köln, im Ruhrgebiet. Manche haben schon mehr als 20 Auftritte hinter sich.

Hoffmann äußert sich nicht öffentlich zu den Kandidaten. Aber er hat die Versammlung strategisch vorbereitet. Den Termin legte er bewusst in die Winterpause. Er wollte vermeiden, dass die Wahl womöglich von einer Niederlagenserie überschattet wird und feindselige Emotionen hochkochen. Er wählte die spielfreie Zeit auch, weil da sonst wenig los ist. Kandidaten wie der ihm genehme frühere HSV-Profi Sergej Barbarez, so sein Kalkül, bekämen dann mehr Raum in den Hamburger Medien.

Zerstören Managertypen wie Hoffmann den Fußball? Oder verbessern sie das Produkt?

Nirgendwo wird so schön gespielt wie in Manchester, Liverpool oder London, bei Traditionsclubs, die auch von Geschäftsleuten wie Hoffmann umgebaut wurden und die heute rigoros den Gesetzen des Kapitalmarktes gehorchen.

Auch die Bundesliga brummt. Die Stadien sind voll. Aber für das Spiel gegen Werder Bremen verlangten sie beim HSV für einen Sitzplatz bis zu 97 Euro. Liebnau, der Ultra, sagt: "Da gehen einige Menschen verloren, weil die das Geld nicht haben."

Er sagt, er wolle den Fußball für die einfachen Leute retten. Zur Abstimmung im Hamburger Kongresszentrum, Halle H, rund 6000 Sitzplätze, werden die HSV-Supporters in Fanbussen anreisen. Es gibt natürlich keine Umfragen, keine Prognosen, niemand im Verein kann die Lage wirklich einschätzen. Aber alle wissen, dass bei so einer Mitgliederversammlung viel passieren, die Stimmung schnell kippen kann.

Hoffmanns Vertrag läuft noch drei Jahre, aber er wird nachdenken müssen, wenn Liebnau und seine Kollegen gewählt werden. Es hört sich etwas zynisch und beleidigt an, wenn Hoffmann in diesen Tagen über den HSV spricht. Er sagt, es gebe Vereine, wo man Unternehmertum noch schätzt und zu denen er gute Kontakte hat. Es soll klingen wie eine Drohung, wenn er so redet.

Am 30. Januar beginnt die Rückrunde der Bundesliga. Der HSV spielt gegen die Bayern. Egal wie die Wahl ausgeht, Johannes Liebnau wird da sein, mit dem Megafon in Block 22 C.



insgesamt 83 Beiträge
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Seite 1
Schwabenpower 31.10.2008
1.
Zitat von sysopDas Topspiel der Fußballbundesliga gibt es künftig am Samstagabend im Pay-TV, die Zusammenfassung im Free-TV erst viel später. Mehr Kommerzialisierung auf Kosten der Fans?
Auf jeden Fall mehr Kommerzialisierung. Trotzdem muss der Fan dadurch nicht der leidtragende sein.
sifro 31.10.2008
2.
Zitat von sysopDas Topspiel der Fußballbundesliga gibt es künftig am Samstagabend im Pay-TV, die Zusammenfassung im Free-TV erst viel später. Mehr Kommerzialisierung auf Kosten der Fans?
Wer es live sehen will kann ja in`s Stadion gehen oder Pay-TV. Natürlich mehr Kommerzialisierung, was sonst?
sir 31.10.2008
3. Deutscher Sonderweg
So, wie es sich die BL-Manager wünschen, angeblich im Sinne der Fans, wird der deutsche Fußballmarkt nie funktionieren. Die Zersplitterung der Fußballübertragung wird nur zum nervenden Warten auf die Sonntagabendzuammenfassung führen, unspannend gemacht durch Radio, Internet etc., das Pay-TV wird keinen müden Euro mehr einnehmen. Wenn sich dieses Modell dann in ein oder zwei Jahren als gescheitert erweisen wird, werden wahrscheinlich auf die Schuldzuweisungen an den knausernden deutschen Fan noch komplexere Aufspaltungen folgen und die Free-TV-Berichterstattung beschnitten, um die Renditeziele doch noch zu erreichen. Was ist die Alternative? Den Ball flach halten und eine spannende Liga bieten, meinetwegen ohne die großen internationalen Stars, dafür mit Bodenhaftung und einer lebendigen Fan- und Zuschauerkultur, ausgerichtet am Samstagnachmittag, mit vollen Stadien anstatt kollektivem Sofahocken. Denn auch wenn in Deutschland durch Pay-TV das große Geld fließen sollte, dürften davon wiederum nur die ca. fünf international agierenden Vereine profitieren, für den Rest der Liga bliebe das Schicksal der kleinen Clubs wie in Italien oder Spanien, d. h. die Liga leidet an der Macht der CL-Vereine. Außerdem: vielleicht erweist sich das bodenständige deutsche Modell im Fußball in naher Zukunft als sinnvoller als die kreditfinanzierten Ligen in England, Spanien und Italien.
Thommy1979 31.10.2008
4. ree
Zitat von sysopDas Topspiel der Fußballbundesliga gibt es künftig am Samstagabend im Pay-TV, die Zusammenfassung im Free-TV erst viel später. Mehr Kommerzialisierung auf Kosten der Fans?
Da es auch vorher samstags nicht wirklich Spiele live im free-tv zu sehen gab, whats the difference?
melkor23 31.10.2008
5.
Zitat von sirSo, wie es sich die BL-Manager wünschen, angeblich im Sinne der Fans, wird der deutsche Fußballmarkt nie funktionieren. Die Zersplitterung der Fußballübertragung wird nur zum nervenden Warten auf die Sonntagabendzuammenfassung führen, unspannend gemacht durch Radio, Internet etc., das Pay-TV wird keinen müden Euro mehr einnehmen. Wenn sich dieses Modell dann in ein oder zwei Jahren als gescheitert erweisen wird, werden wahrscheinlich auf die Schuldzuweisungen an den knausernden deutschen Fan noch komplexere Aufspaltungen folgen und die Free-TV-Berichterstattung beschnitten, um die Renditeziele doch noch zu erreichen. Was ist die Alternative? Den Ball flach halten und eine spannende Liga bieten, meinetwegen ohne die großen internationalen Stars, dafür mit Bodenhaftung und einer lebendigen Fan- und Zuschauerkultur, ausgerichtet am Samstagnachmittag, mit vollen Stadien anstatt kollektivem Sofahocken. Denn auch wenn in Deutschland durch Pay-TV das große Geld fließen sollte, dürften davon wiederum nur die ca. fünf international agierenden Vereine profitieren, für den Rest der Liga bliebe das Schicksal der kleinen Clubs wie in Italien oder Spanien, d. h. die Liga leidet an der Macht der CL-Vereine. Außerdem: vielleicht erweist sich das bodenständige deutsche Modell im Fußball in naher Zukunft als sinnvoller als die kreditfinanzierten Ligen in England, Spanien und Italien.
Stimmt, denn Premiere wird durch die Zersplitterung des Spieltags unattraktiver. Heute habe ich als Premiere-Kunde samstags von 15:30 Uhr 17:30 Uhr eine mehr oder weniger unterhaltsame Konferenz mit allen Samstagsspielen und habe dann Zeit für was anderes. Nächste Saison muss ich dann nochmal 90 Minuten dranbleiben. Auch der Fußballsonntag wird unendlich in die Länge gezogen. Sorry, Premiere: die Kündigung geht am Wochenende raus.
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