AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 4/2009

Fußball Jojo und der Präsident

Beim Hamburger SV ist ein Machtkampf zwischen Vereinsmitgliedern und dem Vorstandsvorsitzenden Bernd Hoffmann ausgebrochen. Gestritten wird um die Identität des Spiels: Wem gehört der Fußball, den Bossen oder den Fans?

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Seinen letzten Auftritt im Stadion hatte Johannes Liebnau im Dezember gegen Aston Villa. Er stand, wie immer, in der Nordtribüne im Block 22 C. Er hatte sein Megafon dabei und rief: "Hamburger Jungs, Hamburger Jungs." Und aus Hunderten Kehlen hallte es zurück: "Wir sind alle Hamburger Jungs." Liebnau, 26, ist der Vorsänger im Fanblock des Hamburger SV. Ein "Ultra", wie sich jene nennen, die am meisten Stimmung machen. Jeder kennt ihn. Im Sommer tritt er manchmal mit freiem Oberkörper auf. Alle nennen ihn nur "Jojo".

Bernd Hoffmann saß, wie immer, weit von ihm entfernt. Hoffmann, 45, ist der Vorstandsvorsitzende des HSV. Er verfolgt die Spiele seines Vereins in einer Loge, die sich in Block 4 befindet, direkt über dem Spielereingang auf Höhe der Mittellinie. Manchmal, wenn wichtige Geschäftspartner zu Gast sind, werden dort Sekt und Häppchen gereicht. Richtig stimmungsvoll wird es da eher selten. Hoffmann und Liebnau gehören einem Verein an. Sie wollen das Gleiche: dass Hamburg gewinnt. Ansonsten leben sie in unterschiedlichen Welten. Für Hoffmann ist Liebnau ein Kunde, nicht unbedingt ein angenehmer. Ultras sind laut und stehen auf billigen Plätzen. Der Vorstandsvorsitzende schätzt eher die Leute, die Tickets für Business-Seats kaufen.

Doch nun hat Jojo den Präsidenten herausgefordert. Und der HSV-Chef kann nicht so tun, als interessiere ihn das nicht. Es geht um seine Zukunft.

Am kommenden Sonntag wird der neue Aufsichtsrat des HSV gewählt, dessen wichtigste Aufgabe es ist, den Vorstand, also auch Hoffmann, zu kontrollieren. Einer der aussichtsreichsten Kandidaten ist Liebnau, der Ultra aus Block 22 C. Vor vier Monaten gab er seine Kandidatur bekannt. Seitdem herrscht unter den HSV-Anhängern die blanke Hysterie. Hoffmann spricht intern von einem Putschversuch. Liebnau mobilisiert seine Leute für die Wahl. Die Medien spekulieren, ob der Untergang des Clubs bevorstehe. Alteingesessene HSVer sehen ihren Verein in die Kreisliga abstürzen, wenn Leute wie Liebnau die Kontrolle übernehmen.

Es ist ein lokaler Machtkampf, aber auch ein Kampf der Kulturen. Er reicht bis an die Wurzeln des Fußballs. Denn in Hamburg wird stellvertretend auch um die Identität des Fußballs gerungen. Es geht um die Frage, wem das beliebteste Spiel der Welt gehört: den Bossen oder den Fans?

Es ist der Urkonflikt des modernen Fußballs. Er wird ausgefochten, seit der Sport ein Millionengeschäft ist. Zwei Denkweisen prallen aufeinander: die von Stehplatzromantikern und die von gewinnorientierten Managern. In Hamburg wird die letzte große Schlacht geschlagen.

Bernd Hoffmann sitzt in einem Hamburger Literaturcafé. Sein Gesicht ist gebräunt. Er war beim Trainingslager der Mannschaft in Dubai. Er sagt, es gebe Leute, die ihn loswerden wollten, und bestellt Käsekuchen.

Als er zum HSV kam, war der Verein eine Baustelle. Er hat den Club modernisiert. Heute stimmen die Bilanzen, wirtschaftlich und sportlich. Hamburg gehört zu den Titelanwärtern, das Stadion ist fast immer voll, der Umsatz auf 140 Millionen Euro angewachsen. Für Hoffmann ist der HSV ein "mittelständisches Unternehmen mit der Strahlkraft eines Dax-Konzerns".

Was will dieser Liebnau eigentlich?

Hoffmann fällt es schwer, den Herausforderer ernst zu nehmen. Aber er muss es. Fans haben laut Satzung beim HSV eine große Macht, die Supporters stellen mit 45 000 Mitgliedern die größte Fraktion im Gesamtverein. Sie haben einen Vertreter im vierköpfigen Vorstand und eigene Geschäftsräume im Stadion. Es ist ein sehr basisdemokratisch orientiertes Modell und einzigartig in der Bundesliga. Es ist kein Modell, das Hoffmann mag.

Seit fast sechs Jahren führt er den HSV. Er ist einer, der die Dinge anpackt und nicht viel erklärt. Mit dem alten Aufsichtsrat gab es selten Probleme. Bei Sitzungen wurde die meiste Zeit über den aktuellen Tabellenstand geredet und über die Formkurven der Spieler.

Das neue Gremium, so seine Befürchtung, könnte unberechenbar für ihn werden. Vier der zwölf Plätze im Aufsichtsrat sind fest an einzelne HSV-Abteilungen vergeben, einer davon an die Supporters-Fraktion. Für die restlichen Plätze bewerben sich 20 Kandidaten, darunter Liebnau und drei weitere Hoffmann-Kritiker aus dem Kreis der Supporters, von denen einer als Journalist beim SPIEGEL arbeitet.

Hoffmann sieht in ihnen eine Bedrohung. Würden sie ihr Ziel erreichen, könnten sie Mehrheiten gegen ihn bilden und seine Arbeit blockieren. Es würde ihn nicht wundern, wenn Partner des HSV aussteigen, weil ihnen ein Verein, in dem Fans mitreden, zu unseriös ist. Es kursieren sogar Gerüchte über einen Plan, Hoffmann loszuwerden. Immerhin entscheidet der Aufsichtsrat über die Vertragsverlängerung des Vorstands.

Hoffmann ist den engagierten Fans im Verein seit langem suspekt. Er ließ vor gut zwei Jahren das Vereinslokal "Raute" im Stadion für normale Anhänger an Spieltagen schließen. Es dürfen jetzt nur noch VIPs rein. Damals wurden auch Rollbanden im Stadion installiert, damit noch mehr Werbung laufen kann. Die Transparente in der Nordtribüne gingen dazwischen unter, es gab wütende Proteste. Einige Banden sind jetzt verschwunden.

Die Fans hat das nicht besänftigt. Sie fürchten Zustände wie in den Stadien der englischen Premier League, wo zwar die besten Spieler der Welt zu bestaunen sind, die Anhänger sich aber zu einem reinen Event-Publikum dressieren ließen.



insgesamt 83 Beiträge
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Seite 1
Schwabenpower 31.10.2008
1.
Zitat von sysopDas Topspiel der Fußballbundesliga gibt es künftig am Samstagabend im Pay-TV, die Zusammenfassung im Free-TV erst viel später. Mehr Kommerzialisierung auf Kosten der Fans?
Auf jeden Fall mehr Kommerzialisierung. Trotzdem muss der Fan dadurch nicht der leidtragende sein.
sifro 31.10.2008
2.
Zitat von sysopDas Topspiel der Fußballbundesliga gibt es künftig am Samstagabend im Pay-TV, die Zusammenfassung im Free-TV erst viel später. Mehr Kommerzialisierung auf Kosten der Fans?
Wer es live sehen will kann ja in`s Stadion gehen oder Pay-TV. Natürlich mehr Kommerzialisierung, was sonst?
sir 31.10.2008
3. Deutscher Sonderweg
So, wie es sich die BL-Manager wünschen, angeblich im Sinne der Fans, wird der deutsche Fußballmarkt nie funktionieren. Die Zersplitterung der Fußballübertragung wird nur zum nervenden Warten auf die Sonntagabendzuammenfassung führen, unspannend gemacht durch Radio, Internet etc., das Pay-TV wird keinen müden Euro mehr einnehmen. Wenn sich dieses Modell dann in ein oder zwei Jahren als gescheitert erweisen wird, werden wahrscheinlich auf die Schuldzuweisungen an den knausernden deutschen Fan noch komplexere Aufspaltungen folgen und die Free-TV-Berichterstattung beschnitten, um die Renditeziele doch noch zu erreichen. Was ist die Alternative? Den Ball flach halten und eine spannende Liga bieten, meinetwegen ohne die großen internationalen Stars, dafür mit Bodenhaftung und einer lebendigen Fan- und Zuschauerkultur, ausgerichtet am Samstagnachmittag, mit vollen Stadien anstatt kollektivem Sofahocken. Denn auch wenn in Deutschland durch Pay-TV das große Geld fließen sollte, dürften davon wiederum nur die ca. fünf international agierenden Vereine profitieren, für den Rest der Liga bliebe das Schicksal der kleinen Clubs wie in Italien oder Spanien, d. h. die Liga leidet an der Macht der CL-Vereine. Außerdem: vielleicht erweist sich das bodenständige deutsche Modell im Fußball in naher Zukunft als sinnvoller als die kreditfinanzierten Ligen in England, Spanien und Italien.
Thommy1979 31.10.2008
4. ree
Zitat von sysopDas Topspiel der Fußballbundesliga gibt es künftig am Samstagabend im Pay-TV, die Zusammenfassung im Free-TV erst viel später. Mehr Kommerzialisierung auf Kosten der Fans?
Da es auch vorher samstags nicht wirklich Spiele live im free-tv zu sehen gab, whats the difference?
melkor23 31.10.2008
5.
Zitat von sirSo, wie es sich die BL-Manager wünschen, angeblich im Sinne der Fans, wird der deutsche Fußballmarkt nie funktionieren. Die Zersplitterung der Fußballübertragung wird nur zum nervenden Warten auf die Sonntagabendzuammenfassung führen, unspannend gemacht durch Radio, Internet etc., das Pay-TV wird keinen müden Euro mehr einnehmen. Wenn sich dieses Modell dann in ein oder zwei Jahren als gescheitert erweisen wird, werden wahrscheinlich auf die Schuldzuweisungen an den knausernden deutschen Fan noch komplexere Aufspaltungen folgen und die Free-TV-Berichterstattung beschnitten, um die Renditeziele doch noch zu erreichen. Was ist die Alternative? Den Ball flach halten und eine spannende Liga bieten, meinetwegen ohne die großen internationalen Stars, dafür mit Bodenhaftung und einer lebendigen Fan- und Zuschauerkultur, ausgerichtet am Samstagnachmittag, mit vollen Stadien anstatt kollektivem Sofahocken. Denn auch wenn in Deutschland durch Pay-TV das große Geld fließen sollte, dürften davon wiederum nur die ca. fünf international agierenden Vereine profitieren, für den Rest der Liga bliebe das Schicksal der kleinen Clubs wie in Italien oder Spanien, d. h. die Liga leidet an der Macht der CL-Vereine. Außerdem: vielleicht erweist sich das bodenständige deutsche Modell im Fußball in naher Zukunft als sinnvoller als die kreditfinanzierten Ligen in England, Spanien und Italien.
Stimmt, denn Premiere wird durch die Zersplitterung des Spieltags unattraktiver. Heute habe ich als Premiere-Kunde samstags von 15:30 Uhr 17:30 Uhr eine mehr oder weniger unterhaltsame Konferenz mit allen Samstagsspielen und habe dann Zeit für was anderes. Nächste Saison muss ich dann nochmal 90 Minuten dranbleiben. Auch der Fußballsonntag wird unendlich in die Länge gezogen. Sorry, Premiere: die Kündigung geht am Wochenende raus.
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