AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 5/2009

Einwanderung: Für immer fremd

Von Katrin Elger, Ansbert Kneip und Merlind Theile

Ein Drittel der in Deutschland geborenen Kinder wächst in Migrantenfamilien auf - sie werden mitbestimmen über die Zukunft des Landes. Doch viele Zuwanderer sind schlecht integriert. Eine neue Studie zeigt: Vor allem Türken zählen zu den Verlierern.

Etwas ist schiefgelaufen, und Süleyman Topaloglu versucht zu verstehen, was. Er ist 64 Jahre alt, seit Anfang der siebziger Jahre in Berlin, sein Deutsch noch immer bruchstückhaft. Topaloglu trägt die Kluft der Gastarbeiter: Cordhose, einen grauen Pullover, Schiebermütze. Ein Räuspern, es ist nicht leicht für ihn, hier vor den anderen Türken zu sprechen. Sie sitzen im Stuhlkreis, eine Selbsthilfegruppe in den Räumen des Jugendamts Neukölln, knapp 30 Männer und Frauen sind heute gekommen. "Arkadaslar", Freunde, sagt Topaloglu, "hört mir zu."

Seit drei Generationen lebe seine Familie in Deutschland, erzählt er. Er fühle sich zu Hause in Berlin, aber nicht heimisch. In der zweiten Generation, so hatte Topaloglu gedacht, werde sich das ändern, doch auch sein Sohn habe es nicht geschafft, sich einzuleben. Er rutschte ab in Arbeitslosigkeit, Drogen, Gefängnis. Topaloglu beugt sich auf seinem Stuhl nach vorn und schaut in die Runde. "Und jetzt, Freunde, brauche ich euren Rat. Jetzt will ich lernen, was ich bei meinen Enkeln besser machen kann."

"Unser neues Dorf", so heißt die Selbsthilfegruppe in Berlin, alle 14 Tage treffen sich hier Türken, die in Neukölln ankommen und heimisch werden wollen - auch wenn sie schon Jahre hier leben.

Das neue Dorf, es ist nur eines von unüberschaubar vielen Integrationsangeboten allein in Berlin. Zurechtkommen, nicht mehr am Rande stehen, das ist das Ziel solcher Kurse. Überall in den Städten Deutschlands werden sie angeboten, das geht von "Mama lernt Deutsch" mit Kinderbetreuung über die Vorlesepaten der Stadtbüchereien, den Integrationskurs für Mütter, das Seminar zur Berufsfindung bis hin zum Crashkurs Deutsch in den Herbstferien für Siebtklässler.

Manche dauern nur ein Semester an der Volkshochschule, andere sind Pilotversuche und laufen nach zwei Jahren aus. Ein dichtes Hilfs- und Auffangnetz hat sich gebildet, mancherorts fehlt es an ausländischen Sprachschülern, weil zu viele Deutschkurse um die Bildungswilligen konkurrieren.

Noch nie, so scheint es, wurde Einwanderern der Anschluss an die deutsche Gesellschaft so leicht gemacht, noch nie gab es so viel Unterstützung. Schon drei Integrationsgipfel hat die Bundesregierung veranstaltet, der letzte fand Ende 2008 im Kanzleramt statt, es war ein Gipfel der Harmonie.

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU), zuständig für die Ausländerpolitik, ist denn auch überzeugt, dass die großen Integrationsprobleme bald gelöst sein werden: "Warten Sie einfach noch einmal vier Jahre CDU-geführte Regierung ab."

Doch noch ist die Lage ernster denn je. Eine neue Untersuchung des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, die in dieser Woche vorgestellt wird, kommt zu erschreckenden Ergebnissen: Wer als Fremder kommt, bleibt fremd. Mehr noch, auch nach 50 Jahren, nach manchmal drei Generationen, selbst mit deutschem Pass lebt eine alarmierend hohe Zahl von Zuwanderern nach wie vor in einer Parallelwelt, und um ihre Zukunft steht es schlecht.

Das hat Folgen für Deutschland. Das Land braucht Zuwanderung, weil die Deutschen zu wenig Kinder bekommen; die Bevölkerung schrumpft, sie altert, ihre Produktivität ist in Gefahr. Doch wenn die kinderreichen Migranten schlecht ausgebildet sind, wenn sie keine Jobs finden, dann kosten sie den Staat Geld, statt ihn zu stützen. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2008 schätzt die Lasten verfehlter Integration auf bis zu 16 Milliarden Euro, pro Jahr, jetzt schon.

Die Forscher vom Berlin-Institut haben sich einer auf den ersten Blick schlichten Änderung im Mikrozensus bedient, der alljährlichen Erhebung unter 800.000 Bürgern, einem Prozent der Bevölkerung, durch das Statistische Bundesamt. Die Befragten geben Auskunft über Wohnverhältnisse, Arbeit, Ausbildung, Einkommen und Staatsangehörigkeit. Eine Frage ist 2005 dazugekommen: die Frage nach dem Herkunftsland der Eltern.

Zum ersten Mal sind in der Masse der Bevölkerung jene Bürger erkennbar, die zwar den deutschen Pass haben, aber eben auch einen Migrationshintergrund - die zwar Deutsche sind, aber trotzdem fremd. Bisher waren sie in keiner Ausländerstatistik erfasst. Es sind viele, zum Beispiel die größte Gruppe der Migranten überhaupt, knapp vier Millionen Aussiedler, die in der Regel nach Ankunft aus Polen, Russland oder Kasachstan eingebürgert wurden. Sie lassen sich nun vergleichen mit Türken, Italienern, Afrikanern, mit den Neuankömmlingen aus diesen Gruppen ebenso wie mit deren Kindern.

Die Forscher entwickelten einen "Index zur Messung von Integration", er gibt Auskunft darüber, wie gut oder schlecht eine Bevölkerungsgruppe in der deutschen Gesellschaft verankert ist. In den Index fließen mehrere Kriterien ein, etwa der Bildungsstand, die Chancen auf dem Arbeitsmarkt oder die Frage, wie sehr sich Zuwanderer und hiesige Bevölkerung annähern, beispielsweise durch Heirat.

Außerdem wird gemessen, ob sich die Kinder der Einwanderer anders verhalten als die Elterngeneration. Zum ersten Mal also lässt sich anhand von Daten erfassen, ob ein Prozess der Integration stattfindet. Von allen Ausländergruppen gelang das am besten den Südeuropäern aus Spanien, Portugal, Italien und Griechenland, den Gastarbeitern der ersten Stunde.

Vergleichsweise gut angenommen und eingefügt sind - entgegen vielen Vorurteilen - die Aussiedler. In der zweiten Generation nutzen sie geradezu vorbildlich ihre Bildungschancen: Sie besuchen nicht nur häufiger das Gymnasium und die Universität als ihre Eltern, sondern auch häufiger als die deutsche Bevölkerung.

Äußerst schlecht integriert sind hingegen die Migranten aus der Türkei, mit knapp drei Millionen Menschen die zweitgrößte Zuwanderergruppe. Beim Integrationsranking landen die Türken auf dem letzten Platz. Sie unterscheiden sich am stärksten von den Deutschen: schlechter gebildet, schlechter bezahlt, häufiger arbeitslos. Dabei spielt kaum eine Rolle, ob sie schon lange hier wohnen oder nicht.

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