AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 4/2009

Religion Problem für den Papst

Ein Bischof der Piusbruderschaft leugnet den Holocaust: Antisemitische Tendenzen führen zu Spannungen zwischen den deutschen Katholiken und dem Zentralrat der Juden.

Von


Die Geschichte der katholischen Kirche ist auch die Geschichte der Abwendung von ihr, der Häresie, des Ketzertums. Gewinnen die religiösen Abweichler viele Anhänger, gelten sie - wie bei den Protestanten - selbst als Kirche, bleiben sie eher unter sich, gelten sie als Sekte.

Eine der bedeutenderen Abspaltungen im katholischen Glaubenskosmos ist heute ein Zusammenschluss von Priestern, die sich nach einem besonders frommen Papst "Bruderschaft Pius X." nennt. Die 1970 von dem konservativen und später exkommunizierten Erzbischof Marcel Lefebvre gegründete Gruppe zelebriert ihre Messen bis heute auf Latein, hält die Beichte in hohen Ehren und bekämpft überhaupt alles, was sich der "antichristlichen Konsum- und Spaßgesellschaft" zu sehr anpasst.

Die Fundamentalisten sind bei der Bekehrungsarbeit durchaus erfolgreich. Allein in Deutschland kommen sie auf rund 10 000 Anhänger, weltweit unterhalten sie in über 30 Ländern Dependancen. An mehr als 50 Orten sind sie in der Bundesrepublik mit einem Gotteshaus oder zumindest einer Kapelle präsent. "Wir sind die Speerspitze gegen die weitere Zerstörung von Kirche und Gesellschaft", sagt das deutsche Oberhaupt, Pater Franz Schmidberger, selbstbewusst.

Tatsächlich ist die Piusbruderschaft so umtriebig, dass die Spitze des Vatikans sich neuerdings bemüht, sie wieder in den Schoß der Kirche zurückzuführen. Seit Papst Benedikt XVI. den Generaloberen der Piusbrüder Bernard Fellay und seinen deutschen Statthalter Schmidberger im August 2005 auf seiner Sommerresidenz Castelgandolfo empfangen hat, ist eine rege Pendeldiplomatie in Gang gekommen.

Als Zeichen großen Entgegenkommens gilt das päpstliche Wort zur Messe im alten Ritus, nach dem es nun wieder öfter als bisher in der katholischen Kirche möglich ist, ohne Sondergenehmigung den Gottesdienst auf Latein abzuhalten. Selbst die Mehrzahl der von ihnen ausgeteilten Sakramente wie Taufe, Firmung, Abendmahl, Letzte Ölung und auch die Priesterweihe sehen die Piusbrüder durch Rom als gültig anerkannt. Im Mai vergangenen Jahres verfasste der Vatikan schließlich eine Erklärung, nach der die Priesterbruderschaft als vom Vatikan umworbene Vereinigung gilt.

Alles war bislang also auf einem guten Weg, doch nun taucht ein Problem auf: Die Speerspitze der katholischen Traditionalisten ist nicht nur fromm, sie ist in Teilen auch antisemitisch. Das macht den Wandel durch Annäherung auch zu einem Problem für die deutsche Bischofskonferenz und zugleich für den deutschen Papst selbst, der im Mai zu seiner ersten Reise nach Israel aufbrechen will, um die Versöhnung zwischen Christen und Juden voranzutreiben.

Der Antisemitismus leitender Piusbrüder zeigte sich den Vertretern des Papstes in Deutschland kurz vor Weihnachten, als Distriktoberer Schmidberger einen Rundbrief an alle 27 Bischöfe verschickte, in dem es an einer Stelle heißt: "Die Juden unserer Tage ... sind des Gottesmordes mitschuldig, solange sie sich nicht durch das Bekenntnis der Gottheit Christi und die Taufe von der Schuld ihrer Vorväter distanzieren."

Seitdem gibt es Verstimmungen zwischen dem Zentralrat der Juden und der Deutschen Bischofskonferenz. Der Vizepräsident des Zentralrats, Dieter Graumann, sieht in dem Brief der Piusbrüder "die schlimmsten Klischees gegen Juden" verbreitet und forderte die Bischöfe auf, sich zu distanzieren oder zumindest zu einer klaren Stellungnahme zu finden. Doch bislang hat sich nur der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke bemüßigt gefühlt, öffentlich zu antworten, und das in Form einer Zurechtweisung: Graumann kenne sich wohl nicht aus, die katholische Kirche habe mit der Piusbruderschaft nichts zu tun, deshalb sei hier jede Kritik am Vatikan und seinen Vertretern "unverantwortlich".

Piusbruder Schmidberger weist den Vorwurf des Antisemitismus zurück: "Das sind doch nur religiöse Thesen." Für Kenner der Materie sind die antijüdischen Ausflüge jedoch keine Überraschung, Vorbehalte gegen Juden haben in der katholischen Kirche eine lange Geschichte und gelten erst seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil Mitte der sechziger Jahre als überwunden. Die Piusbrüder mit ihrer Abkehr von allen modischen Neuerungen sind auch die Erben dieser Tradition. Gerade ihre fundamentalistischen Überzeugungen machen sie für bestimmte Milieus attraktiv, was sich nicht zuletzt an der Spendenbereitschaft für neue Kirchenbauten zeigt.

Das Geld fließt, weil die Piusbrüder nicht nur beten und reden, sondern auch auf Deutschlands Straßen für ihre Sache streiten. Zuletzt waren sie mit Demonstranten vor dem Haus der Kunst in München zu finden, um gegen "blasphemische Exponate", darunter einen gekreuzigten Frosch, zu protestieren. Beim Christopher Street Day in Stuttgart standen im vergangenen Sommer Anhänger mit dem Rosenkranz bewaffnet am Straßenrand, Gebete gegen das angebliche Laster murmelnd.

Ein besonders eifriger Vertreter der Piusbrüder ist Bischof Richard Williamson, ein gebürtiger Brite, der vom Gründer Lefebvre vor dessen Tod beauftragt wurde, sein Lebenswerk weiterzuführen. Williamson ist häufig in Deutschland, um den Aufbau hier voranzutreiben. Dabei liegt ihm der Nachwuchs am Herzen, der in sogenannten Kreuzfahrer-Lagern eingewiesen wird. "Das Leben, so wie wir es heute kennen, geht dem Ende entgegen", erklärte er kürzlich in einer Rede vor Firmlingen: "Es kommt vielleicht zum Martyrium. Vielleicht wird sogar unser Blut notwendig sein, um die Reinigung der Kirche zustande zu bringen."

Eine Begebenheit, die sich am Rande einer Diakonatsweihe Ende vorigen Jahres zu Allerheiligen bei Regensburg zutrug, könnte nun das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen Katholiken und Juden empfindlich schädigen. Williamson war nach Zaitzkofen gereist, wo die Bruderschaft ein Priesterseminar in einem kleinen Barockschloss betreibt, wollte dort den schwedischen Konvertiten Sten Sandmark zum neuen Piusdiakon weihen. Weil dessen Übertritt von der evangelischen Kirche im hohen Norden als Skandal gilt, war der Stockholmer TV-Reporter Ali Fegan mit dabei. Nach der Weihe setzte man sich in der Kapelle zum Interview vor der Filmkamera zusammen.

Das Gespräch kam auf die Verbrechen der Nazis. Im Film sieht man, wie Williamson kurz innehält und dann sagt, er glaube nicht, dass sechs Millionen Juden in Gaskammern vergast worden seien.

Auf die überraschte Gegenfrage: "Also gab es keine Gaskammern?", antwortet der Bischof: "Ich glaube, es gab keine Gaskammern, ja." In Sachen Holocaust schließe er sich den "Revisionisten" an, die glaubten, dass "zwei- bis dreihunderttausend Juden in Nazi-Konzentrationslagern umgekommen sind. Aber keiner von ihnen durch Gas in einer Gaskammer".

Dann redet der Geistliche noch viel über technisch ungeeignete Schornsteinhöhen und untaugliche, weil undichte Türen, die heute noch "den Touristen" in Auschwitz-Birkenau gezeigt würden. "Wenn das kein Antisemitismus ist", hakt der schwedische Interviewer nach, "was ist es dann?"

Bischof Williamson: "Wenn Antisemitismus schlecht ist, ist er gegen die Wahrheit. Wenn etwas wahr ist, ist es nicht schlecht. Mich interessiert das Wort Antisemitismus nicht."

Die einstündige Filmdokumentation zeigt das schwedische Fernsehen SVT 1 am Mittwoch dieser Woche im Programm "Uppdrag granskning", zu Deutsch "Auftrag Überprüfung" - auch im Internet.

Der Zentralrat, im Vorwege über die Äußerungen informiert, will nun juristisch überprüfen lassen, ob sich Williamson einer Straftat schuldig gemacht hat - die Leugnung des Holocaust ist hierzulande ein Offizialdelikt.

Außerdem erwartet Zentralrats-Vizepräsident Graumann spätestens jetzt deutliche Worte der Bischofskonferenz, auch im Hinblick auf die geplante Papstreise nach Israel: "Wer sich nicht abgrenzen kann oder will, macht sich mitschuldig."



© DER SPIEGEL 4/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.