AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 5/2009

Kino Öffentliche Erregerin

Eva Mendes, eine der schönsten Schauspielerinnen Hollywoods, sorgt durch provokante Auftritte für Furore.

Von Lars-Olav Beier


Sehe ich etwa aus wie jemand, der absichtlich Grenzen verletzt?", ruft Eva Mendes mit gespielter Empörung, setzt eine Unschuldsmiene auf und breitet fragend die Arme aus. Sie trägt ein graues Wollkleid, das mit einem breiten Rollkragen unterhalb ihres Kinns beginnt und knapp oberhalb ihrer Knöchel endet. Wahrscheinlich gibt es in der ganzen westlichen Welt kein Kleidungsstück, das den Körper einer Frau mehr verhüllt.

Ihr Mund verschwindet fast hinter dem Rollkragen. Sie sagt: "Aber ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, dass es mir keinen Spaß macht zu provozieren." Dass sie in diesem Moment breit grinst, ist trotz des Kragens unübersehbar.

Tatsächlich ist die 34-jährige Schauspielerin, die seit Mitte Dezember in dem Film "The Women" als durchtriebene Mätresse eines reichen Managers und ab nächster Woche als berückend schöne Femme fatale in der Comic-Adaption "The Spirit" zu sehen ist, eine der größten Provokateurinnen Hollywoods. Schauspielerinnen, die sich nicht nackt vor der Kamera zeigen wollen, sollten ins Kloster gehen, tat Mendes schon mal kund.

Die in Miami geborene Tochter kubanischer Eltern, die ihre Karriere mit Horror- und Actionfilmen begann, arbeitet seit einiger Zeit als Model für den Modedesigner Calvin Klein, der nicht für Wollkleider bekannt ist, sondern für Unterwäsche. Als sich Mendes nackt in einem Werbespot für Kleins Parfum "Secret Obsession" auf einem Bett räkelte und dabei ihre Brustwarzen streichelte, verboten amerikanische TV-Sender die Ausstrahlung.

Immer wieder sorgt Mendes durch kalkulierte Entblößungen für öffentliche Erregung. Mittlerweile richten sich die Blicke auf das Dekolleté der Schauspielerin wie auf eine Art Bermudadreieck, in dem Sitte und Anstand unterzugehen drohen. Wer das Begriffspaar "Eva Mendes" und "Busen" auf Englisch googelt, erhält mehr Treffer als bei der Kombination "Jesus" und "Kreuz".

"Was soll's!", sagt Mendes und schüttelt ihre langen braunen Haare. "Es wäre jämmerlich, wenn es mir nur um die empörten Reaktionen des konservativen Amerika ginge. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass es für uns viel besser wäre, wenn es in unseren Filmen weniger Gewalt und mehr Nacktheit gäbe."

Das klingt programmatisch. Doch die Filme, in denen Mendes bisher zu sehen war, standen eher selten im Zeichen des Gewaltverzichts. In den Actionfilmen "Exit Wounds", "Training Day" (beide 2001) oder "Ghost Rider" (2007) fliegen die Kugeln und türmen sich die Leichen.

"Oft bin ich in meinen Filmen das einzige Mädchen weit und breit", sagt sie - empfindet das aber keineswegs als Nachteil. Sie spielt Frauen, die in Männerdomänen vordringen: mit Sex, Schläue und Witz.

"Ich versuche, jede meiner Figuren mit möglichst viel Humor zu spielen", so Mendes. "Viele Regisseure wollen mich dabei bremsen, weil sie denken, dass eine Frau nicht gleichzeitig sexy und witzig sein kann. Klar gelte ich da draußen als sexy girl. Doch wenn mich jemand in eine Schublade steckt, mache ich sie von innen wieder auf. Also zeige ich, dass ich auch gefährlich, verletzbar oder komisch sein kann."

Die Comic-Adaption "Ghost Rider" erzählt von einem Motorrad-Artisten (Nicolas Cage), der seine Seele an den Teufel verkauft und fortan mit grimmiger Tristesse über den Asphalt rast. Dann taucht Mendes auf und reißt den Helden aus seiner Trübsal zurück ins Leben.

Wenn er sich bei ihr entschuldigt, weil er zu einer Verabredung nicht erschien, und erklärend hinzufügt, er habe sich mit dem Teufel treffen müssen, spielt Mendes diesen Moment mit der Souveränität einer Frau, der kein männlicher Trick fremd ist. Erst verärgert, dann amüsiert und schließlich zweifelnd, ob er nicht doch die Wahrheit sagt, tastet sie ihn mit Blicken ab.

"Diese Szene hat viel Spaß gemacht", berichtet sie vergnügt. "Nicolas Cage steht vor mir wie ein kleiner Junge, der mir etwas beichtet. Ich habe mir schon viele faule Ausreden anhören müssen, aber wenn mir ein Mann erzählen würde, er habe seine Seele an den Teufel verkauft, würde ich es ihm vielleicht sogar glauben."

Mendes spielt allerdings häufiger die gute Seele eines Mannes, der schlechten Umgang pflegt. Im Gangsterfilm "Helden der Nacht" (2007) verkörpert sie die Freundin eines Nachtclubbetreibers (Joaquin Phoenix), die im Dickicht des Verbrechens den Überblick bewahrt, wenn er die Nerven zu verlieren droht. Wo er von Gefühlen übermannt wird, ist sie sein Gehirn.

Mendes krempelt das Rollenklischee der Gangsterbraut beherzt um. "Ich sagte zum Regisseur James Gray", erzählt sie, ",wo ist denn da die Frauenrolle? Ich sehe nur eine Mäuschenrolle'. Erst danach gewann die Figur Konturen."

Mendes strahlt den unbedingten Willen einer Immigrantentochter aus, die es zu etwas bringen will. Nur wenige Schauspielerinnen hätten den übermäßigen Ehrgeiz einer Fernsehredakteurin, die mit russischem Roulette vor der Kamera Quote machen will, so überzeugend darstellen können wie sie in der TV-Satire "Live!" (2007).

Nun spielt sie in Frank Millers Film "The Spirit", der auf der gleichnamigen Comic-Serie Will Eisners aus den vierziger Jahren beruht, eine Meisterdiebin. In dem etwas zähen, sehr stilisierten Film um einen Superhelden (Gabriel Macht), der gegen einen üblen Gangster (Samuel L. Jackson) und dessen Gefährtin (Scarlett Johansson) kämpft, sorgt Mendes mit selbstironischen Auftritten als gefährliche Verführerin für die wenigen pulsierenden Momente.

"Es war packend, eine Figur aus einer Ära darzustellen, in der Frauen auf der Leinwand sehr selbstbewusst waren", erklärt Mendes. "Andererseits finde ich den Glamour der Schauspielerinnen in klassischen Hollywood-Filmen etwas abweisend. Ich liebe Audrey Hepburn, aber wenn sie in 'Frühstück bei Tiffany' nach durchzechter Nacht mit perfektem Make-up aus dem Bett steigt, fühle ich mich ihr nicht nahe. Ich sehe in dunklen Stunden anders aus."

Wie Mendes nach durchzechter Nacht aussieht, wird sie wohl bald auf der Leinwand enthüllen. In ihrem neuen Film "Bad Lieutenant: Port of Call New Orleans", den der deutsche Regisseur Werner Herzog inszenierte, spielt sie an der Seite von Cage eine "wenig glamouröse Prostituierte". Doch auch in der Gosse wird Eva Mendes gewiss hell strahlen.



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