AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 6/2009

Tradition Dubiose Paten

Rassenhygieniker, Raketenbauer, Funktionäre - viele deutsche Schulen tragen die Namen alter Nazis. Mit der Umbenennung tun sich die Stadtväter oft schwer.

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Zeit seines Lebens widmete sich Oberstudienrat Max Kästner hingebungsvoll der Historie und der Vegetation des Erzgebirgsvorlands. Noch als Pensionär sprang der 1959 verstorbene Lehrer ein, um neue Kollegen in der Heimatkunde zu unterweisen.

An seinem Wirkungsort Frankenberg wurde dem wackeren Pauker deshalb postume Ehre zuteil. Vor 15 Jahren erhielt eine Förderschule seinen Namen. Zur Begründung heißt es dort unter anderem: "Nicht zuletzt setzte sich Max Kästner 1937 selbst ein Denkmal, indem er zur damaligen 750-Jahr-Feier ein Heimatbuch für Frankenberg zusammenstellte."

Dieses Werk dürften die Stadtväter der traditionsbewussten 18.000-Einwohner-Gemeinde bei Chemnitz in Sachsen wohl nicht gelesen haben - sonst hätten ihnen einige unappetitliche Passagen auffallen müssen. So preist der Autor den Terror der Nationalsozialisten: "Der letzte marxistische Schlupfwinkel wurde ausgeräuchert." Als weiteren Höhepunkt führt er an, dass Frankenberg den SS-Totenkopfsturmbann "Sachsen" beherbergen durfte. "Nur ungern sah die Stadt die SS scheiden, als sie aus wichtigen politischen Gründen nach Weimar-Buchenwald verlegt wurde."

Der eifernde Stadtschreiber ist nicht der einzige dubiose Ahne, der einer deutschen Schule seinen Namen leiht. Allein unter den Namenspaten der rund 2000 Schulen in Sachsen finden sich acht ehemalige NSDAP-Parteiangehörige, drei SA-Mitglieder und ein SS-Mann.

Die Zahlen stammen aus einer Studie des Chemnitzer Historikers Geralf Gemser, die in dieser Woche erscheint*. Er hat erstmals die Biografien all jener Männer und Frauen zusammengetragen, die während der NS-Zeit in Erscheinung traten und nach denen heute sächsische Schulen benannt sind.

Im Freistaat kamen wie in den anderen neuen Bundesländern viele Lokalgrößen zum Zug - auch NS-belastete -, als nach der Wende die kommunistischen Frontmänner vom Schlage Ulbrichts, Piecks oder Lenins von den Schulportalen getilgt wurden. Doch auch der Westen hat seine Altlasten: Gemser schätzt, dass bundesweit eine dreistellige Zahl von Schulen nach ehemaligen NSDAP-Mitgliedern getauft ist.

Der Historiker fand über einen Fall in Berlin zu seinem Spezialthema: Im Stadtteil Charlottenburg trug ein Gymnasium bis vor kurzem den Namen von Erich Hoepner, Generaloberst der Wehrmacht. Der wurde zwar als Verschwörer des 20. Juli 1944 von den Nazis hingerichtet. Zuvor hatte Hoepner jedoch in der Sowjetunion verbrannte Erde hinterlassen, von den Soldaten forderte er die "erbarmungslose, völlige Vernichtung des Feindes". Nach Gemsers Hinweisen wurde das Gymnasium im vergangenen Jahr nach dem jüdischen Kunstmäzen Heinz Berggruen umbenannt.

"Täter im juristischen Sinn" seien selten zu finden, doch müssten Schulen bei der Auswahl besonders strikt sein, argumentiert Gemser. "Sie stellen sich mit ihrem Namen in eine historische Tradition, und da sollten Befürworter und Funktionsträger des Nationalsozialismus außen vor bleiben." Der Name soll dem Bildungsauftrag dienen, so sehen es auch die Verordnungen der Bundesländer vor. Die Entscheidung liegt aber bei den Gremien und Behörden vor Ort. Die Folge ist erinnerungspolitischer Wildwuchs.

Wie schwer es fallen kann, auf Gewohntes zu verzichten, machten die Stadtväter im westfälischen Kreuztal vor. Dort trug das örtliche Gymnasium bis vor zwei Monaten den Namen von Friedrich Flick, 1947 in den Nürnberger Nachfolgeprozessen als Kriegsverbrecher verurteilt. Der Großindustrielle hatte durch eine Millionenspende den Bau der Schule ermöglicht.

Eine Initiative von Ex-Schülern forcierte die Umbenennung, die Lehrer baten die Stadtverwaltung, sie von der "Bürde des Namens zu befreien". Doch erst als ungläubige Reporter aus Osteuropa nachsehen kamen, welche Deutschen den Arisierungs-Gewinnler und Herrscher über ein Heer von Zwangsarbeitern noch in Ehren hielten, konnte sich der Stadtrat zur Umbenennung durchringen.

In Bernstadt in der Oberlausitz ist Klaus Riedel Schulnamenspate, ein Pionier der Raketenforschung. Der Tüftler wirkte mit an der Entwicklung der "Vergeltungswaffe 2". Die mit 1000 Kilogramm Sprengstoff bestückten Marschflugkörper brachten rund 10.000 Zivilisten im Ausland den Tod; über 12.000 Zwangsarbeiter starben bei der Produktion.

Im bayerischen Friedberg und im hessischen Neuhof sind Schulen nach Riedels Chef benannt: Der Ingenieur Wernher von Braun leitete die Heeresversuchsanstalt in Peenemünde und stieg bis zum SS-Sturmbannführer auf. Nach dem Krieg machte er in der US-Weltraumorganisation Nasa Karriere. Stets beharrte er darauf, dass Wissenschaft politisch unabhängig sei.

Doch manche Paten aus der Wissenschaft taugen kaum als Vorbild. Der Chirurg Ferdinand Sauerbruch, Namensgeber eines Gymnasiums im sächsischen Großröhrsdorf, war Arzt von Nazi-Chefpropagandist Joseph Goebbels und bewilligte als Top-Ärztefunktionär Gelder für medizinische Versuche an KZ-Häftlingen.

Sein Fachkollege Rainer Fetscher erstellte gar eine Datei zur Erfassung "biologisch minderwertiger Personen". Das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" von 1933 begrüßte der Mediziner "als verheißungsvollen Auftakt", da es "nicht nur die Möglichkeit rassenhygienischer Unfruchtbarmachungen schafft, sondern auch gestattet, einen Zwang auszuüben". In mindestens 65 Fällen vollzog er selbst die Zwangssterilisierung.

Weil Fetscher später aus der SA austrat und in seiner Praxis auch Juden und NS-Verfolgte behandelt haben soll, betrachten ihn manche Dresdner als Widerstandskämpfer. Seine Heimatstadt benannte eine Schule nach ihm - ausgerechnet eine für Körperbehinderte.


* Geralf Gemser: "Unser Namensgeber. Widerstand, Verfolgung und Konformität 1933-1945 im Spiegelbild heutiger Schulnamen". Akademische Verlagsgemeinschaft, München; 78 Seiten; 19,90 Euro.

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