AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 7/2009

Abgeordnete In die freie Wildbahn

Umweltpolitiker aller Bundestagsfraktionen wollen die schönsten Nationalparks Kenias und Tansanias besichtigen - eine Safari, von der jeder Afrika-Tourist träumt.

Von Petra Bornhöft


An ihre Jugend im "wild-schönen Albtal bei Karlsruhe" erinnert sich Sylvia Kotting-Uhl, die umweltpolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion, sehr gern. Dort konnte sie schon als Kleinkind Rehe, Kühe und, mit etwas Glück, auch mal ein Wiesel bewundern.

Nächste Woche aber dürfte Kotting-Uhl aus dem Staunen nicht mehr herauskommen, denn dann wird sie wohl Gewaltigeres zu Gesicht bekommen als deutsches Wald- und Wiesengetier. Denn dann, so plant die Umweltpolitikerin, wird sie im Geländewagen durch die Serengeti touren, einen der schönsten Nationalparks der Welt. Dort, in Tansania, wird Kotting-Uhl die Big Five der Tiere bewundern können: Elefanten, Büffel, Leoparden, Nashörner und natürlich Löwen.

Es wird kein privater Urlaub sein, der Kotting-Uhl in die Savanne treibt. Die Grünen-Politikerin hat sich im Umweltausschuss des Bundestags für einen Parlamentarier-Trip angemeldet. Zehn Tage, vom 16. bis zum 25. Februar, wollen sieben Umweltpolitiker aller Fraktionen durch Kenia und Tansania reisen.

Der aktuelle Programmentwurf verspricht ein Sightseeing der Extraklasse. Mit ausgedehnten Besuchen in Wildreservaten und Nationalparks scheint die Tour eher eine opulente Vergnügungs- als eine anstrengende Arbeitsreise zu werden.

Theoretisch können Afrika-Besuche deutscher Öko-Experten durchaus sinnvoll sein. Der Kontinent ringt mit vielen Umweltproblemen und leidet besonders unter der globalen Erwärmung.

Aber darauf scheint es der Berliner Reisegruppe weniger anzukommen. Zwar wollen die Abgeordneten als "Teil der offiziellen Delegation" von Umweltminister Sigmar Gabriel bei einer mehrtägigen Konferenz des Uno-Umweltprogramms (Unep) in Nairobi vorbeischauen. Aber Unep-Chef Achim Steiner, Deutschlands höchster Uno-Vertreter, und Kenias Umweltminister haben leider keine Zeit für die Hinterbänkler. So wird sich der Stopp im Konferenzzentrum auf wenige Stunden beschränken.

Gleich danach, am zweiten Tag, steht ein erster Höhepunkt auf dem Programm: "Besichtigung des Nationalparks Nairobi bzw. Mount Kenya". Die Abgeordneten können wählen zwischen einer ersten Safari direkt hinter der Stadtgrenze und einem Ausflug zum 140 Kilometer entfernten Bergmassiv. Der Blick auf die von Schnee und Eis bedeckten Zinnen des Mount Kenya oberhalb des tropischen Regenwalds soll atemraubend sein.

Weiter geht's am Folgetag zum Victoriasee. Im Reiseprogramm wird vor allem die "Übernachtung am See" hervorgehoben. Die ist bei allen Touristen sehr beliebt. Beim abendlichen Dinner am Ufer versinkt die Sonne, eine glutrote Scheibe. Es sind Momente, von denen Reisende lange schwärmen.

Am nächsten Morgen soll die Truppe unter Leitung der Ausschussvorsitzenden Petra Bierwirth (SPD) zur Expedition in die Masai Mara aufbrechen, Kenias weltbekanntes Naturreservat. Der Termin ist optimal gewählt. Jetzt, in der Trockenzeit, ist die Vegetation nicht sehr üppig, alle Tiere in freier Wildbahn sind fein zu beobachten.

Am 21. Februar beginnt das wohl größte Abenteuer für Kotting-Uhl, den Linken Lutz Heilmann, Cajus Julius Caesar (CDU) und Kollegen: Es warten drei Tage in den Weiten der Serengeti und dem nahe gelegenen Ngorongoro-Krater, inklusive Übernachtung am Manyarasee.

Diese beiden Nationalparks, von Millionen Wildtieren bevölkert, zählen zu den schönsten Flecken der Erde, sind Magnet für Millionen Touristen. 1959 hatte Bernhard Grzimek in seinem Klassiker "Serengeti darf nicht sterben" prophezeit: "Wenn ein Löwe im rötlichen Morgenlicht aus dem Gebüsch tritt und dröhnend brüllt, dann wird auch Menschen in 50 Jahren das Herz weit werden."

Die Berliner Volksvertreter sind jedoch nicht nur an der Tierwelt interessiert, sie suchen auch Kontakt zu Einheimischen. Beabsichtigt ist laut Programm ein "Besuch der Masai Kral (Kultur und Tradition der Masai)" mit "Führung durch das Dorf", Dolmetscherin Eva Unverdorben aus Berlin soll dabei sein.

Bei solchen Besuchen ergreifen hochgewachsene, rotgewandete Massai-Männer ihren traditionellen Speer und führen den Fremden beeindruckende Luftsprünge vor. Mit Umweltpolitik hat das nur indirekt zu tun.

Am politischen Ertrag dieser Reise scheinen manche Abgeordnete bereits vor dem Abflug zu zweifeln. Auf ihren Internet-Seiten, wo Politiker sonst gern ausführlich mit ihrem vollen Terminkalender prahlen, fehlt von diesem Afrika-Trip fast jede Spur.

Bestenfalls lassen sich irreführende Hinweise finden. So kündigte die FDP-Abgeordnete Angelika Brunkhorst bis vorige Woche ihre Teilnahme an einer "Exkursion des Bundesfachausschusses Umwelt nach Afrika" an. Im Bundestag, aus dessen Etat die Reise finanziert wird, gibt es dieses Gremium nicht.

Sogar in den Reihen des Parlaments soll die Reise möglichst nicht publik werden. Die Abgeordneten wollen ausdrücklich eine Begegnung mit den Mitgliedern des Haushaltsausschusses vermeiden, die zur gleichen Zeit in Tansania unterwegs sind. Es wäre ja denkbar, dass die Hüter des Bundesetats so erst auf die Riesensafari aufmerksam werden.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
dehnübung 10.02.2009
1. Parteien-Demokratie Deutschland
Meine Wertschätzung der Parteien in Deutschland, die die Demokratie in Geiselhaft genommen haben, tendiert gegen Null. Es handelt sich um ein maskiertes Feudal-System. Wir werden sehen wie lange das noch gut geht.
gaga007 10.02.2009
2. Und los ...
Zitat von sysopUmweltpolitiker aller Bundestagsfraktionen wollen die schönsten Nationalparks Kenias und Tansanias besichtigen - eine Safari, von der jeder Afrika-Tourist träumt. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,606415,00.html
Auf geht´s ... die Neid - Diskussion ist eröffnet !
vonderhandindenmund 10.02.2009
3. mal wieder...
...eine schöne Urlaubsplanung auf Steuerzahler Kosten. Genau das richtige Zeichen in Zeiten der Finanzkrise. Das schafft Vertrauen. Ich möchte gerne mal wissen wieviele dieser Art Reisen im geheimen statt finden und wir davon garnichts mitbekommen. Solche Alibi Touren ind eine Frechheit und gehören bestraft. Ich glaube nicht, dass auch nur einer der Anwesenden Politiker etwas dazuzahlt. Könnte einen Aufschrei geben und gefaselte... ich zahle selbst Parolen von den teilnehmenden Politikern und Schelte von denen die zuhause bleiben. Oder es versinkt im Sande...
mwalker, 10.02.2009
4. Es lebe der Klimawandel..
denn in seinem Windschatten lassen sich allerlei vergnügliche Dinge mit einem blauen Engel versehen. Die einen (Merkel) fliegen in die Arktis, um den Eisbergen beim Kalben zuzuschaunen, die anderen nach Afrika um sich dort "vor Ort" ein Bild von den Auswirkungen des Klimawandels auf den Tanzstil der Massai zu machen..und eine grüne Umweltpolitikerin mittendrin. Erkenntnis deiser Reise wird sein , daß der Tourismus der Umwelt schadet und deshalb drastisch besteuert werden muss..irgendwei soll sich die Reise doch für uns alle lohenen oder
Nina09 10.02.2009
5. Echt cool
Deutschland steckt in einer der schwersten Wirtschaftskrisen und die Herren Volksvertreter spendieren sich mit Steuergeldern einen Luxustrip. Kann man die nicht zwingen, diesen abzusagen oder zumindest zu verschieben, bis der Bundeshaushalt konsolidiert ist?
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