AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 7/2009

Investoren Mit beschränkter Bodenhaftung

Die Deutsche Bank hat im Schweizer Nobelort St. Moritz eine Repräsentanz eröffnet - auf der Suche nach den letzten Reichen.


Es schneit so sehr, dass heute auch der kleine Terrier der Dame aus dem Palace sein Pelzmäntelchen trägt. Unten auf dem gefrorenen See planieren zwei Pistenbullis das Spielfeld fürs Poloturnier. Und bei Reto Mathis gehen die Blinis mit Kaviar für 375 Franken immer noch ziemlich gut.

Krise? Aber bitte, doch nicht in St. Moritz! Seine Nummer mit den per Krummsäbel geköpften Champagnerflaschen im Schnee ziehe zwar in letzter Zeit nicht mehr, räumt Edelkoch Mathis ein. Aber das sei kein Indiz dafür, dass die Wirtschaftskrise nun auch die Hochalpen erreicht habe, höchstens ein Anflug von Demut. "Das obere Ende des Luxus, das geht immer noch sehr gut."

Das obere Ende - kaum anderswo ist es so gegenwärtig wie in diesem ehemaligen Engadiner Bauerndorf auf 1.856 Meter, das vor 145 Jahren quasi für den Rest der Welt den Winterurlaub erfand. "Kommen die Russen nicht, kommen die Italiener", so Mathis. Und jetzt kommt sogar die Deutsche Bank - mit einer Repräsentanz für reiche Privatkunden.

Ende Januar war Eröffnung. Und vielleicht kann ja von hier, aus einem kleinen Büro am Schulplatz, der Heilungsprozess des ramponierten Finanzhauses eingeleitet werden. Im Moment sieht es nicht gut aus: 4,8 Milliarden Euro Verlust im letzten Quartal 2008, ein Chef mit gelegentlichen Kreislaufproblemen, der zudem - viel bedenklicher - den Glauben an die Selbstreinigungskräfte des Marktes verloren hat. Hier, in der Engadiner Edel-Enklave, funktionieren wenigstens diese Kräfte noch.

Hier geschieht fast nie ein Diebstahl, weil Horden privater Sicherheitskräfte durch den Ort patrouillieren. Hier stören auch kaum mehr irgendwelche einheimischen Kinder und Jugendliche, weil normale Familien sich den Ort sowieso nicht mehr leisten können.

In dieser Idylle begrüßte Hanspeter Danuser, 61, nun die ersten Gäste - ein paar betuchte deutsche Stammkunden, sonst aber alles ganz "loki", von den Alphornbläsern bis zum örtlichen Polizeipräsidenten. Danuser wird die Repräsentanz der Deutschen Bank leiten. Vorher war er 30 Jahre lang Kurdirektor des Ortes. Er verpasste St. Moritz den Slogan "Top of the World". Danuser ist Asket und zugleich Pate des Protzes.

Im vergangenen Jahr schied er aus dem öffentlichen Amt, woraufhin ihn private Banken zu umschwirren begannen - weniger wegen seines Finanzfachwissens als wegen seines Netzwerks. Vom örtlichen Kas-Verein bis zum russischen Oligarchen: Danuser ist mit fast allen bekannt.

Dass man sich für ihn interessiere, sei "dem Joe" zu Ohren gekommen. Deutsche-Bank-Chef Josef "Joe" Ackermann rief seinen früheren Schulfreund sofort an und verpflichtete ihn. "Ich geh jetzt aber nicht pushy auf Akquise", sagt Danuser, "wichtig ist, dass die Leute wissen, ich bin da."

Sein Büro liegt nicht gerade an der besten Ecke des Ortes - über einem für St. Moritzer Verhältnisse eher elenden Outlet-Laden, dessen gewaltige Ermäßigungsprozente fast die jüngsten Absturzraten der Deutschen Bank erreichen.

Die Premierengäste wurden deshalb lieber ins Hotel Carlton bestellt, nach der jüngsten Renovierung wohl das erste Haus am Platz. Im Carlton gibt es neuerdings keine normalen Doppelzimmer mehr, sondern nur noch Suiten - ab 1.300 Franken pro Nacht inklusive Butler-Dienst.

Ein deutscher Vertreter der Bank in der Schweiz sprach dann von den Chancen von Global Banking, Private Wealth und Asset Management. "Der Joe", sagte Danuser locker, "ist der Meinung, dass Banking eine Beziehungskiste ist." Der Pressemensch des Geldinstituts lächelte gequält. Von Krise kein Wort.

St. Moritz und die Deutsche Bank? Passe perfekt, sagt Danuser. Seien beides starke Marken, etwa gleich alt - und nachhaltig, o ja.

Vor kurzem, als noch kein Aufpasser der Bank neben ihm saß, sah er das noch differenzierter. Durch die Konzentration auf Luxus seien die Lebenshaltungskosten im Ort gestiegen. Die Einheimischen wanderten ab, Substanz ginge verloren. Er habe das zu spät realisiert.

Vielleicht liegen die Parallelen also ganz woanders? Hier das Nobel-Ghetto ohne Seele, das nur noch Kulisse ist für die Rituale der Reichen - ein Spielball der Investoren, deren Spekulation immer mehr kleine Hotels zum Aufgeben nötigt. Da die Bank, die sich mit ein paar Investmentprinzen am Global Banking ergötzte - und vor lauter Renditegier den Kontakt zur Kundenbasis verlor?

Die Deutsche Bank und St. Moritz, das sind auch zwei Marken, denen die Bodenhaftung abhanden kam.

"Fünf Sterne sind doch genug", sagt Martina Parli. Sie ist 88 Jahre alt, und für sie ist St. Moritz noch San Murezzan, wie der Ort auf Rätoromanisch heißt. Auf Banken ist sie nicht gut zu sprechen. Die hätten ihrer Familie während des Kriegs ein Haus weggenommen. Nun schielen die Investoren auf ihr über hundert Jahre altes Haus aus Holz.

"40.000 Franken pro Quadratmeter, das verstehen wir nicht mehr", sagt Parli. "Aber die vielleicht bald auch nicht mehr."



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