AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 8/2009

Extremismus Zur Rechten Gottes

Die Grenzen zwischen katholischen Eiferern und politischen Rechten sind fließend. Gemeinsam träumen Fundamentalisten von einer "Gegenrevolution". Die Kirche sieht bisher weg.

Von und


Der Gastgeber war durchaus angetan von dem Mann, den ein Bekannter mitgebracht hatte. David Irving fand Richard Williamson auf Anhieb sympathisch: "sehr englisch, ausgesprochen intelligent".

Etwa 70 Gäste hatten sich Mitte Oktober vergangenen Jahres zu einer Gartenparty in Windsor, unweit des Schlosses der englischen Königin, im 400 Jahre alten Landhaus des rechtsradikalen Historikers eingefunden. Irving war sich mit dem Gottesmann sofort einig, dass man die Messe am liebsten auf Lateinisch höre.

Irving, der wegen "nationalsozialistischer Wiederbetätigung" in Österreich 13 Monate im Gefängnis saß, ist dieser Tage voll des Mitgefühls für den Bischof der ultrakonservativen Piusbruderschaft, der in Interviews den Holocaust leugnet und damit die katholische Kirche und den Papst in eine schwere Krise stürzte. "Der arme Mann", sagt Irving, "wird jetzt für seinen Glauben gekreuzigt."

Bei so viel Mitleid war es ein selbstverständlicher Freundschaftsdienst, dass Irving das Foto, das den Bischof mit Sektglas in der Hand auf der Party zeigt, sofort von seiner Website nahm. Die Verbindung zwischen dem Kirchenmann und dem Historiker, die beide die Existenz von Gaskammern in Auschwitz angezweifelt haben, sollte nicht bekannt werden.

Die Vertreter der politischen und der religiösen Rechten pflegen ihre Kontakte gern abseits der Öffentlichkeit. Stärker noch als im anglikanischen England schmieden Rechtsextreme und katholische Eiferer in Deutschland in einer religiös-reaktionären Parallelwelt Pläne für eine umfassende "Gegenrevolution".

So vertonte die rechte Gothicband "Von Thronstahl" eine Predigt des hessischen Piusbruders und Priesters Hans Milch. "Es gibt kein finsteres Mittelalter, aber es gibt sehr wohl das geistesfinstere zwanzigste Jahrhundert", wettert Bruder Milch im Stück "Pontifex solis" gegen die Moderne. Zu düsteren Gitarrenklängen heißt es: "Wehe uns, wehe dir, wehe mir, wenn dich, wenn mich die Welt nicht hasst."

Die deutschen Bischöfe der katholischen Kirche haben die unheilige schwarz-bräunliche Allianz bislang geflissentlich ignoriert. Alles andere werte sie nur unnötig auf, meinen sie. Doch kritische Katholiken zweifeln angesichts der Untätigkeit der Kirchenführung am Willen zur freiwilligen Selbstkontrolle und fordern den Einsatz von Spionen. "Wir stellen uns die dringende Frage, ob der Verfassungsschutz diese Bruderschaft genauer beobachten müsse", erklärten die Laien des Diözesankomitees im Erzbistum Paderborn.

Solche Observationen könnten sich zu einer größeren Operation auswachsen, denn die katholische rechte Szene hat sich über die Jahre zu einer schillernden Subkultur entwickelt. Da finden sich die Sedisvakantisten und die Petrusbruderschaft, beides Abspaltungen der Piusbruderschaft, das Engelwerk oder Opus Angelorum, die Katholische Pfadfinderschaft Europas, die Legionäre Christi oder der Orden Servi Jesu et Mariae.

Die Eiferer zur Rechten Gottes kommunizieren vorzugsweise über die Internet-Plattform "Kreuz.net - katholische Nachrichten". Als Betreiber fungiert ein "Sodalicium", eine "Kameradschaft für Religion und Information". Der Versuch der Strafverfolgung scheiterte bisher immer daran, dass die Server vermutlich in Kalifornien stehen. Auf Kreuz.net agitieren Abtreibungsgegner des Engelwerks, hetzen Homophobe gegen Schwule als "Sodomisten", und der Holocaust wird als "eine Erfindung jüdischer Kreise in den USA" entlarvt. Die Überschriften des vielgenutzten "Nachrichtenportals" sind eindeutig: "Schlimmer als Neger" oder "Den Holocaust hat es nie gegeben".

Im fahrlässigen Umgang mit der kirchlichen Rechten hat sich besonders der Kölner Kardinal Joachim Meisner hervorgetan. Der Zentralrat der Juden hatte ihn und die anderen deutschen Bischöfe aufgefordert, sich von dem antisemitischen vorweihnachtlichen Rundschreiben des deutschen Pius-Chefs Franz Schmidberger deutlich zu distanzieren. Doch Meisner antwortete nicht dem Zentralrat, sondern dem Piusbruder. Und zwar mit einem "freundlichwohlwollenden Brief" ohne Kritik am Antisemitismus, wie sich Schmidberger freute.

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