AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 8/2009

Psychologie Die Macht der Pointe

Psychologen erforschen die erstaunliche Wirkung des Humors: Was haben Scherze mit Verführung und Unterdrückung zu tun? Gibt es eine Heilkraft des Lachens? Und was löst ein Witz im menschlichen Gehirn aus? Das Fazit der Wissenschaftler: Humor ist erlernbar - und macht glücklich.

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Die Kalauerdichte ist hoch an diesem Abend im Kölner E-Werk. Bei der "Olympiade der Religionen" messen sich "mit Weihrauch gedopte" Katholiken und buddhistische Mönche in der Disziplin "Selbstmord" (Schiedsrichter: Jürgen Möllemann). Jecken, als gelbe Atommüllfässer aus dem Bergwerk Asse verkleidet, klagen über "Inkontinenz" und 24.000 Jahre Halbwertszeit ("Das zieht sich").

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Witzeln, Frotzeln, Schmähen: Hauptsache gelacht
Oskar Lafontaine geht derweil als Freibeuter auf Fahrt, wild entschlossen, politische Gefangene zu machen ("Kapitän, da kommt eine Westerwelle"). Am Ende dümpelt "Moby Beck" im Ozean, und die Menge johlt über Gregor Gysi mit Affenschwanz, der immerfort sein Mantra spricht: "Ich bin nicht bei der Stasi gewesen. Ich bin nicht bei der Stasi gewesen."

Karneval ist derb und laut. Doch ob Nonne, Engel oder Seemann: Genau so lieben die verkleideten Zuschauer die Kölner Stunksitzung, eine alljährliche Alternativparty zu den Prunksitzungen der traditionsreichen Karnevalsvereine.

Wenn in diesen Tagen die Narren wieder durch das Rheinland toben, ist Heiterkeit oberstes Gebot. Lachsalven hallen durch die Festsäle, ansteckend wie Windpocken. Doch was genau geschieht da? Was treibt Millionen Menschen zur kollektiven Heiterkeit?

Weltweit erforschen Psychologen und Neurowissenschaftler die umfassende Bedeutung von Witz und Lachen. Dabei zeigt sich: Humor ist eine universelle Sprache, deren Bedeutung weit über Unterhaltung und Zeitvertreib hinausgeht. Einen ganzen "Kontinent des Humors" gebe es zu entdecken, sagt Willibald Ruch, Persönlichkeitspsychologe an der Universität Zürich. "Heitere Gelassenheit" nennt er den freudvollen Zustand, der stressige Situationen und Schicksalsschläge erträglicher macht.

"Menschen mit Sinn für Humor sind angesehen und gelten als sympathisch", ergänzt der US-Neuropsychologe Robert Provine von der University of Maryland in Baltimore. Doch Provine betont auch die "dunkle Seite" des Humors. "Wir lachen, um das Verhalten anderer zu beeinflussen", sagt der Forscher. Kalauer, Spott und Ironie formten Hierarchien und Koalitionen. Die Macht der Pointe sei groß genug, um zu manipulieren und zu verführen.

Tatsächlich scheint die Lust, andere zu verhöhnen, zu verletzen und auszugrenzen, eine der stärksten Triebfedern für Humor zu sein. Schon der Philosoph Thomas Hobbes glaubte, dass die Essenz des Humors im "plötzlichen Triumph" liege, den Menschen fühlen, wenn andere zum Gespött werden.

"Lachen kann ein Werkzeug sein, um Freund und Feind gleichermaßen zu rösten", bestätigt Emotionsforscher Jaak Panksepp von der Bowling Green State University im US-Bundesstaat Ohio. Heiterkeit im Unglück anderer zu suchen, "exklusive Gruppenidentitäten" zu etablieren, das werde bereits im Kindesalter angelegt.

Vergleichsweise harmlos sind dabei Scherze, die sich etwa mit den vermeintlichen Eigenarten von Ostfriesen oder Blondinen beschäftigen ("Was sind 50 Blondinen Ohr an Ohr? Ein Windkanal").

Ganz anders jedoch liegt der Fall, wenn Witze bösartig und verletzend sind, Vorurteile manifestieren oder maßloses Unrecht verulken. Dann bleibt das Lachen im Halse stecken. Und dennoch müssen viele schmunzeln - und schämen sich dafür.

Denn egal wie rassistisch oder menschenverachtend der Witz ist: Im ersten Augenblick fällt es schwer, dem Sog der Pointe zu widerstehen. Dazu nutzt der Witz das Moment der Überraschung. Der Hörer kann sich dem Tabubruch kaum entziehen. Er wird zum Komplizen, ob er will oder nicht.

"Witze werden immer machtvolle Waffen in den Händen geschickter Politiker oder Polemiker sein", schreibt der US-Autor Jim Holt*. Kein Wunder, dass die Mächtigen die Kraft der Pointe seit je nutzen - aber auch fürchten.

Diktator Adolf Hitler etwa hielt in Berlin "Witzgerichte" (Holt) gegen jene ab, die es wagten, über das NS-Regime zu scherzen. Auch die katholische Kirche fürchtete lange die Macht des Lachens. In Umberto Ecos Roman "Der Name der Rose" will ein Mönch um jeden Preis verhindern, dass Aristoteles' verloren geglaubte Schrift über die Komödie öffentlich wird. Sein Motiv: "Lachen tötet die Furcht. Und ohne Furcht kann es keinen Glauben geben." Wer den Teufel nicht mehr fürchte, brauche keinen Gott mehr: "Dann können wir auch über Gott lachen."

Tatsächlich ist die Macht des Humors geradezu diabolisch, weil sie zumindest im ersten Augenblick den Körper gleichsam in Geiselhaft nimmt. Forscher glauben, dass die unmittelbare Reaktion auf Lustiges im Gehirn fest verdrahtet ist. Unabhängig vom Inhalt löst oftmals schon die Struktur des Witzes das Lachen aus.

Lustig ist demnach die unvorhersehbare Pointe: Menschen lachen, wenn der gewohnte Lauf der Dinge plötzlich abbricht. Kommt ein Mann zum Tierheim und fragt: "Sagen Sie, mag der Schäferhund dort auch kleine Kinder?" Darauf der Wärter: "Ja, aber kaufen Sie ihm besser Hundefutter; das kommt billiger."

Mittels Kernspintomograf haben Neurowissenschaftler observiert, wie die Pointe eines solchen Witzes einschlägt. In einer Kaskade von Nervensignalen werden Gehirnregionen aktiv, die zum Belohnungssystem gehören. Botenstoffe lösen Euphorie und Erheiterung aus. Gleichzeitig feuern Nervenzellknoten, die die Mimik entgleisen lassen.

Unwillkürlich zucken dann die Mundwinkel nach oben. Fröhliches Glucksen entfleucht der Kehle, bevor der Verstand wieder das Kommando übernehmen kann.

Auch beim nächsten Verwandten des Menschen lässt sich das unwillkürliche Lachen beobachten. Schimpansen hecheln auf charakteristische Weise, wenn sie sich kitzeln oder Fangen spielen. Der Neuropsychologe Provine glaubt, dass das der Ursprung des Lachens sei: "Der älteste Witz der Erdgeschichte heißt: Gleich hab ich dich."


*Jim Holt: "Stop me if you've heard this. A history and philosophy of jokes". W. W. Norton, New York; 144 Seiten; 15,95 Dollar.



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HollySausB, 20.02.2009
1. Die Erlernbarkeit kann ich nur bestaetigen...
Zitat von sysopPsychologen erforschen die erstaunliche Wirkung des Humors: Was haben Scherze mit Verführung und Unterdrückung zu tun? Gibt es eine Heilkraft des Lachens? Und was löst ein Witz im menschlichen Gehirn aus? Das Fazit der Wissenschaftler: Humor ist erlernbar - und macht glücklich. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,608442,00.html
Zum einen kann ich das an meiner aeltesten Tochter sehen, die mit 3 Jahren das Konzept der Ironie und Uebertreibung verstanden hat und anwendet. Letztendlich kann man Witze analysieren und Techniken davon ableiten. Uebrigens fand ich den Witz mit dem Waschlappen schon sehr amuesant... Was ich bis heute noch nicht richtig verstanden habe sind eins zu eins uebersetzte Witze aus dem Polnischen ins Deutsche. In meiner Schulzeit hatte ich einige aus Polen stammende Freunde, die mir Witze erzaehlte hatten, bei denen ich nicht einmal ansatzweise laecheln musste, aber die anderen aus Polen stammenden hatten sich fast in die Hose gemacht. Vermutlich wurde bei denen der Witz automatisiert "auf polnisch" interpretiert.
only me 21.02.2009
2. Humor
An der Menge der Antworten hier, ist zu sehen wie wichtig Lachen ist. Wenn es wirklich erlernbar ist, sollten wir es als Schulfach zwingend vorschreiben. Auch mir fehlt es oft an etwas Humor. Vielleicht sind wir Deutsche tatsaechlich etwas schwerfaellig. Ich wuerde es gerne lernen mehr zu lachen, oder den unangenehmen Dingen im taeglichen Leben mit mehr Humor zu begegnen. only me
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