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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 9/2009

Großbritannien: Land voller Angst

Von und

Kaum ein Land erlebt durch die Wirtschaftskrise einen so brutalen Absturz wie das Vereinigte Königreich. Im einstigen wirtschaftlichen Musterland macht sich tiefe Verunsicherung breit.

Es ist ein trüber Februar in England, wieder ein Monat, in dem die Wirtschaft schrumpft und das Pfund schwächelt, wieder ein Monat, in dem die Arbeitslosigkeit rekordschnell steigt.

Es ist ein Februar, in dem der Familienminister von der "schlimmsten Rezession in 100 Jahren" spricht und in dem die Chefs der größten Banken im Fernsehen auftreten, um sich vor der Nation zu entschuldigen für das Leid, das sie verursacht hätten.

Und die Briten fragen sich, wie es nur so weit kommen konnte.

Ash Akhtiar, der Jobvermittler aus einem Vorort von Birmingham, sagt, er wolle, dass jemand für all das bezahle.

David L., der Banker, der aus Angst, den Job zu verlieren, seinen Namen nicht gedruckt sehen möchte, überlegt, ob er ein Gewehr kaufen soll, um seine Familie zu schützen.

Philip Augar, der Finanzexperte, versucht zu erklären, wie sein Land derart von Banken und Krediten abhängig werden konnte.

Und Tony Parsons, der Bestsellerautor, sagt, das Vereinigte Königreich erlebe eine Umwälzung, so gravierend wie der Fall der Berliner Mauer.

Großbritannien ist depressiv gestimmt in diesen Tagen. Die lange erfolgreichste Volkswirtschaft Europas ist so brutal abgestürzt wie kaum ein anderes Land in Europa.

Die Arbeitslosigkeit steigt doppelt so schnell wie im Durchschnitt auf dem Kontinent, zwei Millionen Menschen haben ihre Jobs verloren, Ende des Jahres könnten es drei Millionen sein. Die Wirtschaft schrumpft in diesem Jahr laut Internationalem Währungsfonds um 2,8 Prozent - so stark wie in sonst keiner der sieben größten Industrienationen.

Dabei schien es lange so, als hätte Großbritannien alles richtig gemacht. Hatten nicht Margaret Thatcher und Tony Blair das Land tiefgreifend reformiert? Die Briten erlebten einen 16 Jahre dauernden Wirtschaftsboom, und es schien, als hätten sie den Weg gefunden in eine postindustrielle, globalisierte Dienstleistungsgesellschaft, angetrieben von einem rasant wachsenden Finanzsektor.

Und nun stürzten ausgerechnet jene Investmentbanker, die in den Glastürmen in der City von London ihre moderne Alchemie betrieben, das Land und die Welt in die größte Wirtschaftskrise seit den dreißiger Jahren.

Großbritannien stand am Ursprung dieses weltweiten Wirtschaftsabschwungs und wird nun auch besonders hart davon getroffen. Was vor 18 Monaten als Finanzkrise unter anderem in London begann, hat das ganze Land erfasst.

Es platzte die britische Immobilienblase, zuerst für Privathäuser, dann für Büros, gleichzeitig brach das Investmentbanking zusammen. Seit dem vierten Quartal des vorigen Jahres steckt das Land tief in der Rezession. Konsum und Industrieproduktion brechen massiv ein, das britische Pfund stürzte zwischenzeitlich fast auf den Wert des Euro.

In Washwood Heath, einem heruntergekommenen Vorort von Birmingham, ist Ash Akhtiar in diesen Tagen so ziemlich der Einzige, der Überstunden macht.

Er steht rauchend vor einem zweistöckigen Backsteinhaus, der Filiale von Jobcentre Plus, der modernen britischen Arbeitsagentur, die Tony Blair einst erfunden hat, und wartet auf seine Kunden, die Arbeiter des Kleinlasterherstellers LDV.

Zur Fabrik geht es nur einen Kilometer die Straße herunter, seit Mitte Dezember produziert sie nicht mehr, und für die nagelneue Flotte von weißen Kastenwagen, die davorsteht, gibt es keine Käufer. 95 Arbeiter sind schon entlassen, Hunderte warten zu Hause, noch kriegen sie ihren Lohn.

Ash Akhtiar ist 31, er hat Augenringe, die Haare nach hinten gegelt, er verschafft den Entlassenen ihr Arbeitslosengeld. Seit drei Monaten sei die Lage hier so schlimm, dass sie jetzt jeden Tag bis 19 Uhr Fälle bearbeiteten, sagt er, neuerdings auch samstags.

Immer mehr Menschen werden arbeitslos, immer mehr kommen zu ihm. "Man sieht ihnen die Verzweiflung an", sagt er, "sie merken, dass es diesmal anders ist, dass sie nicht nach ein paar Wochen einen neuen Job kriegen werden."

Die Arbeitslosigkeit steigt rasch in der Umgebung von Birmingham, in den West Midlands, dem Zentrum der britischen Autoindustrie - um 20 Prozent allein zwischen Oktober und Dezember vorigen Jahres. Aston Martin, Jaguar Land Rover, Honda, kaum ein Autohersteller hier produziert zurzeit noch voll, kaum einer ist noch in britischer Hand. Tausende Jobs sind gestrichen, Zehntausende Arbeiter sind auf Kurzarbeit oder stehen vor vorübergehend geschlossenen Fabriktoren.

Der britische Sozialstaat, in immer neuen Reformrunden verkleinert, hat für die Entlassenen nur ein Arbeitslosengeld von rund 60 Pfund pro Woche übrig. Auf den Verlust des Jobs folgt oft die zwangsweise Aufgabe der Wohnung oder des Hauses, weil viele sich mit immer neuen Krediten verschuldet haben und die Raten nicht mehr bezahlen können. Alle sieben Minuten verliert derzeit jemand auf der Insel sein Haus.

Ash Akhtiar, der Mann aus dem Jobcenter, sagt, die Wirtschaftskrise mache ihn ungeheuer wütend. Die Banker, die das Land in den Ruin getrieben hätten, könnten ihre Unternehmen verstaatlichen lassen und sich trotzdem Millionen Pfund Steuergelder als Bonus auszahlen. Er sagt, viele seiner Kunden seien voller Wut auf die Banker, es müsse doch jemand die Verantwortung übernehmen, es müsse jemand büßen, aber er weiß auch nicht, wer.

Also: Wer, konkret, trägt nun eigentlich die Schuld?

Die schäbige Pizzeria in London, Mayfair, in die sich vor ein paar Monaten höchstens ein paar Touristen verirrten, ist voll mit Bankern. Blackberries liegen vor ihnen, wie früher, als sie noch zeigen wollten, dass sich hier auf ihrem Mittagstisch gerade der Mittelpunkt der Welt befinde. Doch die Gespräche, die früher laut und angeberisch waren, finden jetzt im Flüsterton statt.

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Großbritannien: Tiefer Absturz
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