AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 9/2009

Kino "Man ist nie zu alt zum Lernen"

Hollywood-Star Clint Eastwood über Sparsamkeit, Schimpfwörter, das Charisma des US-Präsidenten Barack Obama und seinen neuen Film "Gran Torino"


SPIEGEL: Mr. Eastwood, sind Sie enttäuscht, dass man Sie bei den diesjährigen Oscar-Nominierungen nicht berücksichtigt hat für die Hauptrolle in Ihrem neuen Film "Gran Torino"? Sie haben bereits vier Oscars für die beste Regie und den besten Film. Der für die beste schauspielerische Leistung fehlt Ihnen aber noch. Eastwood: Nein, solche Eitelkeiten sind mir fremd. Ich möchte Filme machen, die als solche etwas bedeuten. Jeder Film ist ein Gemeinschaftswerk vieler kreativer Menschen. Eine einzige Person herauszuheben ist immer so eine Sache. Ich bin zudem über den Punkt hinaus, an dem es mich belasten würde, was Kritiker über meine Arbeit sagen.

SPIEGEL: "Gran Torino" thematisiert die harsche Realität wirtschaftlich angeschlagener US-Bundesstaaten wie Michigan, wo die einstmals glorreiche amerikanische Autoindustrie vor dem Zusammenbruch steht. Sie scheinen ein Faible zu haben für sozialkritische Filme.

Eastwood: Es ist eher Zufall, dass der Film die aktuellen Probleme dieser Region in vielen Bereichen widerspiegelt. Aber dieser Zufall war letztlich einer der Gründe, warum ich diesen Film unbedingt machen wollte. Das Drehbuch spielte ursprünglich in Minneapolis. Ich fand es spannender, das Geschehen nach Detroit zu verlagern, einer Stadt, die mächtig gebeutelt ist von der sterbenden Autoindustrie. Sie ist seit Jahrzehnten ein sozialer Brennpunkt - das passte gut zum Inhalt des Films. Die Wirtschaft erlebt ihren Niedergang, die Arbeitslosenquote ist extrem hoch, Gangs treiben ihr Unwesen. Kriminalität und Gewalt sind an der Tagesordnung. Und mittendrin lebt Walt Kowalski, ein verbitterter Kriegsveteran, der 50 Jahre lang als Arbeiter im Ford-Werk tätig war.

SPIEGEL: Jemand anderen als Sie kann man sich in der Rolle eigentlich gar nicht vorstellen.

Eastwood: Na ja, Kowalski ist ein amerikanischer Patriot vom alten Schlag. Hilflos muss er mit ansehen, wie sich alles um ihn herum verändert, wie Immigranten aus Südostasien sich in den Nachbarhäusern einnisten. Und Kowalski hasst Veränderungen. Doch dann sind es ausgerechnet die verhassten neuen Nachbarn, die ihn zum Umdenken bewegen. Das sind Geschichten, die ganz nach meinem Geschmack als Filmemacher sind.

SPIEGEL: Sie wollen der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten und sagen: "Seht her, das ist das reale Amerika, das wir nicht ignorieren sollten"?

Eastwood: Das ist genau der Effekt, den ich damit erreichen will. Ich möchte keine Filme mehr drehen, die sich dem reinen Unterhaltungswert widmen. In meinem Alter kann ich es mir leisten, mich nur noch Projekten zu widmen, die mir aus dem Herzen sprechen. Das macht es allerdings nicht immer ganz einfach, Investoren für meine Filme zu finden. In Hollywood ist man nicht besonders scharf darauf, Filme mit sozialkritischem Hintergrund zu finanzieren, weil man damit nicht die breite Masse erreicht. Aber ich bin bereit, mit meinen 78 Jahren noch immer bei den Studiobossen Türklinken zu putzen, um für meine Projekte Geld einzutreiben. Ich lasse mir den Anspruch nicht nehmen, die Zuschauer zum Nachdenken zu bringen.

SPIEGEL: Was ist die Botschaft von "Gran Torino" an den Zuschauer?

Eastwood: Man ist niemals zu alt dazuzulernen. Der Film beschreibt, wie Walt Kowalski Vorurteile abbaut, indem er auch mal bereit ist, über den eigenen Tellerrand hinauszusehen. Aus Rassenhass entwickeln sich so langsam Zuneigung und Verständnis.

SPIEGEL: Kowalski ist ein Veteran des Korea-Kriegs und hadert damit, dass er an der Front einst tötete. Ein Flugzeugabsturz, den Sie mit leichteren Verletzungen überlebten, bewahrte Sie als junger Soldat davor, in den Krieg zu ziehen. Haben Sie je darüber nachgedacht, wie sich Ihr Leben verändert hätte, wenn Sie im Fronteinsatz vielleicht selbst hätten töten müssen?

Eastwood: Ja, diese Frage habe ich mir nicht nur einmal gestellt. Die Dreharbeiten zu "Gran Torino" haben diese Gedankenspiele wieder neu geweckt. Keiner weiß, was passiert wäre. Aber es wäre gut möglich gewesen, dass ich wie Walt Kowalski und so viele andere Veteranen, die im Krieg getötet haben, mein Leben lang schwer darunter gelitten hätte. Ich habe kürzlich einen Brief von einem Veteranen bekommen, der den Film gesehen hatte. Er hat beschrieben, wie sehr er sich mit Kowalski identifizieren konnte, weil er sein Leben lang unter den gleichen Schuldgefühlen gelitten hat. Ich kann sehr gut nachvollziehen, wie schwer es auf der Seele lasten muss, wenn man das Leben eines anderen Menschen ausgelöscht hat. Ich bin sehr froh, dass mir diese Erfahrung erspart geblieben ist.

SPIEGEL: Auch Gewalt unter jungen Menschen ist ein zentrales Thema des Films. Gangs aus verschiedenen Kulturkreisen bekämpfen sich so ziemlich in jeder amerikanischen Großstadt. Eine Folge davon ist, dass heute erschreckend viele Jugendliche in US-Gefängnissen sitzen.

Eastwood: Das ist eine ziemlich bedrückende Tatsache. Aber man muss sich auch mal fragen, warum das so ist. Gangs gab es schon immer, das ist kein neues Phänomen. Aber der Hass unter den verschiedenen Rassen hat neue Dimensionen erreicht. Viele Jugendliche schließen sich Gangs an, weil sie dazugehören wollen. Sie suchen letztlich nur Anerkennung, die sie zu Hause nicht bekommen. Ihre eigenen Schwächen und Unsicherheiten lassen sie dann an noch Schwächeren aus. Gangs sind in gewisser Weise ein Spiegelbild unserer Gesellschaft.

SPIEGEL: Sie verwenden in Ihren Filmen eine sehr ungeschönte Sprache, die nicht immer politisch korrekt ist.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
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MrCase, 25.02.2009
1. Klasse Interview
Bing ein großer Fan und freue mich auf den neuen Film.
eric-m 25.02.2009
2. eastwood
ein "thank you for this interview mr.eastwood" waere wohl mehr als angebracht gewesen
Realo, 25.02.2009
3. Eastwood...
...ein genialer alter Bastard ! Ich mochte den Mann schon immer. Was ich wirklich noch erleben möchte wäre ein Film mit Clint Eastwood und Sean Connery, das wäre super !
mac4ever, 25.02.2009
4. Minderheit
Zitat von sysopHollywood-Star Clint Eastwood über Sparsamkeit, Schimpfwörter, das Charisma des US-Präsidenten Barack Obama und seinen neuen Film "Gran Torino" http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,609021,00.html
Noch ein ernsthafter Film des Altmeisters, auf den man sich freuen darf! Ich fand schon "Million Dollar Baby" äußerst beeindruckend und werde den neuen Film auf gar keinen Fall verpassen. Würde es mehr solche Filme geben und würden sie nicht nur in den schwer erreichbaren Filmkunstkinos in der Innenstadt laufen, sondern auch in Multiplexen und Provinzkinos, wäre ich öfter im Kino statt vor dem heimischen Plasma. Aber ich bin eben leider als Kinogänger eine Minderheit...
tylerdurdenvolland 26.02.2009
5. ...
Während die ersten 90% des Films sehr gut sind, ist das Ende mal wieder auf dem amerikanischen Niveau, mit dem dieses Land schon immer den Rest der Welt beglücken wollte. Bei allem Respekt vor Eastwood, sollte man nicht vergessen, dass er der Prototyp des Amerikas ist, das mit seiner reaktionären, gewaltbereiten Einstellung die ganzen Probleme letztlich stets selber produziert hat. Im Interview spricht er von Veränderungen und meint die Aussenwelt, während das einzige das sich geändert hat, doch die grössere Öffentlichkeit ist, in der "das typisch amerikanische" heutzutage diskutiert wird. Eastwoods Beitrag zu dieser Aufklärung mit seinen späten Filmen ist gewaltig und man muss ihm dafür dankbar sein. Wie aber das Ende auch dieses Filmswieder zeigt, kann er sich von diesen typisch amerikanischen, infantilen, geradezu kindischen Lösungen für die tatsächlichen Probleme der Welt, nicht lösen. Ein Recht, das man einen 80jährigen gerne zugestehen mag, wenn es denn nicht leider auch noch darauf hinweisen würde, dass sich in den USA, wenn überhaupt jemals, die Dinge nur sehr, sehr langsam zum Besseren ändern werden. MfG, Tyler Durden
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