AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 9/2009

Adoption Das siebte Kind

Von Sandra Schulz

4. Teil: Die abgeschobenen Kinder von damals sind heute Humankapital


1999 hat die südkoreanische Regierung die Adoptierten als Auslandskoreaner anerkannt, sie dürfen nun zwei Jahre in Korea arbeiten. Die abgeschobenen Kinder von damals sind heute Humankapital - in einem Land mit überalterter Bevölkerung und niedriger Geburtenrate. Etwa 500 Adoptierte haben sich schon im Land ihrer Vorfahren niedergelassen. Doch diese 42 werden morgen erst mal nach Hause fahren. Eine Deutsche hat sich fünf Paar Schuhe gekauft, weil es daheim kaum welche gibt für ihre kleinen Füße. Ein Amerikaner hat mit seiner koreanischen Familie zuckenden Oktopus gegessen und Hund. Kiel Hamm hat ein Getränk entdeckt, das so heißt wie er selbst, und eine Flasche Chilsung Cider eingepackt. Melanie hat in der Karaoke-Bar gesungen, sie hat für ihre Tochter eine koreanische Tracht besorgt, und heute, beim Abschiedsdinner, hat sie es zu den anderen gesagt, auf der Bühne, ins Mikrofon: "Ich gehöre zu euch." Es war ihr erster 100-Prozent-Satz.

"Adoptiert zu sein ist ein lebenslanges Thema", sagt Generalsekretär Wenger, der Schweizkoreaner. Mit den Rettungsphantasien mancher Paare, Hauptsache, das Baby ist raus aus dem Elend, kann er nichts anfangen. Wie sehr muss zudem die Last der Dankbarkeit ein "gerettetes" Kind drücken. Es ist doch ohnehin alles schwierig genug. Adoptiveltern, die alles richtig machen wollen, das fremde Kind wie ihr eigenes behandeln und dessen Herkunft verleugnen. Adoptivkinder, die alles richtig machen wollen, sich ihren leiblichen Eltern als ganz koreanisch präsentieren und nur Missverständnisse produzieren. Koreanische Eltern, die alles richtig machen wollen, ihre wiedergefundenen Kinder mit Geschenken überschütten und nur eine Frage provozieren: Wollen die sich freikaufen von ihrer Schuld? Eines, sagt Wenger, sollten die Adoptierten nie tun: bei den leiblichen Eltern wieder einziehen. Zu groß ist die Gefahr des Scheiterns, und dann sind es dieses Mal vielleicht die Kinder, die ihre Mutter verlassen.

Am Flughafen haben Kiel und seine Mutter ein Foto gemacht, das trägt sie jetzt immer bei sich, gespeichert auf dem Display ihres Handys, und Kiel trägt ihren Ring an einem roten Band um den Hals. Er nennt sie jetzt "Omma", Mama. Davor hatte er stets von "sie" gesprochen. Könnten Sie "sie" fragen, hatte er die Übersetzerin gebeten. Deswegen war es auch keinem aufgefallen, dass er immer noch nicht genau weiß, wie der Vorname seiner Mutter lautet. Aber er kennt jetzt die koreanischen Wörter für "Bruder" und "Schwester".

Zweieinhalb Tage und einen Abend haben sie miteinander verbracht, und Kiel hat eine Antwort gefunden auf seine Frage. "Es waren einfach zu viele, einfach zu viele Kinder zum Aufziehen. Ich war der Wendepunkt." Ja, er habe das alles schon vor dem Treffen gewusst, das mit der Armut, mit seinen sechs Geschwistern. Ja, die Fakten hätten sich nicht verändert. "Aber das ist die Antwort, die ich akzeptiere", sagt Kiel. Er weint. Zum Abschied hat ihm seine Mutter einen neuen Brief mitgegeben. Kiel will ihn nicht übersetzen lassen. Er wird warten, bis er ihn selbst lesen kann, auf Koreanisch.



© DER SPIEGEL 9/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.