Der SPIEGEL

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21. Februar 2009, 00:00 Uhr

Adoption

Das siebte Kind

Von Sandra Schulz

Kein Land der Welt hat so viele Babys exportiert wie Südkorea: zur Adoption für Eltern im Westen, die diese Kinder aus dem Elend holen und sich ihren Kinderwunsch erfüllen wollen. Nun schämt sich Korea dieser Geschichte, wirbt um die Exilierten - und hofft, sie kehren zurück.

Er ist um fünf Uhr morgens aufgewacht. Er weiß, was er fragen will. Er will wissen: Warum ich? Warum war ich es, das siebte Kind, das abgegeben wurde? Er glaubt zu wissen, was seine Mutter will. Sie will ihn um Vergebung bitten an diesem Tag, 24 Jahre nachdem sie ihn verließ. Seither haben sie sich nicht gesehen. Er kennt die koreanische Vokabel für Mutter, aber ob er sie so nennen wird? Natürlich würde es ihr gefallen, doch selbst wenn, es wäre nicht das Gleiche wie Mama. Mama ist seine amerikanische Mutter.

Kiel Hamm ist sein Name, man spricht das Amerikanisch aus, geboren ist er am 3. Juli 1984 in Sungnam, Südkorea, aufgewachsen in einem Vorort von Seattle, USA. "Guten Tag", "danke", "Vater", "Mutter" und "Freut mich, Sie kennenzulernen" kann er auf Koreanisch sagen. Mehr nicht.

Melanie Seggewiß spricht Platt, sie hat ihr Leben lang, fast ihr ganzes Leben lang, in Rhede, Kreis Borken, westliches Münsterland, gewohnt. Sie ist Mitglied im Kegel- und auch im Motorradclub, dort sogar im Vorstand. "Auch mein Mann", sagt Melanie, "kommt aus dem Kaff, wo ich herkomme." Sie verbessert sich: "Oder wo ich hingebracht wurde." 35 Jahre ist sie jetzt alt. Ihre Vergangenheit in Korea umfasst nicht mehr als einen Zentimeter, so dick ist die Akte K-8761, die ihre Eltern ihr mit 18 überreichten, zur Volljährigkeit.

"First Trip Home" lautet der offizielle Name dieser Reise nach Seoul, zu der sie aufgebrochen sind, Melanie und Kiel und 40 andere Adoptierte. 42 von 160.000 Kindern, die Korea seit 1953 in die Fremde geschickt hat, so viele wie kein anderes Land.

Koreas Geschichte als "Baby-exportierende Nation", wie sich die Koreaner schuldbewusst nennen, begann nach dem Korea-Krieg mit der Vermittlung von Waisen und amerikanisch-koreanischen Säuglingen, Soldatenkindern. Doch der Kindertransfer in 15 westliche Gastländer hörte auch nicht auf, als Südkorea längst selbst zur reichen Industrienation geworden war.

Vietnam hatte seine Zeit in den Siebzigern; Indien, Kolumbien und natürlich Korea führten in den Achtzigern die Liste der Herkunftsländer an. In den Neunzigern war es Rumänien, später China, Russland, auch Guatemala und die Ukraine, neuerdings kommen Adoptierte oft aus Afrika, vor allem aus Äthiopien. Über 800 000 Kinder wurden in den vergangenen 60 Jahren um die Welt geschickt, mussten sich zurechtfinden in einer fremden Kultur. Wollten früher viele westliche Familien Waisenkindern ein neues Zuhause schenken, so möchten heute viele kinderlose Paare vor allem sich selbst eine Familie schenken. Das Land, das in den letzten 20 Jahren die meisten Adoptierten aufnahm, waren die USA.

Korea hat angefangen, sich seiner ehemaligen Staatsangehörigen zu erinnern. Eine koreanische Stiftung, in Kooperation mit dem koreanischen Außenministerium, zahlt Melanie, Kiel und den anderen ihren Flug, lädt sie ein ins Luxushotel nach Seoul. Man wolle, so steht es in der Broschüre der Overseas Koreans Foundation, die Adoptierten darin unterstützen, ihre Herkunftsfamilie wiederzufinden, "als beispielhafte Bürger und Führungspersönlichkeiten im Adoptionsland heranzuwachsen und Stolz zu empfinden, Koreaner zu sein".

"Wir sind die, die keiner wollte", solche Sätze hört man im Flugzeug, auf dem "First Trip Home".

Am ersten Tag sitzen sie in einem Ballsaal in Seoul, werden begrüßt vom Generalsekretär ihrer Betreuungsorganisation Goal, "Global Overseas Adoptees' Link". Es sind schwarzhaarige junge Leute mit asiatischem Gesicht, doch sie heißen Anne-Mette, Mia, Randy oder Klaus, leben in Dänemark, Deutschland, Australien oder in den USA. Sie sprechen Englisch, das ist ihre gemeinsame Sprache. Die Jüngste ist 19, der Älteste 56 Jahre alt, sie sind selbst Mütter oder Väter, sind verlobt oder verheiratet, aber hier in Korea sind sie vor allem eines: Kinder, Adoptivkinder.

Melanie Seggewiß aus Rhede kennt die Summe, die ihre neuen Eltern für sie bezahlten, Betreuungskosten und Flug, 2413 Mark. Den Namen ihrer biologischen Mutter kennt sie nicht. Jeden Tag trägt sie ihre Akte bei sich in Seoul, jedes Detail sei wichtig, um etwas herauszufinden: "Und wenn es nur der Name der Krankenschwester ist, die mir ein Zäpfchen gab."

Am zweiten Tag der Reise steht sie in einem Kinderheim der Vermittlungsagentur, mit der Terre des Hommes auch bei ihrer Adoption zusammengearbeitet hat. Sie nimmt einen Jungen auf den Arm, schaut auf die frischgekämmten Kinder und denkt, das sind die, die in 20 Jahren zurückkommen werden und suchen.

"Mein Leben beginnt mit dem Tag, an dem ich im Krankenhaus abgegeben wurde", sagt Melanie. Da wurden zum ersten Mal ihre Daten erfasst. Es war der 15. Juli 1975, Melanie, zwei Jahre alt, hatte Tuberkulose. Vielleicht konnte die Mutter die Behandlung nicht bezahlen. Vielleicht, glaubt Melanie, wäre sie sonst bei der Mutter gestorben. Es tut gut, das zu glauben. Nein, eine Entscheidung "aus Selbstsucht" sei es gewiss nicht gewesen, und doch spricht Melanie von "dieser Tat" und "dieser Last", mit der die Mutter nun lebe.

Im "Pre-Flight Child Report", maschinegeschrieben, steht oben das Flugdatum: 4. Dezember 1975, Zielort: Deutschland. Ein Kinderleben auf einem knittrigen Stück Papier, untergliedert in "Essgewohnheiten: Sie isst dreimal am Tag Reis mit Beilagen und Suppe, hat gute Verdauung, Schlafgewohnheiten: Schläft mit gedämpftem Licht und niemals allein, Sprache: Drückt ihre Gedanken in simplen Sätzen aus, Fähigkeiten: Sie tut so, als könnte sie sich selbst anziehen, doch Erwachsene helfen ihr dabei, Persönlichkeit: Sie ist aktiv und fröhlich, attackiert keine anderen Kinder, weint leicht, spielt gern mit dem Puppenhaus".

"Chinese, Chinese! Eierkopf mit Käse!", riefen die Kinder in Rhede, doch denen drohte Melanies deutsche Schwester mit Prügel. Irgendwie, sagt Melanie, sei sie auch stolz gewesen, dass sie "ein bisschen was Besonderes" war. Der Preis des Besonderen waren die Kämpfe, die sie mit sich selbst austrug. Nie, sagt Melanie, konnte sie sich richtig für eine Sache entscheiden. Zum Beispiel ihre Frisur: eine Seite lang, eine Seite kurz. Und im Innern nicht koreanisch, nicht deutsch. "Man war immer fifty-fifty."

Sie will nichts verlieren. Sie hebt alles auf: Zigarettenschachteln aus Jugoslawien, den löchrigen Pullover, der sie an einen Urlaub erinnert. Ein bisschen unheimlich ist ihr das selbst. Einmal hat sie riesige Müllsäcke vollgestopft mit alten Sachen, nur um die Hälfte wieder herauszuholen. Sogar zum Arzt ist sie deswegen gegangen. Sie weiß noch, als Kind hat sie oft gefragt, ob sie wirklich nicht wieder wegmüsse. "Mehr, als diese Reise zu machen, kann ich nicht tun", sagt Melanie. "Vielleicht räume ich ja Sonntag auf." Sonntag, wenn sie wieder in Deutschland ist.

Die, die es wagen, auf so eine Reise zu gehen, sind wohl die Stärkeren, vielleicht auch die Glücklicheren. Doch wer weiß das schon? "Adoptierte sind Meister im Verbergen", sagt Dae Won Wenger, der Goal-Generalsekretär. "Überangepasst" seien viele an ihre westliche, weiße Umgebung, stets bemüht, es anderen recht zu machen. Wenn ich mich nicht anpasse, so die tiefe Angst, werde ich zurückgeschickt. Zu ihm kommen sie, abends meist, die Reisenden, ihm erzählen sie von Depressionen, Schlafstörungen, Drogenproblemen. Er ist ja auch so ein "verpflanztes Wesen", wie Wenger sagt, er kam selbst im Alter von fünf Jahren aus Korea nach Basel, Schweizerdeutsch spricht er perfekt.

Er versteht die Wut, die manche packt, wenn die Adoptionsagentur keine Informationen preisgibt. Er versteht das Gefühl von Betrug, wenn sie die Akten sehen, und auch, dass die Phantasie, mit der sie das Dunkel am Anfang füllten, anders ist als die Wirklichkeit. Er kennt nicht nur die Studie aus Schweden, fünfmal häufiger, heißt es da, komme Suizid bei international Adoptierten vor als bei gebürtigen Schweden. Er kannte selbst fünf Adoptierte, die sich umgebracht haben.

Es gibt Sätze, die besonders weh tun, sagt Melanie. Sätze, die nur anderen gelten, niemals ihr selbst: "Dir fallen die Haare aus wie Opa. Du hast die Pranken von Papa." In der Schule sollten sie einmal einen Stammbaum malen, es ging um das Thema Gene. Melanie zeichnete den ihrer deutschen Familie, aber es war ein komisches Gefühl. "Ich hatte niemanden, der mir ähnlich sieht." Erst als ihre Tochter geboren war, verschwand das Gefühl. Es war so schön, wenn jemand zu ihr sagte: "Die hat deine Augen."

Wenn sie kein Kind bekommen hätte, sagt Melanie, adoptiert hätte sie keines. Denn sie hätte nicht verhindern können, "dass da eine kleine Lücke ist. Da kann noch so viel Liebe nichts dagegensetzen".

Es war kurz vor der Geburt ihrer Tochter, als sich der damalige koreanische Präsident Kim Dae Jung offiziell bei den Adoptierten entschuldigte: "Wenn ich euch anschaue, bin ich stolz auf so kultivierte Erwachsene, doch ich bin auch überwältigt von dem Gefühl enormen Bedauerns über all den Schmerz, dem ihr ausgesetzt wart ... Der Grund für die Adoption waren vorrangig ökonomische Schwierigkeiten. Wir sind euren Adoptiveltern dankbar, aber wir sind ebenso erfüllt von Scham."

Korea will auf seine Wunden schauen

Korea, das ewige Opfer, seit Jahrzehnten geteilt, immer wieder von Großmächten bedrängt, unterdrückt, will auf seine Wunden schauen. Koreanische Filme, Theaterstücke, Popsongs, sie alle machen internationale Adoption zum Thema. Die Regierung führte einen "Adoptionstag" im Mai ein, um das eigene Volk zu ermutigen, koreanische Kinder bei sich aufzunehmen. Solche Kampagnen sind nötig in einem konfuzianisch geprägten Land, wo Blutsbande und Ahnenlinien alles sind und die Menschen davor zurückschrecken, ein fremdes Kind als ihres anzusehen.

2007 lag die Zahl der Inlandsadoptionen erstmals über der der ins Ausland vermittelten. Bis 2012 will die Regierung dafür sorgen, dass Auslandsadoptionen eingestellt werden. Sie kennt den Vorwurf, Korea solle lieber sein Sozialsystem ausbauen, seine ledigen Mütter unterstützen. Und schön ist es auch nicht, wenn man sich von Nordkorea vorhalten lassen muss, der kapitalistische Süden verkaufe sogar seine Kinder.

Es ist elf Uhr morgens, Kiel Hamm sitzt am dritten Tag der Reise im Warteraum der Adoptionsagentur, seine Hand zittert. Immer wieder schaltet er das Tonbandgerät ein und aus, er will den Moment für die Ewigkeit bannen, wenn er seine Mutter zum ersten Mal trifft.

Das Ticket nach Korea war gekauft, als plötzlich der Anruf kam: Seine Mutter sei gefunden, er habe sechs Geschwister. Kurz darauf las ihm die Adoptionsagentur einen Brief vor, er begann mit den Worten: "Mein liebster Sohn". Und schon am Flughafen von Seoul gab es diese unheimliche Begegnung, eine ältere koreanische Frau starrte ihm sekundenlang ins Gesicht, als versuchte sie, ihn wiederzuerkennen, und Kiel dachte: Vielleicht ist das meine Mutter.

Er will sie nicht anklagen. Er will ihr danken. Danke, mein Leben wäre nicht so gelaufen, wenn du nicht diese Entscheidung getroffen hättest. Aber er ahnt, Dank ist nicht das, was seine Mutter hören möchte. Wenn er an die ersehnte, erwartete, eingeforderte Verzeihung denkt, spürt er einen kleinen Widerwillen. Er ist in einer guten Familie aufgewachsen. Er möchte ihr versichern, dass alles in Ordnung ist. So, wie es ist. Meist, hat er von anderen gehört, wolle die koreanische Familie viel Zeit mit dem fremd gewordenen Kind verbringen. "Aber", sagt Kiel, "wir Adoptierten möchten nicht in diese Beziehung hineinspringen." Wer weiß, ob sie überhaupt in Kontakt bleiben, hinterher. Zumindest will er nicht bei seiner Mutter übernachten. Das hat er entschieden.

Seltsam, dass er derjenige ist, der entscheidet. Man habe ihm gesagt, bei diesem Trip gehe es allein um ihn. Kiel mag es nicht, wenn alles von ihm abhängt. "Wenn du adoptiert wirst, liegt dein Leben in den Händen anderer." Einen "naiven Optimismus" habe er, sagt Kiel, gerade wegen seiner Adoption. Er glaubt jetzt, dass am Ende immer alles gut wird.

Es ist dann eine kleine Frau mit halblangen, lockigen Haaren und einem zarten, feinen Gesicht, die auf ihn zugeht, langsam, mit ausgestreckter Hand, und ihn umarmt, lange. Sie hat die gleichen hohen Wangenknochen wie er.

Seine Mutter überreicht ihm die Geschenke: ein Lesezeichen, das er benutzen soll beim Koreanischlernen, einen Schlüsselanhänger mit dem Foto seiner koreanischen Familie und einen goldenen Ring. Kiel hatte ihnen aus Amerika eine Flasche Wein und geräucherten Lachs mitgebracht. "Ich schäme mich ein bisschen dafür", sagt er. Hätte er doch etwas ausgesucht, das mehr Bedeutung hat.

Sie haben Kiels Leben wie ein Puzzle zusammengefügt. Kiel hat seiner Mutter ein paar Fotos gezeigt, eine Handvoll Kindheit, mit 10 auf dem BMX-Rad, mit 13 beim Golfspielen, in schwarzer Robe an der Universität, und als seine Mutter die Bilder sah, sagte sie: "Du hast dasselbe Lächeln wie dein Bruder."

Sie ist mit ihm in die Nähe ihres alten Hauses gefahren, das Haus selbst gibt es nicht mehr, auch nicht das Entbindungsheim, in dem er geboren wurde. Wenigstens den kleinen Park konnte sie ihm zeigen; ein Weinberg war hier früher, durch den sie jeden Morgen lief, hochschwanger, mit Kiel in ihrem Bauch. Noch am Tag seiner Geburt hatte sie gekellnert, sie verdiente das Geld für die Familie, Kiels Vater, arbeitslos, verschwand mal für Tage, mal für Wochen, irgendwann ganz. Niemand von ihrer Familie war dabei, als sie das Kind zur Welt brachte, das sie auf den Namen Chil Sung taufte. Denn Chil heißt sieben, und die Sieben, sagt man in Korea, bringe Glück. Kiels Mutter wusste, sie würde das Baby nicht behalten.

Aus Chil machten die Adoptiveltern Kiel, das klang so ähnlich, ähnlicher zumindest als Andrew, diesen Namen mochten sie auch. Als Schreibweise wählten sie nicht "Kyle", schließlich stammen ihre Vorfahren aus Deutschland, und so wurde das neue Kind aus Korea in eine fremde Familienlinie aufgenommen, trug fortan denselben Namen wie zwei deutsche Städte, Kiel Hamm, und malt heute, an diesem Wintertag in Seoul, sorgfältig und noch ein wenig steif das Schriftzeichen für seinen alten koreanischen Namen auf ein Blatt Papier, zeigt es stolz seiner Mutter.

Jedes falsche Wort wäre wie ein kleiner Verrat

Im Fernsehstudio, zwischen falschen Säulen und künstlichen Rosen, sitzen die, die niemanden gefunden haben. Auf roten Sesseln die, die reden dürfen. Am Rand die anderen, die hoffen, dass sie zwischendurch ins Bild kommen und irgendwo in Korea vor dem Fernseher plötzlich jemand aufspringt. Melanie sitzt in der zweiten Reihe, ein lila Schild auf der Brust mit ihrem koreanischen Namen: Kim Suh Sook. "Ich vermisse diese Person" heißt die Show, produziert nicht nur für Adoptierte, viele Familien wurden nach dem Korea-Krieg auseinandergerissen. Die Quoten sind gut.

Vorgestern hat Melanie Seggewiß Haare abgegeben für eine DNS-Probe. Vielleicht, dachte sie, sucht meine Mutter eines Tages in dieser Gen-Datenbank nach mir. Jetzt, sagt sie, bleibt ihr nur noch der Fernsehauftritt , als letzter Versuch. Nacheinander treten sie nun ans Mikrofon, sie erzählen von Narben, hier auf der linken Wange, von Problemen mit dem Bein, eine Amerikanerin hat ihre alten koreanischen Kinderschuhe mitgebracht. Sie erzählen alles, was sie wissen, Fragmente sind es nur.

"Mein Vater spielte Karten, meine Mutter servierte Getränke, sie haben mich weggeschickt ... Ich erinnere mich kaum an meine Mutter.""Oh!", raunt das Publikum, ältere Damen in bonbonfarbenen Blazern. "Mein Vater wurde Alkoholiker." "Ohh!" "Meine Mutter starb." "Ohhh! Ohhh!" "Ich bin glücklich und gesund." "Ahhh!" "Ich studiere Jura." "Wow!" "Bitte meldet euch!" Applaus. Zweimal werden kleine Filmchen eingespielt, "Hallo, mein Name ist Melanie Seggewiß", mit trauriger Klaviermusik unterlegt, dazu Babybilder in Schwarzweiß. Es gibt Zuschaueranrufe, ehemalige Nachbarn hätten sich gemeldet für eine Amerikanerin. Für Melanie bleibt am Ende nur ein kurzer Kameraschwenk.

Abends, vor der Akrobatik-Show, als sie alle vor dem Theater warten, schaut Melanie zu Kiel hinüber, zu dritt stehen sie da, Mutter, Schwester, Kiel, ein wenig abseits der lärmenden Grüppchen von Adoptierten, sie bilden einen kleinen Kreis, sie sind eine Familie, die zusammen ausgeht. "Ich könnte gerade schon wieder heulen", sagt Melanie.

Im Theater waren sie zum ersten Mal allein, Kiel und seine Mutter, ohne Dolmetscher, denn es gibt ja diese seltsame Übereinstimmung in ihrem Leben. Er war in Japan, sie auch, er hat Japanisch gelernt, sie auch, beide arbeiteten sie in einem japanischen Restaurant. Ein wenig können sie sich in der Sprache der ehemaligen Besatzer Koreas unterhalten, doch es sind nur Sätze wie "Bist du hungrig?".

Heute Abend aber, es ist ihr letzter gemeinsamer, wollen sie andere Sätze sagen. Sie sitzen in einem Hotelzimmer im 14. Stock, das Licht ist gedämpft. Die Mutter fasst Kiel am Arm, er legt seine Hand auf ihre, und dann erzählt sie von ihrer Reise im vergangenen Sommer, ein Geburtstagsgeschenk seiner Geschwister, eine Reise nach Amerika: Grand Canyon, Los Angeles. Ein paar Monate war das, bevor sie von Kiel hörte. Pause. Die Dolmetscherin übersetzt, macht sich Notizen. Sie habe, fährt die Mutter fort, ihn so vermisst. Sie wusste doch, dass er irgendwo dort ist, in Amerika. "Wann", fragt sie, Tränen laufen über ihr Gesicht, "in welchen Momenten hast du mich vermisst?"

"Das ist schwierig zu erklären", sagt Kiel. "Ich habe immer schon davon geträumt, nach meinen leiblichen Eltern zu suchen, und dann habe ich von diesem Trip gehört."

Pause, Übersetzung, die Mutter redet.

Die Dolmetscherin wiederholt: "Sie hat dich so sehr vermisst, ihr ganzes Leben lang. Sie hat dich nie vergessen. In welchen Momenten hast du sie vermisst?"

Kiel: "Ich wusste nicht einmal, ob meine Mutter noch lebt. Ich wusste überhaupt nichts, nichts von ihr, nichts von der Familie."

Die Mutter weint. Kiel weint. Sie sitzen nebeneinander auf dem Sofa.

Dolmetscherin: "Sie hat sich immer schuldig gefühlt."

Kiel: "Ich hatte ein gutes Leben, sie soll sich nicht schuldig fühlen. Auch wenn wir uns nur zwei Tage gesehen haben, sie sind jetzt Teil meines Lebens."

Dolmetscherin: "Du meinst, du wurdest zweimal adoptiert?"

Kiel: "Nein, nein."

Ein Missverständnis, die Mutter streichelt Kiels Hand.

Kiel hat seine amerikanische Familie noch nicht angerufen, seitdem er seine koreanische getroffen hat. Der Zeitunterschied, sagt er. Das sagt er jeden Tag. Bis er zugibt, dass er keine Worte hat für das, was ihm widerfahren ist, und jedes falsche Wort wäre wie ein kleiner Verrat.

"Wie geht es euch?", ruft die Repräsentantin von der Overseas Koreans Foundation am Tag vor der Abreise in den Saal, fordernd. "Gut", antwortet der Chor der Adoptierten, höflich, doch ein wenig lustlos. "Wie geht es euch?", fragt sie noch einmal, lauter, unerbittlich. "Gut", antwortet der Chor zum zweiten Mal, doch die Frau ist noch nicht zufrieden. "Und ihr kommt wieder, einverstanden?" "Ja", antwortet der Chor zum dritten Mal, brav.

Die abgeschobenen Kinder von damals sind heute Humankapital

1999 hat die südkoreanische Regierung die Adoptierten als Auslandskoreaner anerkannt, sie dürfen nun zwei Jahre in Korea arbeiten. Die abgeschobenen Kinder von damals sind heute Humankapital - in einem Land mit überalterter Bevölkerung und niedriger Geburtenrate. Etwa 500 Adoptierte haben sich schon im Land ihrer Vorfahren niedergelassen. Doch diese 42 werden morgen erst mal nach Hause fahren. Eine Deutsche hat sich fünf Paar Schuhe gekauft, weil es daheim kaum welche gibt für ihre kleinen Füße. Ein Amerikaner hat mit seiner koreanischen Familie zuckenden Oktopus gegessen und Hund. Kiel Hamm hat ein Getränk entdeckt, das so heißt wie er selbst, und eine Flasche Chilsung Cider eingepackt. Melanie hat in der Karaoke-Bar gesungen, sie hat für ihre Tochter eine koreanische Tracht besorgt, und heute, beim Abschiedsdinner, hat sie es zu den anderen gesagt, auf der Bühne, ins Mikrofon: "Ich gehöre zu euch." Es war ihr erster 100-Prozent-Satz.

"Adoptiert zu sein ist ein lebenslanges Thema", sagt Generalsekretär Wenger, der Schweizkoreaner. Mit den Rettungsphantasien mancher Paare, Hauptsache, das Baby ist raus aus dem Elend, kann er nichts anfangen. Wie sehr muss zudem die Last der Dankbarkeit ein "gerettetes" Kind drücken. Es ist doch ohnehin alles schwierig genug. Adoptiveltern, die alles richtig machen wollen, das fremde Kind wie ihr eigenes behandeln und dessen Herkunft verleugnen. Adoptivkinder, die alles richtig machen wollen, sich ihren leiblichen Eltern als ganz koreanisch präsentieren und nur Missverständnisse produzieren. Koreanische Eltern, die alles richtig machen wollen, ihre wiedergefundenen Kinder mit Geschenken überschütten und nur eine Frage provozieren: Wollen die sich freikaufen von ihrer Schuld? Eines, sagt Wenger, sollten die Adoptierten nie tun: bei den leiblichen Eltern wieder einziehen. Zu groß ist die Gefahr des Scheiterns, und dann sind es dieses Mal vielleicht die Kinder, die ihre Mutter verlassen.

Am Flughafen haben Kiel und seine Mutter ein Foto gemacht, das trägt sie jetzt immer bei sich, gespeichert auf dem Display ihres Handys, und Kiel trägt ihren Ring an einem roten Band um den Hals. Er nennt sie jetzt "Omma", Mama. Davor hatte er stets von "sie" gesprochen. Könnten Sie "sie" fragen, hatte er die Übersetzerin gebeten. Deswegen war es auch keinem aufgefallen, dass er immer noch nicht genau weiß, wie der Vorname seiner Mutter lautet. Aber er kennt jetzt die koreanischen Wörter für "Bruder" und "Schwester".

Zweieinhalb Tage und einen Abend haben sie miteinander verbracht, und Kiel hat eine Antwort gefunden auf seine Frage. "Es waren einfach zu viele, einfach zu viele Kinder zum Aufziehen. Ich war der Wendepunkt." Ja, er habe das alles schon vor dem Treffen gewusst, das mit der Armut, mit seinen sechs Geschwistern. Ja, die Fakten hätten sich nicht verändert. "Aber das ist die Antwort, die ich akzeptiere", sagt Kiel. Er weint. Zum Abschied hat ihm seine Mutter einen neuen Brief mitgegeben. Kiel will ihn nicht übersetzen lassen. Er wird warten, bis er ihn selbst lesen kann, auf Koreanisch.

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