AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 9/2009

Adoption: Das siebte Kind

Von Sandra Schulz

Kein Land der Welt hat so viele Babys exportiert wie Südkorea: zur Adoption für Eltern im Westen, die diese Kinder aus dem Elend holen und sich ihren Kinderwunsch erfüllen wollen. Nun schämt sich Korea dieser Geschichte, wirbt um die Exilierten - und hofft, sie kehren zurück.

Er ist um fünf Uhr morgens aufgewacht. Er weiß, was er fragen will. Er will wissen: Warum ich? Warum war ich es, das siebte Kind, das abgegeben wurde? Er glaubt zu wissen, was seine Mutter will. Sie will ihn um Vergebung bitten an diesem Tag, 24 Jahre nachdem sie ihn verließ. Seither haben sie sich nicht gesehen. Er kennt die koreanische Vokabel für Mutter, aber ob er sie so nennen wird? Natürlich würde es ihr gefallen, doch selbst wenn, es wäre nicht das Gleiche wie Mama. Mama ist seine amerikanische Mutter.

Kiel Hamm ist sein Name, man spricht das Amerikanisch aus, geboren ist er am 3. Juli 1984 in Sungnam, Südkorea, aufgewachsen in einem Vorort von Seattle, USA. "Guten Tag", "danke", "Vater", "Mutter" und "Freut mich, Sie kennenzulernen" kann er auf Koreanisch sagen. Mehr nicht.

Melanie Seggewiß spricht Platt, sie hat ihr Leben lang, fast ihr ganzes Leben lang, in Rhede, Kreis Borken, westliches Münsterland, gewohnt. Sie ist Mitglied im Kegel- und auch im Motorradclub, dort sogar im Vorstand. "Auch mein Mann", sagt Melanie, "kommt aus dem Kaff, wo ich herkomme." Sie verbessert sich: "Oder wo ich hingebracht wurde." 35 Jahre ist sie jetzt alt. Ihre Vergangenheit in Korea umfasst nicht mehr als einen Zentimeter, so dick ist die Akte K-8761, die ihre Eltern ihr mit 18 überreichten, zur Volljährigkeit.

"First Trip Home" lautet der offizielle Name dieser Reise nach Seoul, zu der sie aufgebrochen sind, Melanie und Kiel und 40 andere Adoptierte. 42 von 160.000 Kindern, die Korea seit 1953 in die Fremde geschickt hat, so viele wie kein anderes Land.

Koreas Geschichte als "Baby-exportierende Nation", wie sich die Koreaner schuldbewusst nennen, begann nach dem Korea-Krieg mit der Vermittlung von Waisen und amerikanisch-koreanischen Säuglingen, Soldatenkindern. Doch der Kindertransfer in 15 westliche Gastländer hörte auch nicht auf, als Südkorea längst selbst zur reichen Industrienation geworden war.

Vietnam hatte seine Zeit in den Siebzigern; Indien, Kolumbien und natürlich Korea führten in den Achtzigern die Liste der Herkunftsländer an. In den Neunzigern war es Rumänien, später China, Russland, auch Guatemala und die Ukraine, neuerdings kommen Adoptierte oft aus Afrika, vor allem aus Äthiopien. Über 800 000 Kinder wurden in den vergangenen 60 Jahren um die Welt geschickt, mussten sich zurechtfinden in einer fremden Kultur. Wollten früher viele westliche Familien Waisenkindern ein neues Zuhause schenken, so möchten heute viele kinderlose Paare vor allem sich selbst eine Familie schenken. Das Land, das in den letzten 20 Jahren die meisten Adoptierten aufnahm, waren die USA.

Korea hat angefangen, sich seiner ehemaligen Staatsangehörigen zu erinnern. Eine koreanische Stiftung, in Kooperation mit dem koreanischen Außenministerium, zahlt Melanie, Kiel und den anderen ihren Flug, lädt sie ein ins Luxushotel nach Seoul. Man wolle, so steht es in der Broschüre der Overseas Koreans Foundation, die Adoptierten darin unterstützen, ihre Herkunftsfamilie wiederzufinden, "als beispielhafte Bürger und Führungspersönlichkeiten im Adoptionsland heranzuwachsen und Stolz zu empfinden, Koreaner zu sein".

"Wir sind die, die keiner wollte", solche Sätze hört man im Flugzeug, auf dem "First Trip Home".

Am ersten Tag sitzen sie in einem Ballsaal in Seoul, werden begrüßt vom Generalsekretär ihrer Betreuungsorganisation Goal, "Global Overseas Adoptees' Link". Es sind schwarzhaarige junge Leute mit asiatischem Gesicht, doch sie heißen Anne-Mette, Mia, Randy oder Klaus, leben in Dänemark, Deutschland, Australien oder in den USA. Sie sprechen Englisch, das ist ihre gemeinsame Sprache. Die Jüngste ist 19, der Älteste 56 Jahre alt, sie sind selbst Mütter oder Väter, sind verlobt oder verheiratet, aber hier in Korea sind sie vor allem eines: Kinder, Adoptivkinder.

Melanie Seggewiß aus Rhede kennt die Summe, die ihre neuen Eltern für sie bezahlten, Betreuungskosten und Flug, 2413 Mark. Den Namen ihrer biologischen Mutter kennt sie nicht. Jeden Tag trägt sie ihre Akte bei sich in Seoul, jedes Detail sei wichtig, um etwas herauszufinden: "Und wenn es nur der Name der Krankenschwester ist, die mir ein Zäpfchen gab."

Am zweiten Tag der Reise steht sie in einem Kinderheim der Vermittlungsagentur, mit der Terre des Hommes auch bei ihrer Adoption zusammengearbeitet hat. Sie nimmt einen Jungen auf den Arm, schaut auf die frischgekämmten Kinder und denkt, das sind die, die in 20 Jahren zurückkommen werden und suchen.

"Mein Leben beginnt mit dem Tag, an dem ich im Krankenhaus abgegeben wurde", sagt Melanie. Da wurden zum ersten Mal ihre Daten erfasst. Es war der 15. Juli 1975, Melanie, zwei Jahre alt, hatte Tuberkulose. Vielleicht konnte die Mutter die Behandlung nicht bezahlen. Vielleicht, glaubt Melanie, wäre sie sonst bei der Mutter gestorben. Es tut gut, das zu glauben. Nein, eine Entscheidung "aus Selbstsucht" sei es gewiss nicht gewesen, und doch spricht Melanie von "dieser Tat" und "dieser Last", mit der die Mutter nun lebe.

Im "Pre-Flight Child Report", maschinegeschrieben, steht oben das Flugdatum: 4. Dezember 1975, Zielort: Deutschland. Ein Kinderleben auf einem knittrigen Stück Papier, untergliedert in "Essgewohnheiten: Sie isst dreimal am Tag Reis mit Beilagen und Suppe, hat gute Verdauung, Schlafgewohnheiten: Schläft mit gedämpftem Licht und niemals allein, Sprache: Drückt ihre Gedanken in simplen Sätzen aus, Fähigkeiten: Sie tut so, als könnte sie sich selbst anziehen, doch Erwachsene helfen ihr dabei, Persönlichkeit: Sie ist aktiv und fröhlich, attackiert keine anderen Kinder, weint leicht, spielt gern mit dem Puppenhaus".

"Chinese, Chinese! Eierkopf mit Käse!", riefen die Kinder in Rhede, doch denen drohte Melanies deutsche Schwester mit Prügel. Irgendwie, sagt Melanie, sei sie auch stolz gewesen, dass sie "ein bisschen was Besonderes" war. Der Preis des Besonderen waren die Kämpfe, die sie mit sich selbst austrug. Nie, sagt Melanie, konnte sie sich richtig für eine Sache entscheiden. Zum Beispiel ihre Frisur: eine Seite lang, eine Seite kurz. Und im Innern nicht koreanisch, nicht deutsch. "Man war immer fifty-fifty."

Sie will nichts verlieren. Sie hebt alles auf: Zigarettenschachteln aus Jugoslawien, den löchrigen Pullover, der sie an einen Urlaub erinnert. Ein bisschen unheimlich ist ihr das selbst. Einmal hat sie riesige Müllsäcke vollgestopft mit alten Sachen, nur um die Hälfte wieder herauszuholen. Sogar zum Arzt ist sie deswegen gegangen. Sie weiß noch, als Kind hat sie oft gefragt, ob sie wirklich nicht wieder wegmüsse. "Mehr, als diese Reise zu machen, kann ich nicht tun", sagt Melanie. "Vielleicht räume ich ja Sonntag auf." Sonntag, wenn sie wieder in Deutschland ist.

Die, die es wagen, auf so eine Reise zu gehen, sind wohl die Stärkeren, vielleicht auch die Glücklicheren. Doch wer weiß das schon? "Adoptierte sind Meister im Verbergen", sagt Dae Won Wenger, der Goal-Generalsekretär. "Überangepasst" seien viele an ihre westliche, weiße Umgebung, stets bemüht, es anderen recht zu machen. Wenn ich mich nicht anpasse, so die tiefe Angst, werde ich zurückgeschickt. Zu ihm kommen sie, abends meist, die Reisenden, ihm erzählen sie von Depressionen, Schlafstörungen, Drogenproblemen. Er ist ja auch so ein "verpflanztes Wesen", wie Wenger sagt, er kam selbst im Alter von fünf Jahren aus Korea nach Basel, Schweizerdeutsch spricht er perfekt.

Er versteht die Wut, die manche packt, wenn die Adoptionsagentur keine Informationen preisgibt. Er versteht das Gefühl von Betrug, wenn sie die Akten sehen, und auch, dass die Phantasie, mit der sie das Dunkel am Anfang füllten, anders ist als die Wirklichkeit. Er kennt nicht nur die Studie aus Schweden, fünfmal häufiger, heißt es da, komme Suizid bei international Adoptierten vor als bei gebürtigen Schweden. Er kannte selbst fünf Adoptierte, die sich umgebracht haben.

Es gibt Sätze, die besonders weh tun, sagt Melanie. Sätze, die nur anderen gelten, niemals ihr selbst: "Dir fallen die Haare aus wie Opa. Du hast die Pranken von Papa." In der Schule sollten sie einmal einen Stammbaum malen, es ging um das Thema Gene. Melanie zeichnete den ihrer deutschen Familie, aber es war ein komisches Gefühl. "Ich hatte niemanden, der mir ähnlich sieht." Erst als ihre Tochter geboren war, verschwand das Gefühl. Es war so schön, wenn jemand zu ihr sagte: "Die hat deine Augen."

Wenn sie kein Kind bekommen hätte, sagt Melanie, adoptiert hätte sie keines. Denn sie hätte nicht verhindern können, "dass da eine kleine Lücke ist. Da kann noch so viel Liebe nichts dagegensetzen".

Es war kurz vor der Geburt ihrer Tochter, als sich der damalige koreanische Präsident Kim Dae Jung offiziell bei den Adoptierten entschuldigte: "Wenn ich euch anschaue, bin ich stolz auf so kultivierte Erwachsene, doch ich bin auch überwältigt von dem Gefühl enormen Bedauerns über all den Schmerz, dem ihr ausgesetzt wart ... Der Grund für die Adoption waren vorrangig ökonomische Schwierigkeiten. Wir sind euren Adoptiveltern dankbar, aber wir sind ebenso erfüllt von Scham."

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