AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 9/2009

TIERE Jäger am Haken

An einem Strand in Florida trafen sich Sportfischer zur internationalen Meisterschaft im Haiangeln. Doch erstmals brach der Wettkampf mit einer traditionellen Regel: Die Raubfische blieben am Leben. Nun soll die archaische Jagd sogar dem Artenschutz und der Meeresforschung dienen.


Blutrünstige Haie sind das Letzte, was die Urlauber auf Singer Island gebrauchen können. Rentner in Shorts und Polohemd wollen an dem Sandstrand nahe West Palm Beach mit einem Drink in der Hand den Sonnenuntergang genießen und den Enkeln beim Planschen im Atlantik zusehen. Doch die Bewohner wissen auch: Irgendwo da draußen im Wasser treiben sich die gefürchteten Raubfische rum. Nur hofft jeder, dass sie dem Strand nicht allzu nahe kommen.

Fast jeder. "Die Haie sind hier überall", freut sich Sean Paxton. Dabei lächelt er wie ein Panzerknacker, der soeben die Tür zu Onkel Dagoberts Tresorraum gesprengt hat. Vom Dach eines Hochhauses aus kann Paxton die Tiere mit der grauenerregenden Dreiecksflosse sehen.

Es sind sehr viele. Und sie nähern sich dem Ufer bedenklich.

Das sind schlechte Neuigkeiten für alle arglosen Badegäste - aber erfreuliche Aussichten für Paxton und seinen Bruder Brooks II. Die beiden Extremangler haben mehr als ein Dutzend der besten Sportfischer der Welt an die amerikanische Ostküste einbestellt. Die verwegene Gesellschaft trifft sich zu einem der bizarrsten Wettkämpfe, die man sich im Kampf zwischen dem Menschen und der Kreatur vorstellen kann.

Vom Sandstrand aus fischen die Männer mit gewöhnlichen Angelruten die Raubtiere aus dem Wasser wie anderenorts Hobbyangler Dorsche und Makrelen. Mit einem blutigen Stück Stachelrochen locken die Sportfischer etwa den aggressiven Tigerhai aus der Tiefe oder auch den angsteinflößenden Bullenhai. Ein Exemplar dieser Art biss im vergangenen Jahr vor den Bahamas einem Taucher aus Wien so heftig ins Bein, dass dieser kurz darauf starb.

Hier vor Florida jedoch wird die weitaus größte Zahl aller Haiattacken dem Blacktip zugeschrieben. Um die zwei Meter lang und silbergrau funkelnd, ist er das Musterbild einer Fressmaschine. Schwächere Arten zerschreddert der Räuber zwischen seinen Kiefern, größeren Feinden sprintet er davon.

Freunde des Abenteuers wie die Paxton-Brüder schätzen den Blacktip als besondere Herausforderung: ein ausdauernder Kämpfer, der niemals aufgibt. "Nur wenig im Leben ist so aufregend, wie einen Blacktip am Haken zu haben, der durch die Brandung schießt", sagt Tom Kieres, einer der Teilnehmer der Blacktip Challenge 2009. Aus vielen Begegnungen weiß er: "Sie haben es auf dich abgesehen - und sie sind dabei sehr akrobatisch."

Die enorme Beweglichkeit der Tiere steht im krassen Gegensatz zu ihren undurchdringlichen Totenaugen. Hängt Carcharhinus limbatus am Haken, gerät er in wilde Raserei. Wie Sektkorken ploppen die Räuber unter Hochdruck an die Wasseroberfläche. Wann immer das geschieht, brüllt Sean Paxton begeistert über den Strand: "Die Popcornmaschine läuft."

Genau auf diesen Moment warten auch "Big" Jimmy Boyce und "Little" Jimmy Hancock. Hundert Meter strandabwärts haben sie ihre Angelruten in Stellung gebracht. Die beiden Texaner gelten als Experten für besonders fette Beute. Mit ihrem Equipment, den verstärkten Angelruten und den Riesenrollen, können sie die richtig großen Brocken fangen.

Und tatsächlich gebührt Jimmy Boyce die Ehre, bei dem Turnier den ersten Jäger der Meere am Haken zu haben. Sein Glück kündigt sich zunächst nur durch ein helles Surren an; die Angelsehne spult sich wie von Geisterhand ab. Mit drei schnellen Sprüngen ist Boyce bei seinem Gerät. Der Kampf beginnt.

Um den Angler herum hat sich eine Menschentraube gebildet. Big Jimmy muss jetzt die Regeln im Kopf behalten: Der Hai braucht Zug, darf aber auch nicht abgewürgt werden. Ist die Sehne zu straff, zerschneidet die wild umherschleudernde Bestie sie womöglich an scharfen Muschelkanten. Aber Boyce muss auch ohne Unterlass Druck auf den Fisch ausüben. "Wenn du dich ausruhst", ruft er den Schaulustigen zu, "ruht sich auch der Hai aus."

Jimmy Boyce' kompakter Oberkörper biegt und bäumt sich gegen die Last des kämpfenden Fischs. Er wandert mal 20 Schritte nach links, dann wieder 10 nach rechts; gibt dem Hai gerade so viel Raum wie nötig; so lässt er das Tier müde werden.

Mit seinen 20 Jahren wirkt der große Jimmy so abgeklärt, als hätte er die schlimmsten Erfahrungen des Lebens bereits hinter sich. Vor sechs Monaten hat der Bauarbeiter seinen Job verloren. Um Geld zu sparen, campiert er für die gesamte Zeit des Wettbewerbs am Strand mit seinem Kumpel, dem kleinen Jimmy. Der ist zwar ein Jahr älter als Boyce, doch der Jüngere hat das Kommando.

Haie zu angeln ist überaus riskant. Von einem Moment auf den anderen kann eine scheinbar berechenbare Situation ins Chaos umkippen. Jimmy Boyce, da sind sich die anderen einig, wirkt an der Angelrute wie jemand, der sehr genau weiß, was er tut.

Nach etwa 20-minütigem Kampf zieht Big Jimmy einen matten, wenngleich imposanten Blacktip von 1,80 Meter Länge aus dem Meer. In diesem Zustand und seinem natürlichen Lebensraum entzogen, wird er nun vermessen. Für das Erinnerungsbild reißt der Jäger den Schlund des Biests weit auf.

Einige Zuschauer reagieren auf die martialische Szene verstört. Schließlich warnen Meeresforscher und Tierschützer mittlerweile vor der Ausrottung ganzer Haiarten. Selbst die nicht eben für beherztes Eingreifen bekannte Europäische Kommission ist aufgewacht: Soeben hat die Abteilung von EU-Kommissar Joe Borg einen Aktionsplan verabschiedet, der die Erholung erschöpfter Haibestände sichern soll. Auch die neue US-Regierung unter Präsident Barack Obama ist alarmiert und zum Handeln entschlossen.



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