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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 9/2009

Mode-Blogs: Der virtuelle Laufsteg

Von Dialika Krahe

Was ist schick in Tokio oder Helsinki? Stilbegeisterte diskutieren im Internet, was auf den Straßen dieser Welt getragen wird - und verändern damit die elitäre Modewelt.

Der Mann, der Nels Frye zur Mode brachte, sah nicht besonders gut aus. Dafür aber zum Hingucken. Frye traf ihn auf der Changan Avenue in Peking, einen Typen mit ungewöhnlich langem Bart, Adidas-Anzug, kariertem Wollmantel, Gehstock. Auf keinen Fall modisch, aber: Der Mann hatte Stil, einzigartig, "irgendwie boho", so typisch für dieses China im Aufbruch, für die Geburt einer neuen kreativen Klasse, fand Frye.

Er sprach ihn an, bat ihn darum, ein Foto machen zu dürfen, und postete das Bild in seinem Blog im Internet. Wenig später kamen die ersten Kommentare. Auf Fryes Website entstand eine kleine Debatte, und der Spontanfotograf fand diesen Austausch inspirierend, so sehr, dass er von nun an immer öfter mit seiner Kamera durch Peking zog. Er fotografierte Mädchen, die ihre Haare geschnitten hatten wie Manga-Figuren, junge Männer mit Fliege und Schottenrock, Pärchen in Röhrenjeans mit Zebrastreifen und stellte die Bilder ins Internet.

Street-Style-Blogger im Nebenjob

So wurde der amerikanische Geschäftsmann Nels Frye, 27, im Nebenberuf zum Street-Style-Blogger. Einer jener jungen Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, den Stil ihrer Stadt zu dokumentieren und per Blog der ganzen Welt vorzuführen. Und die nebenbei die etablierte Modewelt auf den Kopf stellen.

Street-Style-Blogger zeigen, was echte Menschen im echten Leben auf der Straße tragen - und erreichen damit ein Millionenpublikum. Statt überstilisierte Modestrecken mit dürren Models abzubilden, zeigen sie in ihren fotografischen Internet-Tagebüchern, was vom Couture-Zirkus tatsächlich bei den Leuten ankommt. Nicht Trends entscheiden, sondern Stil. Jeder kann jedes Bild kommentieren. Amtssprache ist Englisch. Konkurrenz gibt es nicht: ein demokratisches Forum für eine junge Gesellschaft, die sich vernetzt und ihr Interesse an Mode zur gemeinsamen Sprache macht.

Designer laden Blogger zur Modeschau ein

Für Frye führte das dazu, dass plötzlich Menschen aus Chicago, Berlin oder Helsinki seinen Peking-Blog kommentierten: mit Einträgen wie "der Mantel ist ein bisschen zu lang, aber sonst ist sein Outfit gut durchdacht". Andere Blogger, die in ihrer Stadt das Gleiche tun wie Frye in Peking, verlinkten auf seine Seite " stylites" - und von Tag zu Tag stiegen die Betrachterzahlen. Redakteure von Modemagazinen fragten, ob sie seine Bilder zeigen dürften; Designer luden ihn zu ihren Schauen ein.

Mittlerweile gibt es weltweit einige hundert dieser Street-Style-Blogs, sie heißen " reykjaviklooks", " styleclicker", " facehunter", auch speziell muslimische Blogs wie " hijabstyle" oder " thehijablog" haben sich etabliert. Täglich durchstreifen die Betreiber, Studenten, Fotografen, Modefreaks, für ihr Publikum die großen Metropolen, knipsen Leute, die Mode nicht nur als Bekleidung sehen, sondern als Ausdruck von Identität. Allein der Berliner Blog " stilinberlin" hat mittlerweile bis zu 3.000 Besucher am Tag. Der Erfinder des Street-Style-Blogs, der New Yorker Scott Schuman, erreicht mit seinem "Sartorialist" täglich mehr als 23.000 Stilfetischisten und wurde vom US-Nachrichtenmagazin "Time" zu einem der 100 stilprägendsten Menschen weltweit gewählt.

Wer wissen will, wie sich die Welt Mitte Februar 2009 kleidet, dem reichen ein paar Klicks, und schon steht er auf den Straßen von Tel Aviv und sieht ein Mädchen, ganz in Schwarz und mit roten Lackschuhen ausstaffiert. Sieht in Helsinki ein Mädchen mit Vintage-Pelzmütze und Musterleggings vor einer Hausfassade, während in Berlin-Mitte ein junger Kerl mit hochgekrempelten Hosenbeinen und Strickpullunder eine Zigarette raucht.

"Berlin ist grau, Paris eher rosa"

Die Figur des Flaneurs aus der urbanen Literatur des 19. Jahrhunderts wird durch dieses virtuelle Weltenbummeln wiederbelebt. Wie einst Edgar Allan Poes "Mann der Menge", so lässt der Internet-User seinen Blick durch die Straßen schweifen und entwickelt über die Menschen, denen er begegnet, ein Gefühl für die Stadt. Jeder kann plötzlich, ohne von seinem Schreibtisch aufzustehen, über Boulevards schlendern, durch Szeneviertel bummeln und die junge Avantgarde bewundern. Nur dass der moderne Flaneur nicht mehr nur in einer Stadt unterwegs ist, er bewegt sich über das Internet in Dutzenden Städten zugleich - im urbanen Weltraum, wenn man so will.

"Berlin ist grau, Paris eher rosa, New York taucht alles in ein diffuses Gelb", sagt die Berliner Bloggerin Mary Scherpe. Für ihren Blog " stilinberlin" fotografiert sie seit drei Jahren Menschen, die "gut angezogen sind". Sie kennt die Looks der einzelnen Städte, verfolgt seit langem die Blogs aus New York, Paris und Tel Aviv. "Jede Stadt hat ihr ganz eigenes Licht", sagt sie, und jeder Blogger seine eigene Bildästhetik.

Früher fand Mode fast ausschließlich in elitären Kreisen statt. Es gab eine ausgesuchte Elite, die bestimmte, was Stil ist und was nicht: Sei es das höfische Modediktat von Ludwig XIV., seien es die Pariser Couturesalons des 19. Jahrhunderts. Heute finden die Schauen der Modeschöpfer in Mailand, Paris oder New York statt; Zutritt erhält nur, wer bei den großen Modezeitschriften arbeitet, wer ein Star ist oder sich als Markenbotschafter eignet.

Modefirmen und Trendscouts nutzen die Mode-Blogs

Das Internet bricht mit dieser Meinungsmacht: Bereits wenige Stunden nach einer Modenschau stehen die Bilder der neuesten Kollektionen, aber auch der Gäste, im Netz, werden diskutiert, bewertet. Mode-Blogger sind schneller als konventionelle Magazine, unabhängig von Anzeigenkunden. Das Internet bietet ihnen die Möglichkeit, Trends zu entdecken und sie sofort an eine riesige internationale Zielgruppe zu verbreiten.

Modefirmen, PR-Unternehmen, Trendscouts erkennen nach und nach den Einfluss der Blogger-Szene auf die Modebranche. Ein Verlagshaus wie Burda hat mit " LesMads" seinen ersten eigenen Mode-Blog gestartet, die Konkurrenz vom Verlag Condé Nast veröffentlicht in ihren Internet-Publikationen Fotos des Münchner " styleclickers" Gunnar Hämmerle.

Doch es gibt noch eine ganz andere Szene, in der Street-Style-Blogs immer mehr Bedeutung finden: Auf Seiten wie " hijabstyle" diskutieren junge Musliminnen über die unterschiedlichen Arten, einen Hidschab zu tragen. Wer bisher meinte, das Tragen eines Kopftuchs sei modisch wenig ergiebig, wird auf der Seite von Jana Kossaibati schnell eines Besseren belehrt: "Jedes Land hat einen anderen Hidschab-Style: In der Türkei zum Beispiel tragen die Frauen meist quadratische Seidentücher in knalligen Farben", sagt die 19-jährige Londoner Medizinstudentin. In den Golfstaaten hingegen sei die rechteckige schwarze "Schaila" am meisten verbreitet.

Kossaibatis Blog funktioniert wie eine weltweite muslimische Trendzentrale. Es wird über zu kurze Ärmel diskutiert, zu enge Hosen, Farben, Stoffe, neue Wickeltechniken. "Hidschab-Blogs", sagt Kossaibati, "sind Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins der muslimischen Frau."

So ist Mode mehr als Mode - und gelegentlich drängen die harten Wirklichkeiten ganz offen in die Debatten der Fashion-Fans hinein. In den Kommentaren des Tel-Aviv-Blogs " thestreetswalker" wird auch schon mal über den Krieg zwischen Israelis und Palästinensern gestritten - und im nächsten Atemzug ein rotes Kleid kommentiert: "Nettes Foto, aber könntet ihr aufhören, Palästina zu besetzen?"

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