AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 10/2009

Ausland Wahrer Jäger, wahrer Killer

Global Village: Auf einer Messe führt die Rüstungsindustrie vor, dass die neuesten Produkte trotz Krise die Käufer finden.

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Es gibt noch keinen Namen für die kleine Box im Kofferraum des schwarzen Porsche. "Blutkocher" könnte man sie nennen - oder "mobile Mikrowelle". Das Marketing in Deutschland dürfte schwierig sein, aber auf der Rüstungsmesse Idex in Abu Dhabi ist das neue Produkt ein Knaller.

"Sie sind in einem Konvoi in gefährlichem Terrain unterwegs", skizziert David Vollmar, 36, von der Unival-Group aus Bonn. "Plötzlich umringt Sie eine aufgebrachte Menge. Da drücken Sie den Knopf." Während herkömmliche Störsender nur die Handys und die Funkgeräte potentieller Attentäter ausschalten, legt die Box im Porsche die Menschen selbst lahm: "Stellen Sie sich ein Glas Milch in einer Mikrowelle vor. So ähnlich ergeht es dann Ihren Körpersäften. 2.400 Watt in einem Umkreis von 10 bis 20 Metern. Da kriegen Sie solche Kopfschmerzen, dass Sie sofort das Weite suchen."

Die Technik ist im Westen noch nicht zugelassen, die Erfinder grübeln noch, wie sie die Insassen im Porsche vor dem Verbrutzeln bewahren können, aber an mangelnder Nachfrage, das zeigt sich in Abu Dhabi, sollte das Projekt nicht scheitern.

Über 900 Aussteller sind zur International Defence Exhibition gekommen, mehr als je zuvor. Alle sieben Herrscher der Vereinigten Arabischen Emirate sind da und 45.000 Besucher aus der Welt der Granatwerfer, Kampfpanzer und Funkstöranlagen. "So viel vorweg", sagt David Vollmar aufgeräumt: "Die Sicherheitsbranche spürt von der Weltwirtschaftskrise noch überhaupt nichts."

Kriegsgerät hat im Nahen Osten eigentlich immer Konjunktur, und da trifft es sich gut, dass die Scheichs am Golf noch liquide sind. Für drei Milliarden Euro haben die Emirate amerikanische Flugzeuge, französische Funkgeräte, deutsche Scharfschützengewehre und Motoren für ihre Panzer geordert. Für noch einmal ein paar Milliarden wollen sie den Italienern Hubschrauber und den Amerikanern ein Raketenabwehrsystem abkaufen.

Auch anderswo am Golf sind die Generalstäbe begehrlich, im Irak zum Beispiel. Intifad Kanbar, 49, steht in der Schlange vor der Sicherheitsschleuse und schaut ungeduldig in die Messehalle hinüber, wie ein Kind vor dem Besuch in einer Konditorei.

"Wir brauchen eigentlich alles", sagt er. "Nachrichtentechnik, Aufklärungsdrohnen, Truppentransporter, Software, Panzer, Nato-Draht. Wir müssen unsere Pipelines und unsere Überlandleitungen schützen, unsere Grenzen sind löchrig wie Schweizer Käse. Der Krieg gegen den Terror ist noch lange nicht vorbei."

Kanbar ist gut vernetzt in Bagdad. Sein Vater war einer der ersten Offiziere der irakischen Marine. Er selbst ließ sich zum Luftwaffeningenieur ausbilden, bevor er ins Exil ging. Im Jahr 2003 kam er zurück, und als es mit der politischen Karriere nichts wurde, ging er als Militärattaché nach Washington. Heute ist er Generalvertreter des US-Rüstungskonzerns Textron in Bagdad. "Ich kann mir gut vorstellen", sagt er und taxiert im Vorbeigehen die Pavillons der Deutschen, Franzosen, Türken und Chinesen, "dass ich auch bald andere Unternehmen im Irak vertrete."

Ellena, 29, eine schöne Messe-Hostess aus der Ukraine, stellt sich ihm höflich in den Weg: "Wir haben ein neues Nachtsichtgerät. Sind Sie interessiert an einer Demonstration?"

"Genau solche Geräte brauchen wir", sagt Kanbar. "Es geht nicht mehr um Feuerkraft allein. Es geht um intelligente Systeme."

Wie ein Fossil aus dem Kalten Krieg steht der Kampfpanzer "Leopard 2" vor dem Pavillon der deutschen Waffenschmiede Krauss-Maffei Wegmann. Eine Gruppe Araber in weißen Dischdaschas lassen sich das 60 Tonnen schwere Gerät in Wüstencamouflage erklären. "Kommen Sie doch auf einen Kaffee mit nach oben", lädt man sie ein. Sie zögern kurz, dann gehen sie mit.

Auf der vorigen Idex, zwei Jahre ist das her, wurde eine spanische Variante des "Leopard" als "wahrer Jäger und wahrer Killer" vorgeführt. Von der Tribüne, vor der er Pirouetten drehte und sein Geschützrohr schwenkte, konnten die Zuschauer hinüber auf die Botschaft der Islamischen Republik Iran schauen. George W. Bush war Präsident in Washington, ein Krieg mit Iran schien jederzeit möglich.

Mittlerweile sucht die neue amerikanische Regierung nach Wegen, mit Teheran ins Gespräch zu kommen. "Es heißt, Barack Obama werde das Waffengesetz verschärfen", sagt Christian Simku vom österreichischen Pistolen- und Büchsenmacher Steyr Mannlicher. "Im Moment kaufen die Amerikaner Waffen ein wie die Wahnsinnigen."

Am dritten Tag der Messe kommt aus Washington die Nachricht, dass der Präsident den Haushalt des Verteidigungsministeriums um 55 Milliarden Dollar kürzen will. Zerstörer, Kampfflugzeuge und Transporter, die bereits in den Auftragsbüchern verzeichnet sind, stehen zur Disposition. Womöglich verzichtet Obama sogar auf Ersatz für die alten Hubschrauber, die ihn am Wochenende nach Camp David fliegen.

Am vierten Tag der Messe dämmert es den Waffenbrüdern: Die Krise wird auch sie erwischen.



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