AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 11/2009

Weltmarkt Tod eines Fischstäbchens

Weil der Deutsche weißen billigen Fisch essen will, wurde der Pangasius, ein Zuchtfisch aus Vietnam, populär. Er ist der neue Volksfisch und so erfolgreich, dass sein Erfolg ihn schon wieder umzubringen droht.

Von Barbara Hardinghaus


Manuela Wendland, die Verkäuferin, sieht durch ihre runde Brille auf die vielen Fische in der Frischetheke, sie sieht ganze Fische, halbe Fische, Fischfilets, auf Eis, zwischen Salatblättern.

Sie trägt eine breite blaue Schürze, auf dem Kopf eine Haube, darunter kleine aschblonde Locken. Pangasius, sagt sie, werde jetzt immer mehr.

Der komme tiefgefroren, sagt sie, sei praktisch grätenfrei, mild, für Kinder sehr geeignet.


Sie greift ein Stück, legt es auf Waage 22 im Toom Markt in der Dorotheenstraße in Hamburg, 198 Gramm, 1,96 Euro.

Vor drei Jahren tauchte der Pangasius in der Frischetheke auf, ein neuer Fisch, ein Krisenfisch, der ausersehen war, das Loch zu füllen, das der Mensch ins Meer gefischt hat; 50 Prozent mehr Fisch als 1970 isst der Deutsche, 16 Kilo im Jahr; Kabeljau, Rotbarsch oder Dornhai, der als Schillerlocke bekannt ist, werden knapp.

Keinen Kabeljau mehr kaufen, das weiß der Mensch heute, wenn er vor Wendlands Theke steht, keinen Wildlachs, keinen Rotbarsch, keinen Thunfisch, keine Nordseeschollen.

77 Prozent der Speisefischbestände sind bis an die Grenze befischt oder überfischt, das hat die Ernährungsorganisation der Uno gerade ermittelt. Sogar der Seelachs, der Fischstäbchenfisch, wird knapper, ein billiger weißer Fisch.

Aber die Kunden wollen weißen Fisch, billigen weißen Fisch, mit wenig Fett, und der Pangasius hat all die guten Eigenschaften, die ein Fisch haben muss, damit die reiche Welt ihn kauft.

Er ist der neue Volksfisch, geboren in Vietnam, gezüchtet für den Geschmack des Weltbürgers; der Fisch der Zukunft könnte er sein, wenn der Mensch nicht dabei wäre, den Pangasius zu Tode zu produzieren.

Was da bei Manuela Wendland weiß und gesund in der Theke liegt, ist nicht nur ein Fischfilet, es ist ein kleines Stück Weltwirtschaft. Die Verkäuferin wickelt das Pangasiusfilet in Papier, steckt es in eine Tüte, tackert den Preis an und sagt: "Der schwimmt im Mekong."

Drei Millionen Tonnen Pangasius schwimmen da, fast 10.000 Kilometer von Wendlands Stand entfernt, leben in Teichen so groß wie Fußballfelder, in Käfigen, die im Wasser unter Häusern liegen.

1,5 Millionen Tonnen Filet gehen in diesem Jahr von hier aus in die Welt, 143.000 Tonnen allein nach Deutschland, mit dem Schiff nach Bremerhaven, nach Hamburg, mit dem Lkw zum Großmarkt, von da aus zu Toom, zu Wendlands Frischetheke. Gehen in die Frischetheken der anderen Supermärkte, zu Edeka, zu Rewe, zu Lidl, liegen in Tiefkühltruhen, in schönen Verpackungen mit Rezepttipps.

Frosta bietet den Pangasius mit Thai-Sauce an, Iglo in seiner "vivactiv"-Linie, die Deutsche See verarbeitet den Pangasius zu Bio-Fischstäbchen.

22 Prozent mehr Pangasius sind 2008 im Vergleich zum Vorjahr nach Deutschland gekommen, und wenn es nach den Importeuren geht, soll es immer so weitergehen.

Die Fischer aber, die den Fisch am anderen Ende der Welt züchten, sagen, es werde weniger Pangasius geben im nächsten Jahr.

Einer der Importeure, die ahnen, wie es um den Pangasius steht, ist Ulf Blaes. Er steht in einer großen Halle am Mekong, zusammen mit 1500 Frauen, die Nummern tragen, weiße Schürzen, Hauben, einen Mundschutz, die aussehen wie Ärztinnen, die an langen OP-Tischen Fische sezieren. "Man hat als Großhändler Pangasius im Programm zu haben", sagt Blaes.

Ulf Blaes ist Unternehmer aus Deutschland, 49 Jahre alt, Chef der Food Company, er ist eine Art Transformator im globalen Nahrungsmarkt, übersetzt die Wünsche der Kunden in Nachfragen und rechnet die Nachfragen in Angebote um, dafür reist er um die ganze Welt. Er holt Fisch von überall her, Scholle aus den Meeren der ganzen Welt, Zander aus Kasachstan, Thunfisch, Barramundi, Schwertfisch und auch Pangasius aus Vietnam.

Blaes beugt sich hinunter zu den Frauen, er trägt auch den Kittel, die Haube, die Gummistiefel, sechsmal im Jahr will er sehen, was er kauft und wie es hergestellt wird, dann reist er nach Vietnam.

Dann kommt er, wie in der letzten Nacht, mit dem Flugzeug aus Deutschland nach Ho-Tschi-minh-Stadt geflogen, fährt sechs Stunden mit dem Auto tiefer in den Süden, durch kleine Dörfer, über schmale Straßen, nimmt die Fähre, überquert den mächtigen Fluss, bis er Ntaco erreicht, eine Fischfabrik. Sein dunkler Mercedes rollt auf den Hof.



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