Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2009

Ärztehonorare: "Mir geht's gut"

Von

Dirk Wetzel ist Hausarzt. Er verdient so viel wie der Durchschnitt aller Ärzte mit eigener Praxis: 10.000 Euro brutto im Monat. Jetzt mehr zu fordern, hält er für eine Unverschämtheit.

Wenn Dirk Wetzel am Samstag Notdienst in seiner Arztpraxis macht, hat er Zeit für seine Patienten: Im Wartezimmer sitzen nur zwei Leute, ein Mann um die 50 Jahre mit Herzbeschwerden und eine Mutter mit ihrer etwa zehnjährigen Tochter, die über Ohrenschmerzen klagt. Die Sprechstundenhilfe hört im Hintergrund leise einen Popsender, der Mediziner empfängt in legerer Cordhose und schwarzem Pullover. Das Stethoskop hängt nicht um den Hals, sondern liegt auf dem Tisch.

Wetzel ist Hausarzt in Zierenberg, einer 7000-Einwohner-Gemeinde in Nordhessen. Zierenberg liegt in der geografischen Mitte Deutschlands, und ziemlich in der Mitte liegen auch die Einnahmen von Doktor Wetzel. Wenn der 39-jährige Arzt auf sein Monatseinkommen schaut, hat er keinen Grund, unzufrieden zu sein, wie er sagt. Er verdient mit rund 10.000 Euro so viel wie jeder niedergelassene Arzt im Schnitt.

Von diesem Bruttoeinkommen zahlt Wetzel 3250 Euro Steuern im Monat, 1037 Euro für die Rentenversicherung, 619 Euro für Kranken- und Pflegeversicherung sowie 210 Euro für berufliche Versicherungen. Am Ende bleiben ihm rund 4900 Euro netto. "Mir geht's gut", sagt Wetzel, "ich schätze, dass ich zu den 0,1 Prozent der glücklichsten Menschen gehöre."

Eine Rarität ist Dirk Wetzel in diesen Tagen aber schon deshalb, weil er weder jammert noch die Verelendung der Ärzteschaft beschwört. Bundesweit klagen Ärzte derzeit, dass ihnen die Honorarreform existenzbedrohende Verluste beschere. Sie reisen mit Arzthelferinnen an Bord zu Demonstrationen (nicht selten im Porsche oder Mercedes), ihre Funktionäre reden in Talkshows aggressiv vom "Chaos" der Reform, und von den Patienten verlangen viele Mediziner sogar Bargeld vorab, wenn sie behandelt werden wollen.

"Ich kann nicht nachvollziehen, was da zurzeit abgeht", sagt Wetzel. Er verstehe vor allem nicht, wie in einer Zeit, in der Opel-Arbeiter um ihren Job fürchten, in der Millionen Menschen sich fragen, wie sie die weltweite Wirtschaftskrise überstehen, ausgerechnet Ärzte noch mehr Geld für sich fordern können. "Ich habe langsam den Eindruck, dass wir den Sozialkredit, den wir in der Bevölkerung noch haben, aufs Spiel setzen."

Dabei trifft die Honorarreform auch Wetzel. Die wichtigste Änderung für ihn ist, dass es seit 1. Januar für jeden Patienten, der seine Arztpraxis betritt, einen Pauschalbetrag gibt, den sogenannten Fallwert, der statt in Punkten nun in Euro berechnet wird.

Für hessische Hausärzte wie Wetzel beträgt er derzeit 38,11 Euro. Das heißt, egal ob ein Patient mit unklaren Herzschmerzen kommt, die aufwendig untersucht werden müssen, oder ob er nur ein Hustensaftrezept abholen will, Dirk Wetzel kassiert in jedem Fall 38,11 Euro. "Das funktioniert natürlich nur, wenn genügend Patienten kommen, die leicht krank sind." Ärzte nennen das "Verdünnerscheine", also Krankenscheine von Patienten, die wenig Arbeit verursachen. Dann rechnen sich auch die 38,11 Euro.

Der Grund für die Umstellung auf die Pauschalen ist einfach: Den Ärzten soll der Anreiz genommen werden, überflüssige Untersuchungen vorzunehmen, die bisher eben extra honoriert wurden, jetzt aber mit der Pauschale abgedeckt sind. Allerdings könnte ein Effekt in die andere Richtung einsetzen: Wenn Ärzte nur noch einen festen Betrag erhalten, egal wie gut sie den Patienten untersuchen, ist der Anreiz groß, auch mal weniger gründlich zu sein. Oder jeden zweiten Patienten zum Facharzt zu überweisen. "Die Pauschale bekomme ich in jedem Fall", erklärt Wetzel, "auch wenn ich den Patienten gleich wieder wegschicke."

Wetzel betreibt seine Praxis zusammen mit zwei Kollegen. "Ich arbeite lieber im Team", sagt er. Aber Gemeinschaftspraxen haben auch finanzielle Vorteile: Er kann Anschaffungen wie ein Ultraschallgerät durch drei teilen, die Arzthelferinnen gemeinsam bezahlen, den Notdienst aufteilen, und außerdem zahlt die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Gemeinschaftspraxen noch einen Zuschlag von zehn Prozent aufs Honorar.

Die Berechnung, wie viel Geld Wetzel von der KV erhält, richtet sich danach, wie viele Patienten er im selben Zeitraum des Vorjahres behandelt hat. Für die Monate Januar bis März 2009 schaut die KV also, wie viele Patienten von Januar bis März 2008 in die Praxis in Zierenberg kamen. Es waren 2565. Das entspricht ziemlich genau dem hessischen Durchschnitt, der bei 862 Patienten im Quartal pro niedergelassenem Hausarzt liegt.

Diesen Artikel...

© DER SPIEGEL 13/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Ärztehonorare: "Mir geht's gut"
Fotostrecke
Ärztehonorare: "Mir geht's gut"


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: