AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2009

Tiermedizin "Heilige Maria, hilf uns!"

Eine rätselhafte Krankheit lässt in deutschen Ställen die Kälber verbluten. Veterinäre sind ratlos. Richten Impfungen, Gentechfutter oder gar die erste Muttermilch die Tiere zugrunde?

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Was soll man nur machen, wenn aus den Kälbern Blut rinnt wie Wasser, wenn sie lethargisch und fiebrig werden und am nächsten Morgen tot daliegen, das Fell vom Blut verklebt?

"Unsere Kälber vom letzten Sommer sahen aus wie gegeißelt", erzählt Landwirt Robert Meyboom, noch immer ratlos und geschockt. "Die Tiere waren am ganzen Körper voller Bluttröpfchen, die Augen blutunterlaufen."


Alles habe der Tierarzt versucht, Vitamine verabreicht und blutgerinnende Mittel gegeben. Doch ohne Erfolg: "Nach zwei bis drei Tagen waren alle tot."

Im Oktober 2007 verblutete das erste Kalb in Meybooms Stall. Bis heute hat der Landwirt aus Wesel am Niederrhein sieben Tiere verloren. Das letzte ist erst vor wenigen Wochen qualvoll verreckt. "Blutschwitzer" nennen die Bauern die Opfer. Bei manchen der Kälber wirkt es, als laufe ihnen das Blut aus allen Hautporen.

Eine rätselhafte Krankheit geht um in Deutschlands Rinderställen. Zwei bis drei Wochen alte Kälber fangen massiv an zu bluten und sterben oftmals innerhalb von Stunden. Mehr als hundert Fälle sind bundesweit dokumentiert, die meisten davon in Bayern. Die Dunkelziffer jedoch soll weit höher liegen. Auch aus Belgien sind inzwischen Fälle gemeldet worden. Über die Ursachen rätseln die Experten.

"Die Krankheit ist derzeit noch reichlich mysteriös und verlangt dringend nach Aufklärung", sagt Wolfgang Klee von der Klinik für Wiederkäuer der Universität München in Oberschleißheim. "Sehr erschreckend" findet auch Ottmar Distl von der Tierärztlichen Hochschule Hannover das Kälberbluten: "Wir haben es selten mit Krankheiten zu tun, die bei so vielen betroffenen Tieren tödlich verlaufen."

Seit zwei Jahren schon beschäftigt die Tiermediziner das seltsame Sterben. Im vergangenen Jahr häuften sich die Berichte. "Betroffene Tiere bluten an verschiedenen Körperstellen, zum Teil aus unversehrt erscheinender Haut", sagt Klee. Blutungen in den Schleimhäuten hat er beobachtet. Sogar unter der weißen Augenhaut sammelt sich das Blut. Aus kleinsten Verletzungen sickert es rot. Die Tiere fiebern und gehen alsbald zugrunde.

In den Körpern entdecken die Experten dann massive Unterhaut- und Darmblutungen. Vor allem aber ist das Knochenmark schwer geschädigt. Von "geleeartiger Beschaffenheit" berichten die Tiermediziner. Im Knochenmark jedoch werden die Blutzellen gebildet. Tatsächlich fehlen gerade die für die Blutgerinnung unerlässlichen Thrombozyten bei den kranken Tieren fast völlig. Das Blut kann nicht mehr stocken. Zudem sind die weißen Blutkörperchen stark vermindert. Die Tiere werden anfälliger für Infektionen.

Die Landwirte sind zutiefst verunsichert. Hildegard und Josef Kirmeier etwa aus Wurmsham in Bayern haben bereits fünf Jungtiere verloren. "Vielleicht ist das Soja genverändert, das wir zufüttern", mutmaßt die Bäuerin. Oder ist eine Impfung schuld an der Misere?

In Internet-Portalen wie dem "Bäuerinnentreff" schießen wilde Theorien ins Kraut. Giftige Farnpflanzen, "jahrzehntelange tierquälerische Hochzüchterei", ja selbst Photovoltaikanlagen und die "Strahlungsdichte an Funkmasten" diskutieren die Landwirte als Krankheitsursachen.

Vor allem aber führen viele Bauern das Blutschwitzen auf die umstrittene Impfung gegen die Blauzungenkrankheit zurück. Seit April vergangenen Jahres ist sie in Deutschland für Rinder ab drei Monaten Pflicht. Impfverweigerern unter den Bauern werden seither Zwangsgelder angedroht, so etwa Gertraud Schützeneder, die mit ihrem Mann Konrad in Simbach am Inn einen Biohof betreibt. "Wir wollen die Impfung unseren Tieren nicht antun", sagt die resolute Bäuerin. Auch die Blutschwitzer hätten "indirekt etwas mit der Impfung zu tun", glaubt sie.

Zusammen mit über 600 Bauern aus ganz Bayern riefen die Schützeneders am vorvergangenen Samstag bei einer "Bauernwallfahrt" sogar die Schwarze Madonna von Altötting an, um Gnade für ihre Blut weinenden Kälber zu erbitten. "Heilige Maria, hilf uns in unserer großen Not", hallte es über den Kapellplatz. "Da offenbar von keiner weltlichen Stelle irgendeine Hilfe zu erwarten ist, wollen wir mit dieser Wallfahrt bei Maria der Schutzpatronin Bayerns um Schutz und Hilfe bitten", heißt es in der Einladung der Veranstalter.

Die Tiermediziner dagegen bemühen sich mit Hochdruck um wissenschaftliche Aufklärung. Die Impfung gegen die Blauzungenkrankheit sei nicht für die Blutschwitzer verantwortlich, bekräftigt Experte Distl: "Es sind auch Kälber von nicht geimpften Muttertieren erkrankt." Genetische Defekte halten die Forscher ebenfalls für sehr unwahrscheinlich: Kälber von drei verschiedenen Rinderrassen seien betroffen. Weil sich die Tiere nicht gegenseitig anstecken, schließen die Experten zudem eine Infektion mit Bakterien oder Viren aus. Gentechnisch verändertes Futter oder Pestizide kämen als Ursache ebenfalls nicht in Frage, sagt Distl: "Das Verteilungsmuster der Fälle spricht einfach dagegen."

Andere Beobachtungen lassen indes aufhorchen. So habe es auf einzelnen Höfen merkwürdige Häufungen von "bis über 40" kranken Kälbern gegeben, berichtet Klee. Alle Tiere, die Klee untersuchte, stammen zudem aus Betrieben, die gegen die sogenannte Bovine Virusdiarrhoe (BVD) impfen. Das Durchfallleiden kann ähnliche Symptome auslösen wie das mysteriöse Blutschwitzen - allerdings werden Kälber gar nicht gegen BVD immunisiert.

"Wir haben bisher einige Puzzlesteinchen, die sich aber noch nicht zu einem schlüssigen Bild zusammenfügen lassen", sagt Klee. Eine Spur wollen die Forscher jetzt intensiver verfolgen. In den ersten Lebensstunden bekommen Kälber von ihrem Muttertier die sogenannte Biestmilch. Die Forscher vermuten, dass ausgerechnet diese für die Jungtiere so wichtige Erstmilch Antikörper enthalten könnte, die das Knochenmark angreifen und zerstören. "Die Symptome treten immer erst auf, nachdem die Kälber die erste Biestmilch bekommen haben", berichtet Distl.

Belegt ist die Hypothese jedoch noch nicht. Und so üben sich die Wissenschaftler weiterhin in Spurensuche. Ab April will das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit systematisch Milch und Blut untersuchen. Tiermediziner Klee plant, Veterinäre bundesweit nach ihren Erfahrungen zu befragen. Für Ende des Monats ist zudem ein Gespräch im Bundeslandwirtschaftsministerium in Berlin anberaumt. Distl: "Der Staat muss dem Problem hohe Priorität einräumen."

Bis es so weit ist, bleibt den Bauern wohl nichts anderes übrig, als weiter auf Hilfe von oben zu hoffen. Die Frommsten verteilen geweihte Kräutersträuße in Wohnung, Stall und Garten. Eine Tierheilpraktikerin verkündete jüngst, ein Kalb mit einem homöopathischen Mittel aus Schlangengift geheilt zu haben. Doch Klee winkt ab: Die Analyse einer Blutprobe des betroffenen Tiers habe ergeben, dass es gar kein Blutschwitzer war.

Immerhin: Einige Kälber haben den grausamen Aderlass inzwischen überlebt. Die Mediziner transfundierten Blut. Zudem behandelten sie Begleiterkrankungen wie Lungenentzündung oder Durchfall.

Und auch unorthodoxere Methoden kamen zum Einsatz. Distl hat drei Tiere im Stall stehen, die noch vor kurzem fast verblutet wären. Sein Therapieansatz ist nicht gerade intensivmedizinisch.

"Nichts tun!", sagt der Tiermediziner. "Auf keinen Fall anfassen! Sobald Sie das Kalb anfassen, verletzen Sie es, und es blutet aus; dann kriegen Sie es nicht mehr hin."



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