Der SPIEGEL

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23. März 2009, 00:00 Uhr

Kino

Gute Deutsche, böses Land

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Das Genre der Filmbiografie boomt. Neue Leinwand-Epen wollen nationale Ikonen wie Robert Bosch, Albert Schweitzer oder Romy Schneider feiern. Ein Film über John Rabe, der 1937 in China Tausende Menschen rettete, beschreibt die Wandlung eines Nazis zum Wohltäter.

Angstvoll schaut er zum Himmel, zu den Tieffliegern, die ihre Bomben mitten in die flüchtende Menge werfen. Der deutsche Geschäftsmann John Rabe, Vertreter des Siemens-Konzerns im ostchinesischen Nanking, erlebt im Dezember 1937, wie japanische Kampfpiloten das Firmengelände attackieren und hilflose Zivilisten töten.

Im Augenblick der Verzweiflung kommt ihm plötzlich die rettende Idee. Rabe, seit Jahren Mitglied der NSDAP, lässt eilends eine riesige Hakenkreuzfahne, die ihm die Partei nach China geschickt hat, entfalten. Zusammen mit zahllosen Einheimischen kauert er sich unter das Tuch. Und tatsächlich: Die mit Deutschland verbündeten Japaner stellen den Angriff ein.

In dem Film "John Rabe", einer Biografie des "guten Deutschen von Nanking", der 1882 in Hamburg geboren wurde und in China noch heute wie ein Volksheld verehrt wird, setzt Regisseur Florian Gallenberger, 38, eine unerhörte Szene ins Bild. Die ist zwar historisch verbürgt, wirkt aber deshalb nicht weniger beklemmend: Das Hakenkreuz, Symbol der Nazi-Barbarei, rettet unschuldigen Menschen das Leben.

Die 15 Millionen Euro teure deutsch-chinesisch-französische Co-Produktion kommt nächste Woche ins Kino, Ulrich Tukur spielt die Titelfigur. Der Film wagt sich in heikles Neuland vor: Es ist ein Heldenepos über einen Nazi, wenngleich einen wenig fanatischen, der eher widerwillig, durch die Umstände getrieben zum Wohltäter wird. So etwas durften bisher nur Amerikaner zeigen, allen voran Steven Spielberg in seinem Oscar-Gewinner "Schindlers Liste" (1993). Im deutschen Kino dagegen war der "gute Nazi" bislang tabu.

Doch nun entdecken Regisseure auch hierzulande, zuletzt noch ermuntert durch den Erfolg des Stauffenberg-Dramas "Operation Walküre" mit Tom Cruise, das Interesse an zwiespältigen Nationalhelden. Die Produktionsfirma Niama etwa arbeitet an einem Film über Robert Bosch (1861 bis 1942). Der schwäbische Firmengründer, der unter anderem den Magnetzünder erfand, unterstützte im Dritten Reich, auch mit Einnahmen aus der Rüstungsindustrie, den liberalen Widerstand gegen Hitler.

Eine ganze Reihe von Kinowerken über deutsche Ikonen ist bereits abgedreht oder noch in Planung: Filmbiografien, in den USA kurz "biopics" genannt, über Hildegard von Bingen, Johann Wolfgang von Goethe, Albert Schweitzer oder auch Romy Schneider. Deutsches Leben, bislang eher eine Domäne des Fernsehens ("Krupp"), erobert mit Macht die Leinwand. Auf einmal dürfen die herausragenden Gestalten der nationalen Geschichte wieder überlebensgroß auftreten und dafür bewundert werden, dass sie Gutes tun und sich an der deutschen Wirklichkeit reiben.

Jahrzehntelang galt dem deutschen Kino die Idee des Nationalhelden als suspekt. Zu sehr hatten die Nazis fragwürdige Figuren wie echte Heroen für ihre Mythenbildung missbraucht. Regisseure in anderen Ländern dagegen, in den USA, Frankreich oder Großbritannien, drehten Filme über Ludwig van Beethoven, Robert Schumann, Erwin Rommel oder das Fliegerass Manfred von Richthofen, den "Roten Baron". Erst 2008, fast 40 Jahre nach dem amerikanischen Richthofen-Spektakel, folgte das deutsche.

Im deutschen Kino galten Nationalhelden als suspekt

Das Genre der Filmbiografie, das in den fünfziger Jahren noch eine Blüte erlebte, wurde lange Zeit eher gemieden, weil der Untergrund tückisch schien. Propagandaminister Joseph Goebbels hatte etwa Filme über den Reichsgründer Bismarck, den Kolonialeroberer Carl Peters oder den Buren-Anführer Ohm Krüger drehen lassen, um sie für die Nazis in Anspruch zu nehmen. Aber auch so hehre Gestalten wie der Barock-Baumeister Andreas Schlüter, der Dichter Friedrich Schiller oder die Mediziner Paracelsus und Robert Koch mussten damals für die Umdeutung der Geschichte herhalten.

Ähnlich wie der Bergfilm, den die Nazis mit Leni Riefenstahl gleichfalls vereinnahmt hatten, brauchte die Filmbiografie hierzulande ein halbes Jahrhundert, um sich von dem Ruf zu befreien, ein nationalistisches Genre zu sein. Erst der seit einigen Jahren anhaltende weltweite Biografien-Trend in Literatur, Fernsehen und Kino ermutigte die deutschen Filmemacher, es wieder selbst zu versuchen.

Wie immer machte es Hollywood vor, noch nie waren so viele biopics im Kino zu sehen wie seit der Jahrtausendwende. Sie rekapitulierten das Leben von Johnny Cash ("Walk the Line"), Howard Hughes ("Aviator"), Alfred Kinsey ("Kinsey") oder George W. Bush ("W."). Die Franzosen drehten Filme über François Mitterrand, Edith Piaf oder Françoise Sagan.

"Das biopic boomt in Zeiten nationaler Krisen", konstatiert die US-Filmwissenschaftlerin Diane Negra. Während der großen Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre wurden besonders viele Biografien verfilmt.

Offenbar wirkt das amerikanische Heldenleben auf das Kinopublikum so aufbauend wie kaum ein anderes Genre. Es erzählt nicht nur immer wieder vom Triumph des Individuums über widrige Lebensumstände und missliebige Mitmenschen; es feiert auch das Land, das jedem noch so eigenwilligen Charakter die Chance gibt, seinen Weg zu gehen und sein Glück zu finden: God's Own Country, die Vereinigten Staaten.

Amerikanische Vorbilder kämpfen gegen Rassismus ("Ray"), Bigotterie ("Kinsey") oder ihre eigene Schizophrenie ("A Beautiful Mind"); sie leiden darunter, dass die Zeit nicht reif ist für ihre Musik, ihre Forschung oder ihre Ideen. Aber sie verlieren fast nie den Glauben an ihr Land, weil sie im tiefsten Innern wissen, dass Menschen wie sie Amerika zu dem machen, was es ist. Hollywoods biopics sind meist überaus staatstragend.

So patriotisch können deutsche Filmbiografien nicht sein; sie erzählen davon, wie Menschen zu Helden werden, indem sie gegen ihr Land rebellieren. In Nikolai Müllerschöns Fliegerepos "Der Rote Baron" stellt sich Manfred von Richthofen (gespielt von Matthias Schweighöfer) sogar dem Kaiser entgegen, wagt Widerworte gegen dessen Durchhalteparolen und wirkt im Schützengraben der eigenen Truppen, als wäre er hinter feindlichen Linien gelandet. Wenn er aufsteigt zum Himmel, will er Deutschland entkommen.

Auch die bayerischen Bergsteiger Andreas Hinterstoisser und Toni Kurz, die 1936 die Eiger-Nordwand bezwingen wollten und dabei ums Leben kamen, werden in Philipp Stölzls Film "Nordwand" (2008) zu Sportsheroen erklärt, die sich aus der propagandistischen Umklammerung durch die Nazis befreien möchten. Sie lassen die Niederungen der Deutschtümelei hinter sich und erklimmen Höhen, in denen die nationale Zugehörigkeit nicht mehr zählt, sondern nur noch Fairness und Solidarität.

In den Filmen über Diven wie "Marlene" (von Joseph Vilsmaier über die Dietrich) kehren die Heldinnen Deutschland den Rücken. Vilsmaier steckt seine Hauptdarstellerin Katja Flint zwar ins Dirndl und drapiert sie dekorativ vor einem rauschenden Wildbach. Doch als ihr ein Abgesandter von Goebbels sagt: "Das Reich braucht Sie", gibt sie schnöde zurück: "Ich brauche das Reich nicht."

In "Hilde" (Regie: Kai Wessel), der gerade in den deutschen Kinos läuft, schlägt Hildegard Knef (Heike Makatsch) nach ihrem kurzen Nacktauftritt in dem Film "Die Sünderin" Anfang der fünfziger Jahre Entrüstung über ihre angebliche Schamlosigkeit entgegen. In einem Luxusrestaurant bekommt Knef keinen Tisch mehr. Empörend sei in Wahrheit die Aufregung über diesen Film, verglichen mit dem Schweigen über die Verbrechen der Nazis, sagt die verbitterte Heldin in einer Szene.

Gewiss wurden Dietrich und Knef auch seinerzeit im wirklichen deutschen Leben als Landesverräterinnen und Schlampen beschimpft. Doch die Nachdrücklichkeit, mit der viele der neuen Filmbiografien das Leiden ihrer Hauptfiguren an Deutschland betonen, wirkt bisweilen zwanghaft, wie eine salvatorische Klausel. Wie wird da wohl die Bundesrepublik der fünfziger Jahre im geplanten Kinofilm über Romy Schneider (mit Yvonne Catterfeld) ins Bild gesetzt werden? Als ödes Spießerland?

Die Helden können aus Edelmut oder Verblendung gegen die herrschenden Verhältnisse aufbegehren, wie in "Sophie Scholl - Die letzten Tage" (2005) oder in "Der Baader Meinhof Komplex" (2008); sie können Deutschland bekämpfen oder verlassen. Nur wirklich heimisch werden dürfen sie in Deutschland nicht. So ist es nur konsequent, dass die Protagonisten der neuesten Filme erst im Ausland lernen, gleichzeitig deutsch und gut zu sein.

"In einer Filmbiografie ist Grau die spannendste Farbe"

Robert Bosch, John Rabe und Albert Schweitzer waren Weltbürger, die früh fremde Länder und Kulturen kennenlernten. Der Techniker Bosch arbeitete zwischen 1882 und 1886 bereits im Alter von Mitte 20 in den USA und Großbritannien.

Rabe ging 1903 mit Anfang 20 nach Afrika und 1908 nach China. Der gebürtige Elsässer Schweitzer (1875 bis 1965) gründete 1913 als Enddreißiger im afrikanischen Gabun das Buschhospital von Lambaréné.

Bosch sei ein Visionär der "Globalisierung" gewesen, sagt der Produzent Thomas Reisser über sein Projekt. "Er glaubte, dass der Weltfrieden durch wirtschaftliche Verflechtungen herbeigeführt werden könnte." Der Film, der nächstes Jahr gedreht wird, soll zeigen, dass Bosch von der Aufrüstung durchaus profitierte, aber andererseits auch viele Juden vor der Deportation durch die Nazis bewahrte.

"Wir lernen allmählich, unsere Nationalhelden auf der Leinwand zu zeigen, ohne sie zu verdammen oder zu verklären", so Reisser. "Wir wollen keine weißen Ritter, aber auch keine Finsterlinge. In einer Filmbiografie ist Grau die spannendste Farbe."

Auch "Schweitzer", der Weihnachten ins Kino kommen soll und in dem der Niederländer Jeroen Krabbé den "guten Mann von Lambaréné" spielt, wird den 1952 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Missionsarzt nicht zum reinen Gutmenschen verklären. Der Film beschreibt einen von Zweifeln geplagten Mann, der sich nicht zwischen seiner humanitären Arbeit in Afrika und seinem weltpolitischen Engagement gegen Atomwaffen entscheiden kann.

In "John Rabe", mit sieben Nominierungen Favorit für die Lolas genannten Deutschen Filmpreise, lässt der Siemens-Mann zum Abschied seine chinesischen Mitarbeiter auf dem Fabrikhof antreten. Sie sollen Rabes Nachfolger in Nanking, einen strammen Nazi, begrüßen und heben den Arm zum Hitlergruß.

"Sie glauben ja gar nicht, wie lange es gedauert hat, bis sie das konnten", kommentiert Rabe mit einigem Stolz und paternalistischer Überheblichkeit. Der Film zeichnet ihn als politisch konservativen Mann, der sich geordnete Verhältnisse wünscht und die Möglichkeiten des Wachstumsmarkts China früh erkennt.

Als sich die militärische Lage in Nanking zuspitzt, weil die japanischen Truppen näher rücken, beschwört Rabe seine Vorgesetzten in Deutschland, die Firmenvertretung nicht zu schließen. Ähnlich wie Robert Bosch scheint auch John Rabe Geschäftstüchtigkeit und Philanthropie nahtlos zu verbinden.

Der deutsche Unternehmer, den das ökonomische Kalkül geradezu zwingt, Humanist zu sein, weil er menschliche Arbeitskräfte braucht und schätzt - diese Version ist natürlich etwas zu schön, um ganz wahr zu sein. Doch mit einigem Geschick macht Regisseur und Drehbuchautor Gallenberger deutlich, wie Rabes Fähigkeiten als Geschäftsmann aus ihm einen Menschenretter machen.

Als die Japaner Rabes chinesischen Chauffeur töten, verspricht ihm der japanische Offizier Ersatz. Vermeintlich kühl fängt Rabe an zu feilschen. Der Fahrer habe Deutsch gesprochen und sei ein fast unersetzlicher Verlust. Rabe verlangt 20 Männer, die bereits zum Tode verurteilt sind, als Entschädigung. Der Offizier lässt sich auf den Handel ein. Um Fassung ringend, sucht Rabe die Männer aus. Selektion zur Rettung von Leben.

Der historische John Rabe hatte Ende 1937 in Nanking mit deutschem Organisationstalent und tatkräftiger Mithilfe vor allem von dort ansässigen Amerikanern eine vier Quadratkilometer große Schutzzone errichtet, in der über 200.000 Chinesen Zuflucht fanden und auf diese Weise vor dem Tod bewahrt wurden.

Als Rabe am Ende des Films Nanking mit einem Schiff verlässt, stehen Hunderte dankbarer Chinesen am Hafen und skandieren zum Abschied seinen Namen. Ein bewegender, pathetischer und doch auch ein wenig peinlicher Moment. An die ganz großen Gefühle für ihre nationalen Helden müssen sich die geschichtsbefangenen deutschen Kinozuschauer wohl erst noch gewöhnen.

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