AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 14/2009

Erziehung "Sie laufen uns aus dem Ruder"

Der Diplompädagoge Wolfgang Bergmann und der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff über die wachsende Zahl auffälliger Kinder, den Erfolg von Eltern-Ratgeberbüchern und ihren Streit über autoritäre Erziehungskonzepte


SPIEGEL: Herr Bergmann, warum stürmen die Bücher von Herrn Winterhoff die Bestsellerlisten und Ihre nicht?

Bergmann: Herr Winterhoff führt in seinen Büchern eine Reihe kleiner Fallgeschichten auf, in denen Kinder unhöflich, rücksichtslos und unverschämt auftreten. Das entspricht der Alltagserfahrung vieler Menschen, die das in jeder Straßenbahn erleben. Zudem hatten wir wahrscheinlich noch nie eine Elterngeneration, die im Umgang mit ihren Kindern so verunsichert war wie die heutige. Und es gibt ein Bildungsbürgertum, das sich einredet, früher habe es im Gegensatz zu heute noch Anstand und Ordnung in der Welt gegeben. Genau das ist die Leserschicht, die nach diesen Büchern greift.

SPIEGEL: Ist das so, Herr Winterhoff?

Winterhoff: Nein, natürlich nicht, denn in meinen Büchern geht es überhaupt nicht um Erziehung. Ich habe eine Analyse aus kinderpsychiatrischer und tiefenpsychologischer Sicht veröffentlicht, die es in solcher Form noch nie gegeben hat. Ich glaube, dass die Probleme, die viele Kinder heute haben, auf fehlende psychische Reife zurückzuführen sind. Wir könnten diesen Kindern helfen, aber nicht über pädagogische Konzepte.

Bergmann: Der Erfolg Ihrer beiden Bücher geht auf tiefe Verunsicherungen, ja Auflösungserscheinungen der modernen Gesellschaft zurück. Seit Jahren ist in der Sozialtheorie, in den Erziehungswissenschaften und großen Teilen der Therapie die Frage ungelöst: Wie befördern wir die Entwicklung eines Kindes zum sozialen Wesen unter den gegenwärtigen Bedingungen der Gesellschaft? Das ist das zentrale Thema. Damit beschäftigen sich sehr ernsthaft kluge Leute ...

SPIEGEL: ... und Herr Winterhoff hat womöglich eine Lösung gefunden?

Winterhoff: So ist es.

Bergmann: Natürlich nicht.

Winterhoff: Jeder aufmerksame Leser merkt: Ich beschreibe Lösungen, die ich aus der jahrzehntelangen Beschäftigung mit dem Thema in meiner Praxis gewonnen habe.

SPIEGEL: Sind Sie sich denn wenigstens bei der Beschreibung der Ausgangslage einig?

Bergmann: In der Tat werden immer mehr Kinder schwierig und auffällig. Das sogenannte Zappelphilipp-Syndrom greift um sich wie eine Epidemie. Wir haben es mit sozialen und damit auch seelischen Verfallserscheinungen in der modernen Kindheit zu tun. Dazu gehört, dass Körperselbstbildstörungen zunehmen, also Essstörungen und Selbstverletzungen bei Mädchen sowie Computersucht bei Jungen.

Winterhoff: Auch Herr Bergmann bestreitet also nicht, dass immer mehr Kinder und Jugendliche auffällig sind. Ein Fünftel der jungen Heranwachsenden ist nicht reif für eine Ausbildung, und 30 Prozent der Kinder sind in Behandlung: Ergotherapie, Logopädie, Psychotherapie. In meiner Praxis habe ich vorwiegend mit bürgerlichen Familien zu tun. Mir fällt auf, dass es sehr engagierte, beziehungsfähige Eltern sind. Sie haben alles für ihre Kinder getan. Und obwohl diese Bedingungen vorliegen, sind ihre Kinder gravierend auffällig. Ich erlebe Kinder im Alter von fünf bis sieben Jahren, die von jetzt auf gleich völlig ausrasten, das Gegenüber nicht erkennen und selbst Männer attackieren.

Bergmann: Die Entwicklung droht uns um die Ohren zu fliegen. Ich gebe Herrn Winterhoff in einem Punkt recht: Es reicht heute nicht mehr, die alten individualtherapeutischen Ansätze zu verfolgen oder nur die Familienstruktur im Auge zu haben. Man muss mit einem gewissen Fingerspitzengefühl für die Komplexität der gesellschaftlichen Einwirkungen auf die Kinder eingehen.

SPIEGEL: Wenn Sie in der Diagnose weitgehend einig sind, worin liegt dann der Dissens?

Winterhoff: Die Frage ist, was hinter den Auffälligkeiten steht. Die Kinder, die ich bis vor zwölf Jahren gesehen habe, wussten, dass es ein Gegenüber und Regeln gibt. Die Kinder, denen ich heute begegne, zeigen eine Respektlosigkeit und stellen sich nicht mehr auf das Gegenüber ein. Stattdessen zwingen sie den Erwachsenen, sich auf sie einzustellen.

Bergmann: Stimmt - aber natürlich nur für einen Teil der Kinder, der näher umrissen werden müsste. Da zeichnet sich eine tiefgreifende Veränderung ab, die von vielen, auch mir, seit längerer Zeit beschrieben wird, aber keineswegs bis ins Letzte verstanden worden ist: Manche Kinder sind freundlich, sympathisch, aber sie flutschen rechts und links an allen Regeln und Vorgaben, an allen Verbindlichkeiten vorbei. In meiner Praxis sind sie ausgesprochen höflich und sagen: Das war ganz toll bei Ihnen, Herr Bergmann. Ich sitze trotzdem bedröppelt hinter meinem Schreibtisch und habe das Gefühl, dass ich das Kind nicht erreicht, nicht berührt habe. Als gäbe es gar keinen Kern des Selbst, mit dem bewusst und unbewusst Kontakt aufgenommen werden könnte. Dies ist ein sehr auffälliger Teil einer gefährlichen Entwicklung. Die Kinder laufen uns aus dem Ruder. Es ist eine fast unheimliche Tendenz.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 204 Beiträge
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Seite 1
eikfier 01.04.2009
1. Also das Thema hat doch....
Zitat von sysopDer Diplompädagoge Wolfgang Bergmann und der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff über die wachsende Zahl auffälliger Kinder, den Erfolg von Eltern-Ratgeberbüchern und ihren Streit über autoritäre Erziehungskonzepte http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,616055,00.html
...mehr Beachtung verdient oder ist das nur die Inkarnation der elterlichen Sprachlosigkeit und - ich kriege keine Boni vom Spiegel. Die ollen Griechen sagten zur Thematik: ho men dareis anthropos ou paideuetai oder so in etwa,was heißt:der nicht geschundene Mensch wird nicht erzogen. Das finde ich zwar übertrieben,aber Bergmanns Liebe alleine reicht offensichtlich nicht aus. Während Winterhoff den Kindern wieder Grenzen aufzeigen und Versagungen ausprechen will,damit sich die außer Rand und Band geratenen 12-jährigen wieder für uns Erwachsene interessieren und ihre Defizite besser spüren und die Erwachsenen keine Kumpel sind; gefällt mir besser, wenn ich das alles richtig verstanden habe! Aber Glück gehört ganz gehörig auch dazu,von wegen:Pfarrers Kinder,Müllers Vieh,gedeihenselten oder nie....
...ergo sum, 01.04.2009
2. was die Alten schon wußten
"Wenn Väter ihre Kinder gewähren lassen und sich vor ihnen geradezu fürchten, wenn Söhne ohne Erfahrung handeln wollen wie die Väter, sich nichts sagen lassen um selbstständig zu erscheinen; Wenn Lehrer, statt ihre Schüler mit sicherer Hand auf den richtigen Weg zu führen, sich vor ihnen fürchten und staunen das ihre Schüler sie verachten; Wenn sich die Unerfahrenen den älteren Erfahrenen gleichstellen und in Wort und Tat gegen sie auftreten; Die Älteren sich unter die Jungen setzen und versuchen sich ihnen gefällig zu machen, indem sie Ungehörigkeiten übersehen oder gar daran teilnehmen, damit sie nicht als vergreist oder autoritätsgierig erscheinen; Wenn eine auf diese Weise verführte Jugend aufsässig wirdsofern man ihr auch nur den geringsten Zwang auferlegen will, weil niemand sie lehrte die Gesetze zu achten ohne die keine Gemeinschaft leben kann; - dann ist Vorsicht geboten ! Der Weg droht in die Tyrannei zu führen ! " Platon 374 v. Chr. in "Der Staat" Nach exact diesem habe ich seinerzeit meinen Sohn erzogen, so wurde auch ich einst erzogen. Die Ergebnisse sind durchaus vorzeigbar.
reuanmuc, 01.04.2009
3. .
Zitat von sysopDer Diplompädagoge Wolfgang Bergmann und der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff über die wachsende Zahl auffälliger Kinder, den Erfolg von Eltern-Ratgeberbüchern und ihren Streit über autoritäre Erziehungskonzepte http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,616055,00.html
Pädagogik gibt es seit den Anfängen der Menschheit, ist also die älteste aller Wissenschaften, aber vernünftige Rezepte haben sie bis heute nicht gefunden. Also bleibt den Psychiatern die Reparatur.
Simpso, 01.04.2009
4. Durchsetzung
"Bergmann: Die Gefahr besteht, dass beim Publikum hängenbleibt, es müsse sich gegenüber dem Kind durchsetzen" Selbstverständlich muss man sich gegenüber dem Kind durchsetzen und eine klare Hierarchie aufbauen. Es werden nun einmal vorrangig die Kinder auffällig, die es nicht lernen durften sich in eine Gruppe zu integrieren, weil ihnen im Elternhaus keine Grenzen gezeigt wurden. Grenzen zeigen heißt Grenzen durchsetzen, denn der Wille und die gute Absicht in der Erziehung sind unbedeutend. Einzig der Erfolg zählt und das heißt im Klartext "Hat das Kind das gemacht was ich wollte, z.B. Abends die Zähne geputzt, den Schulranzen gepackt, Zimmer aufgeräumt oder nicht?". Hier versagen viele Eltern, weil sie befürchten sie würden die Zuneigung der Kinder verlieren, wenn sie sich durchsetzen. Dabei verlieren sie den Respekt wenn sie sich nicht durchsetzen und daraus entstehen zuerst die Prinzesschen und Prinzen und die werden später dann zu Tyrannen.
eikfier 01.04.2009
5. Richtig erfreulichl, dieser Auszug der politeia...
Zitat von ...ergo sum"Wenn Väter ihre Kinder gewähren lassen und sich vor ihnen geradezu fürchten, wenn Söhne ohne Erfahrung handeln wollen wie die Väter, sich nichts sagen lassen um selbstständig zu erscheinen; Wenn Lehrer, statt ihre Schüler mit sicherer Hand auf den richtigen Weg zu führen, sich vor ihnen fürchten und staunen das ihre Schüler sie verachten; Wenn sich die Unerfahrenen den älteren Erfahrenen gleichstellen und in Wort und Tat gegen sie auftreten; Die Älteren sich unter die Jungen setzen und versuchen sich ihnen gefällig zu machen, indem sie Ungehörigkeiten übersehen oder gar daran teilnehmen, damit sie nicht als vergreist oder autoritätsgierig erscheinen; Wenn eine auf diese Weise verführte Jugend aufsässig wirdsofern man ihr auch nur den geringsten Zwang auferlegen will, weil niemand sie lehrte die Gesetze zu achten ohne die keine Gemeinschaft leben kann; - dann ist Vorsicht geboten ! Der Weg droht in die Tyrannei zu führen ! " Platon 374 v. Chr. in "Der Staat" Nach exact diesem habe ich seinerzeit meinen Sohn erzogen, so wurde auch ich einst erzogen. Die Ergebnisse sind durchaus vorzeigbar.
...hat mich an der Wand meines jeweiligen Arbeitsplatzes überall auf der Welt jahrzehntelang begleitet, leider ist nur eines unserer Kinder so recht nach meinem und Platons Herzen "gelungen". Und ich hab`s Platon eigentlich nie verziehen (wenn auch aus seiner Sicht verstanden) , daß er die Demokratie sehr skeptisch sah und "seinen" Staat ausgerechnet von unpraktischen Philosophen geleitet wissen wollte...
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