AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 14/2009

Ortstermin Die Unverdorbenen

Ein badisches Dorf vernetzt sich mit der Welt.

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Hartmann steht im Graben, hüfttief, in den Händen hält er eine Schaufel und schippt Erde. Er hat ein Ziel. Waldstetten soll näher an die Welt. Hartmann gräbt sein Dorf ans Internet.

Waldstetten liegt in einem Winkel oben rechts in Baden-Württemberg. Helmut Hartmann ist der Ortsvorsteher, ehrenamtlich, in seine Zuständigkeit fallen 600 Einwohner, 210 Telefonanschlüsse und ein daumendickes Kupferkabel. "Des Kabel isch des Problem", sagt Hartmann. Es ist zu dünn. Das Dorf braucht Glasfaser, sagt er. Deshalb ist er hier mit seiner Schaufel.

Hartmann, 58 Jahre alt, ist immer in Bewegung. Wenn er spricht, bilden sich Atemwölkchen vor seinem Mund, es sieht aus, als wäre der Ortsvorsteher mit Dampf betrieben, während er sich durch den steinigen Boden arbeitet. Er sagt, für ihn sei die Arbeit ein Ausgleich zu seinem Beruf als Schuldirektor. Es ist der letzte Grabungstag, ein Samstagmorgen, mehrere Waldstettener graben mit: Schorsch fährt den Bagger, Maximilian schneidet mit einer Motorfräse den Asphalt auf, ein Anstreicher hackt, ein Klempner schaufelt, das Dorf packt an.

Andere Dörfer wollen auch Glasfaser wie Waldstetten, aber sie wollen, dass der Staat bezahlt. Hartmann wollte nicht warten auf den Staat, er war früher dran als Merkel, Steinbrück und das Konjunkturpaket. Wenn alle helfen, ist eine Gemeinschaft stark: Das ist das Hartmann-Prinzip, es klingt wie in einem Heimatfilm aus den fünfziger Jahren. Das Modell Waldstetten.

Hartmann sagt: "Du brauchsch ein Ziel für alle." Er sitzt in seinem schwarzen Mercedes, Mittagspause, und steuert auf einen Hügel zu. Oben steigt er aus dem Wagen und deutet mit dem Finger auf eine Wasserpfütze, sein Gesicht schimmert in dem braunen Wasser. Unter der Pfütze, sagt Hartmann, liegt der Anfang.

Er muss ein bisschen ausholen. Zuerst wollte Waldstetten gar kein Kabel, sie dachten über andere Möglichkeiten nach, über Richtfunkverbindungen, sie informierten sich über UMTS. Eine Firma aus Bayern bot an, das Dorf per Satellit mit dem Internet zu verbinden. Waldstetten würde eine große Schüssel auf das Dach der alten Schule bekommen, die Schüssel würde Daten an einen Satelliten funken, der sie an einen Computer in Madrid sendet. Madrid wäre Waldstettens Tor ins Internet.

Der Ortsvorsteher überlegte. Madrid, das Weltall, ein Satellit. Ihm war unwohl dabei. Was ist, wenn Wolken aufziehen? Wie oft regnet es in Madrid? Die Sache war waghalsig, zudem teuer. Hartmann schlief unruhig. Eines Nachts schreckte er hoch. Er hatte eine bessere Idee.

Die Post hatte vor vielen Jahren ein Glasfaserkabel in den Berg vor dem Dorf gelegt, ein Testkabel, kaum benutzt. Hartmann ging zur Telekom, man sagte ihm, man könne eine Abzweigung vom Glasfaserkabel ins Dorf ziehen, das koste 200.000 Euro. Hartmann zuckte. Waldstetten hat nicht so viel Geld, genau genommen hat es gar keins. Er zog wieder ab.

Hartmann ist ein Herumwälzer, er wendet ein Problem im Kopf hin und her, bis er eine Lösung hat. Die Abzweigung vom Postkabel auf dem Hügel war die Lösung des Internet-Problems, nur zu teuer, er musste das Dorf dafür gewinnen. Er verteilte Flugblätter in der Gesangsstunde, sprach in der Turnhalle über die "Technik eines Telefon- und Internet-Anschlusses" und hielt einen Vortrag zum Thema "Wie gut und wie böse ist das Internet?"

Es ist nicht so, dass bisher niemand in Waldstetten ins Internet kam. Es war nur viel zu langsam. Wenn Hartmanns Frau zu Hause am Computer nach Kochrezepten suchte, wartete sie manchmal fünf, manchmal acht Minuten, bis die Seite aufgebaut war.

Hartmann hatte bald genug Unterstützer. Er ging erneut zur Telekom. Das Dorf würde die Röhre selbst legen. Die Telekom willigte unter der Bedingung ein, dass mindestens 115 Einwohner Internet-Verträge abschließen.

Im Spätsommer vergangenen Jahres begannen sie dort zu graben, wo die Pfütze ist. Sie zogen eine Furche durch Apfelbaumwiesen, durch die Schafweide, 70 Zentimeter tief, schleppten kopfgroße Steine, zerrten an Wurzeln. Schwitzend, ächzend, damit Waldstetten der elenden Unvernetztheit entfliehen möge.

Ein Dorf, abgeschnitten, unverdorben, verbindet sich mit der Welt, es ist eine wärmende Geschichte. Hartmann gab Interviews in der Zeitung, im Radio, im Fernsehen. Er ist nachdenklich geworden, er sitzt jetzt im Wohnzimmer, seine Frau hat Apfelkuchen gebacken. Hartmann hat sich in den letzten Monaten mit dem Internet beschäftigt, er sieht nicht mehr nur Vorteile.

Er sieht stattdessen, wie seine Schüler immer länger vorm Computer sitzen, allein, sie werden dicker, vielleicht auch aggressiver. Hat nicht der Amokläufer von Winnenden viel Zeit im Netz verbracht? Das Internet holt nicht nur das Gute aus den Menschen, das ist ihm beim Graben klargeworden.

Sie sind jetzt fertig, im Boden unter seinem Dorf liegt ein schwarzes Plastikrohr, durch das die Telekom bald das Glasfaserkabel mit Druckluft schießt. Waldstetten hat dann Internet. Helmut Hartmann, Schaufler, Ortsvorsteher, Schuldirektor, Problemwälzer, wird die Vernetzung nicht aufhalten, selbst wenn er wollte, er könnte es nicht mehr.



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