AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 15/2009

USA "Das Herz Amerikas schützen"

Terrorismusexperte Bruce Riedel über die Erfolge der Taliban in Pakistan, die Lage in Afghanistan und Präsident Obamas Kriegsziele.


SPIEGEL: Mr. Riedel, mehrere Taliban-Gruppen haben sich vereint, um in Pakistan und Afghanistan gemeinsam vorzugehen. Grund zur Besorgnis?

Riedel: Wir wussten, dass sie sich über den Winter auf höchster Ebene trafen, um eine Offensive vorzubereiten. Die Taliban glauben, dass wir in ein paar Jahren aufgeben, aber wir bleiben, solange es nötig ist.

SPIEGEL: Und wie lange kann das sein?

Riedel: Das kann niemand vorhersagen, aber im Jahr 2011 soll Afghanistan eine eigene Armee von 134 000 Soldaten haben, falls es geht, sogar mehr. Es ist zehnmal billiger, einen afghanischen Soldaten auszubilden, auszurüsten und ihm Sold zu geben, als einen amerikanischen oder deutschen Soldaten dorthin zu schicken.

SPIEGEL: Die Taliban bauen ihren Einfluss in Pakistan wie Afghanistan weiter aus. Wie wollen die USA ihn eindämmen?

Riedel: Die Taliban sind zweifellos in der Offensive, aber bis Ende dieses Sommers werden wir die Zahl der US-Soldaten in Afghanistan verdoppeln, zusätzlich kommen Hunderte zivile Aufbau- und Entwicklungsexperten ins Land. Wir arbeiten mit Pakistan, um die Taliban von dort aus unter Druck zu setzen.

SPIEGEL: Und wie wollen Sie das tun?

Riedel: Ein erheblicher Teil der Taliban sind keine überzeugten Gotteskrieger, ihnen geht es ums Geld. Wir glauben, dass die moderaten Taliban zum Jahresende beginnen werden, sich von den Gotteskriegern abzuwenden. Dann könnte man sie in eine neue afghanische Ordnung einbinden.

SPIEGEL: Die Nummer drei der Qaida, Mustafa Abu al-Yazid, hat kürzlich zum Dschihad gegen die pakistanische Regierung aufgerufen. Mit welchem Ziel?

Riedel: Al-Qaida will Pakistan destabilisieren, die Regierung soll jeden Handlungsspielraum einbüßen, die staatliche Ordnung zusammenbrechen. Pakistan besitzt Nuklearwaffen, deswegen hat die internationale Gemeinschaft ein Interesse daran, dass die Taliban ihr Ziel verfehlen. In vielerlei Hinsicht ist dieses Land der schwierigere Teil des Problems: Al-Qaidas Schutzraum liegt dort, der Taliban-Führer Mullah Omar hält sich hier auf. Für beide Gruppen ist es das wichtigere Terrain.

Zur Person
AP
Riedel, koordinierte die Ausarbeitung der neuen US-Strategie für Afghanistan im Frühjahr und beriet Präsident Obama. Der Harvard-Absolvent ist Experte für Pakistan und Afghanistan bei der Brookings Institution. Mehr als 30 Jahre lange diente er bei der CIA, im Nationalen Sicherheitsrat des Weißen Hauses und für zwei US-Verteidigungsminister.
SPIEGEL: Ist es in dieser Weltregion überhaupt sinnvoll, zwischen al-Qaida und den Taliban zu unterscheiden?

Riedel: Die Verbindungen zwischen beiden Gruppen sind in den vergangenen Monaten immer enger und fester geworden. Seitdem ich Zugang zu Geheimdienstinformationen habe, mache ich mir noch mehr Sorgen über diese Tatsache als früher. Es ist ein kompliziertes Syndikat von Terrororganisationen, die da in Afghanistan und Pakistan zusammenarbeiten. Sie bedrohen nicht nur die USA, sondern auch Europa.

SPIEGEL: In den vergangenen Wochen gab es mehrere spektakuläre Anschläge in Pakistan. Die Terrorgruppen vergrößern offensichtlich ihren Aktionsradius weit über die Stammesgebiete hinaus.

Riedel: Das ist sehr gefährlich. Je stärker sie in der Provinz Punjab und in den Großstädten werden, desto schlimmer ist es für Pakistan. Es könnte aber auch eine Chance sein, weil sich mehr Pakistaner von den Taliban und al-Qaida abwenden, so wie es in Saudi-Arabien oder im Irak der Fall war. Wir müssen der pakistanischen Regierung helfen, Fortschritte zu machen.

SPIEGEL: Präsident Asif Ali Zardari scheint eher schwach zu sein.

Riedel: Wir arbeiten mit der gewählten Regierung zusammen, aber machen uns nicht von Personen abhängig. Diesen Fehler hat die Bush-Regierung mit Präsident Musharraf begangen, es war am Ende ein Desaster.

SPIEGEL: Was erwarten Sie von den Europäern?

Riedel: Europa kann eine Menge tun: Vor einigen Wochen saß der Bürgermeister von Karatschi in meinem Büro. Karatschi hat zwölf Millionen Einwohner, es ist eine der größten muslimischen Städte, er hat viele Wünsche. Wir werden in Zukunft die Koordination zwischen zivilem Aufbau und militärischem Vorgehen betonen. Unser Sonderbeauftragter Richard Holbrooke wird den Dialog mit den Nachbarstaaten in der Region pflegen, auch mit Iran. Unser Ziel ist es, al-Qaida zu spalten, zu isolieren und sie durch Zerstörung ihrer Rückzugsgebiete am Ende zu besiegen.

SPIEGEL: Wer ist denn jetzt eigentlich Amerikas Staatsfeind Nummer eins - Osama Bin Laden, Taliban-Führer Mullah Omar, oder sind es regionale Terrorfürsten wie Siraj Haqqani und Baitullah Mehsud?

Riedel: Die Qaida-Führung gibt der Bewegung weiterhin eine Richtung. Mullah Omar ist wichtig, weil er darauf setzt, möglichst viele Nato-Soldaten zu töten. Mehsud hat erst kürzlich gedroht, die Stadt Washington anzugreifen. Wir haben gelernt, solche Drohungen nicht mehr abzutun. Alle vier sind gefährlich.

SPIEGEL: Die Taliban kontrollieren ganze Regionen in den Stammesgebieten im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan. Wie kann man sie besiegen?

Riedel: Das pakistanische Militär braucht Ausbildung im Vorgehen gegen Aufständische. Wer in dem unwegsamen Gelände gewinnen will, benötigt Hubschrauber. Die Bush-Regierung hat Pakistan ein Dutzend Helikopter gegeben, aber die Armee braucht Hunderte. Da können auch die Europäer helfen.

SPIEGEL: Es gibt zurzeit Berichte darüber, wie eng der pakistanische Geheimdienst ISI mit den Terrorgruppen verknüpft ist. Liefert der ISI tatsächlich Munition, Fahrzeuge und Rekruten an die Taliban?

Riedel: Da geht es um viel. Erst im Februar war der ISI-Chef hier in Washington, wir haben mit ihm darüber geredet, und wir erwarten eine ernsthafte Antwort. Unsere Maxime in der Zusammenarbeit mit Pakistan muss lauten: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

SPIEGEL: Was verspricht sich der ISI vom Einfluss auf solche Gruppen?

Riedel: Über die letzten 30 Jahre hat der ISI diese Verbindungen genutzt, um einen Hebel gegenüber Indien zu haben und um Einfluss auf Afghanistan auszuüben. Viele Pakistaner sehen inzwischen, dass sie ein Frankenstein-Monster geschaffen haben, das nun seinen Schöpfer Pakistan bedroht. Wir müssen helfen, dieses Monster unter Kontrolle zu bringen.

SPIEGEL: Die USA haben auch bei der Schöpfung geholfen, damals in den achtziger Jahren, als die Sowjetunion Afghanistan besetzt hatte. Robert Gates, heute der Verteidigungsminister, war damals, als Nummer zwei der CIA, daran beteiligt.

Riedel: Ja, aber wir können die Geschichte nicht ändern. Wir müssen mit der Wirklichkeit leben, die wir heute vorfinden.

SPIEGEL: Wie finanzieren sich die Taliban?

Riedel: Aus dem Drogenhandel und aus Spenden, die aus der Golfregion fließen. Wir haben gesehen, dass der Drogenanbau zurückgeht, sobald es Sicherheit und Entwicklung in einer Region gibt. Auch die Korruption lässt dann nach. Präsident Obama hat in seinem Telefonat mit Karzai vorvergangene Woche klargemacht, dass die Afghanen darauf hinarbeiten müssen.

SPIEGEL: Was soll Präsident Karzai tun?

Riedel: Er muss korrupte Gouverneure loswerden. Früher waren die Polizisten häufig selbst Drogenhändler.

SPIEGEL: Und wer soll für den Aufbau des Landes verantwortlich sein?

Riedel: Den Aufbau sollen die Vereinten Nationen koordinieren, wir müssen ihnen allerdings auch die finanziellen Mittel geben. Holbrooke koordiniert die Entsendung Hunderter US-Entwicklungsexperten und Agrarspezialisten. Sie sollen zum Beispiel den Anbau von Weizen vorantreiben.

SPIEGEL: Präsident Bush wollte Afghanistan eine "blühende Demokratie" bringen. Und Präsident Obama?

Riedel: Er ist sich bewusst, dass es in seiner Verantwortung liegt, US-Staatsbürger und -Interessen zu schützen. Zuallererst geht es darum, das Herz Amerikas vor Angriffen zu schützen.

Das Interview führte Cordula Meyer



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