AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 15/2009

Landesbanken "Das ist ein Wahnsystem"

2. Teil: "Die Situation war dramatisch"


SPIEGEL: Wann war das?

Marnette: Gleich nach der Lehman-Pleite, als sich die Nachrichten überstürzten. Das war eine unglaubliche Vorstellung. Da werden die Weltfinanzmärkte von einem Beben bislang unbekannter Stärke erschüttert, und Berger erzählt dem Kabinett, dass bei ihnen, von kleineren Problemen abgesehen, alles in Ordnung sei. Der hatte noch nicht einmal einen Zettel dabei.

SPIEGEL: Keine Zahlen, keine Präsentation?

Marnette: Nichts, null. Noch nicht einmal eine grobe Übersicht, wo die Bank steht. Gar nichts. Das war der Hammer.

SPIEGEL: Gab es Proteste?

Marnette: Ich habe natürlich gefragt, nach den Kreditersatzgeschäften und der Gesamtertragslage der Bank, aber ich hatte damals schon den Eindruck, Finanzminister Wiegard ist mehr Vorstand als Berger. Der hat das alles abgewürgt und mir zu verstehen gegeben: Da hast du dich nicht einzumischen.

SPIEGEL: Hat Carstensen das auch signalisiert?

Marnette: Man konnte das spüren, aber es war damals noch nicht so verhärtet wie später.

SPIEGEL: Hat Carstensen in dieser Sitzung Fragen gestellt, oder haben Sie das Thema anschließend diskutiert?

Marnette: Am 26. September war ich mit dem Ministerpräsidenten zu Besuch auf der Fregatte "Schleswig-Holstein" der Deutschen Marine. Da habe ich ihn abends zur Seite genommen und gesagt, Herr Carstensen, da braut sich was zusammen. Ich höre aus der Hamburger Geschäftswelt - da war und bin ich gut verdrahtet -, dass die Sache mit der Nordbank weitaus dramatischer ist, als sie uns dargestellt wird. Ich glaube, wir werden belogen.

SPIEGEL: Wie hat er reagiert?

Marnette: Er hat gesagt, wir setzen uns nächste Woche mit Rainer Wiegard zusammen. Das war's. Danach habe ich nichts mehr gehört. Es ist nie was draus geworden.

SPIEGEL: Und Sie haben nicht nachgehakt?

Marnette: Nicht wegen dieses Gesprächs, aber sonst ständig. Ich war da schon hartnäckig. Am 21. November hatte der Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung (Soffin) der HSH Nordbank Bürgschaften in Höhe von 30 Milliarden Euro zugesagt. Alle taten so, als seien die Probleme der Bank damit gelöst. Dank meiner Kontakte nach Hamburg wusste ich aber, dass wir erst die Spitze des Eisbergs kannten und der neue Vorstandsvorsitzende Nonnenmacher uns genauso zum Narren hielt wie sein Vorgänger. Das habe ich Carstensen und Wiegard deutlich gesagt.

SPIEGEL: Wann und wie?

Marnette: Am 22. November habe ich per SMS und Fax an beide Folgendes geschrieben: "Ich bin nach wie vor bestürzt über unsere gestrige Sitzung und die fortwährende Nicht-Informationspolitik des HSH-Vorstandes gegenüber dem Aufsichtsrat und der Landesregierung. Den dramatischen Liquiditätsverlust, der die Bank bald handlungsunfähig macht, kann ich ohne Bilanz- und Gewinn- und Verlustdaten nicht nachvollziehen. Der Vorstand muss tagesgenau die Ausfallrisiken kennen, sonst wären das im Geschäftsbericht 2007 beschriebene Risikomanagement und das des Aufsichtsrat-Risikoausschusses nicht existent. Ich bleibe bei meiner Schätzung des Verlustrisikos von vor 14 Tagen - da hatte ich das Carstensen schon einmal gesagt - in einer Höhe von bis zu zehn Milliarden Euro, die bislang noch nicht dementiert worden ist. Es droht daher der völlige Verlust des Eigenkapitals. Ich bitte dringend um ein persönliches Gespräch."

SPIEGEL: Wie haben die beiden reagiert?

Marnette: Gar nicht. Ich habe keine Antwort bekommen. Sehen Sie, hier ist ein Ausdruck der SMS. Unten rechts habe ich vermerkt: Keine Reaktion.

SPIEGEL: War damals schon bekannt, dass der Chef der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), Jochen Sanio, Hamburgs Ersten Bürgermeister Ole von Beust angerufen und ihm erklärt hatte, dass er die Bank dichtmachen würde, wenn nicht schleunigst Liquidität nachgeschossen werde?

Marnette: Nicht öffentlich, aber intern schon. Die Situation war dramatisch.

SPIEGEL: Und dennoch haben Sie keine Antwort bekommen?

Marnette: So war es, leider. Später hat Carstensen mich im Beisein anderer gedeckelt, "da kriegt man sogar nachts SMS und E-Mails von dem Kerl", und mich barsch gefragt, "muss das denn sein, dass Sie mir immer was schreiben". Aber ich habe weiter geschrieben.

SPIEGEL: Was und wann?

Marnette: Etwa um die Jahreswende. Da habe ich Carstensen vorgeschlagen, eine interministerielle Arbeitsgruppe zur Bewältigung der HSH-Krise zu bilden, angereichert mit externen Fachleuten, Wissenschaftlern und Bankern beispielsweise. Das hat er am 28. Dezember kategorisch abgelehnt.

SPIEGEL: Haben Sie eine Erklärung dafür?

Marnette: Es mag verrückt klingen, aber ich glaube, Carstensen und Wiegard hofften damals noch auf ein Wunder. Die wollten vielleicht einfach nicht wahrhaben, dass die schönen Zeiten, in denen die Bank jedes Jahr 50 bis 70 Millionen Euro in den Haushalt gebuttert hat, endgültig vorbei sind. Das Geld war ja auch für zukünftige Haushalte fest eingeplant. Womöglich spielte auch ein gewisses Schuldgefühl eine Rolle, weil es die Aktionäre waren, die die Bank dazu getrieben haben, auf einem sich immer schneller drehenden Karussell immer größere Risiken einzugehen. Die wollten Rendite sehen - und die beiden Nordländer sind nun mal die größten Anteilseigner. Das können die Herren Wiegard, Freytag, Carstensen und Beust doch nicht abstreiten. Nicht umsonst schreibt Herr Nonnenmacher in sein Konzept zur Neuausrichtung der Bank, dass er ab 2011 wieder Dividenden ausschütten will.

SPIEGEL: Sie meinen, es waren nicht die von der EU verlangte Abschaffung der Sonderstellung der Landesbanken und der Druck des Marktes, die die HSH Nordbank Richtung Wall Street und in Steueroasen wie die Cayman-Inseln getrieben haben, sondern die Politiker der Bundesländer Hamburg und Schleswig-Holstein?

Marnette: Ja, selbstverständlich. Es war doch nicht das Management allein, das neue Teilhaber wie den Finanzinvestor Christopher Flowers an Bord geholt hat. Da waren doch die Vertreter der Hauptanteilseigner mit von der Partie. Wenn Sie so einen mit im Boot haben, dann haben Sie - ich will das mal mit einem Bild aus dem Rudersport verdeutlichen - natürlich einen anderen Achter am Start als den Ratzeburger Altherren-Achter. Die Tragödie dieser Entwicklung besteht darin, dass man dem gemächlichen Landesbankgeschäft, wo aus strukturpolitischen Gründen auch mal nicht so ertragsstarke Deals gemacht wurden, das extrem renditeorientierte Denken übergestülpt hat. Das musste schiefgehen.

SPIEGEL: Und jetzt haben dieselben Politiker ein Rettungskonzept beschlossen ...

Marnette: ... das das Papier nicht wert ist, auf dem es geschrieben ist; eine absolute Katastrophe. Ich erinnere mich noch genau an jenen Freitag, den 13. Februar, als Nonnenmacher beide Kabinette für 15 Uhr in die HSH-Nordbank-Zentrale einbestellte, um sein Machwerk vorzustellen. Um 13.15 Uhr wurde mir das Papier auf den letzten Drücker ins Auto gereicht. Als ich auf der Fahrt nach Hamburg darin blätterte, wäre ich am liebsten gleich wieder umgekehrt. Da standen nur wolkige Worte drin und nicht eine einzige Zahl.

SPIEGEL: Wann haben Sie denn erstmals Zahlen bekommen?

Marnette: Am gleichen Nachmittag in Hamburg, nachdem Nonnenmacher schon eine halbe Stunde lang sein Konzept erläutert hatte. Da kam er dann zur Seite elf der Vorlage und dem entscheidenden Bild. "Vorläufige Gewinn- und Verlustrechnung 2008 in Milliarden Euro. Operatives Ergebnis: Minus 2,8 Milliarden Euro." Das muss man sich mal vorstellen. Und Nonnenmacher behandelte dieses Riesendefizit als eine Art Randnotiz seiner Präsentation. Das ist doch eine Unverschämtheit. Ich habe dann nachher erfahren, dass diese Präsentation schon Wochen vorher fertig war.



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Seite 1
Mustermann 06.04.2009
1. Aus dem Nähkästchen geplaudert
Zitat von sysopDer zurückgetretene schleswig-holsteinische Wirtschaftsminister Werner Marnette (CDU) über die Gründe seines Abgangs, die Grabenkämpfe im Kieler Kabinett und den leichtfertigen Umgang der Politik mit den Milliardenrisiken der teilweise landeseigenen HSH Nordbank. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,617645,00.html
Sehr guter Artikel. Leider hat es mich in meiner Meinung gestärkt, das Politiker, gleich welcher Partei im besten Fall inkompetent und in schlimmeren Fällen regelrecht gefährlich sind. Es mag Ausnahmen geben, viele werden es nicht sein. Jedenfalls nicht genug um wählen zu gehen.
r. schmidt 06.04.2009
2. Politische Konsequenzen
In einer gesunden Demokratie sollte das den Rücktritt von diversen Leuten zur Folge haben.
MiepMiep 06.04.2009
3. Unglaubliche Schweinerei!
Ich lese das alles gleich nochmal - aber schon bei der ersten Lektüre bin ich immer fassungsloser geworden. Deutlicher kann kaum noch beschrieben werden, was das für Typen sind, die in diesem Land regieren, politisch Verantwortung tragen. Allerdings ist mir völlig unklar, warum Marnette nur zurücktritt und nicht den Staatsanwalt ruft. Mit seinen Fakten und seinem Beweismaterial ist da doch alles drin, von Betrug bis Untreue und Amtsmissbrauch... Naja, vielleicht (hoffentlich) kommt das ja noch...
schlechtmensch 06.04.2009
4. Kleinod
Zitat von sysopDer zurückgetretene schleswig-holsteinische Wirtschaftsminister Werner Marnette (CDU) über die Gründe seines Abgangs, die Grabenkämpfe im Kieler Kabinett und den leichtfertigen Umgang der Politik mit den Milliardenrisiken der teilweise landeseigenen HSH Nordbank. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,617645,00.html
Danke für dieses (leider auf Spon rare) Kleinod investigativen Journalismus. Das hervorragend geführte Interview berichtet offen und ehrlich über wahrhaft interessante Aspekte der Krise und von der schuldhaften Verflechtung der Politik in diese. Über Entscheidungsträger, die sich lieber mit "wolkigen" Worten umgeben, als sich mit den Realitäten und Zahlen auseinanderzusetzen. Im Grunde handelt es sich um einen Skandal größter Kategorie. Leider wird er aber im allgemeinen Krisengeräusch untergehen, zumal die Folgen für die Bürger ja noch verschleiert und vor sich her geschoben werden. Eigentlich sollte jeder Bürger neben dem Betrag seines Kontos immer auch die pro Kopf Verschuldung (und Bürgschaft) aufgelistet erhalten. Dann gäbe es das erste Konto nicht zur Konfirmation, sondern gleich mit der Geburtsurkunde und einem saftigen Betrag darauf - zweistellig im minus. Mir ist auch gleich welche Gründe Marnette zu solcher Offenherzigkeit der Darstellung der Vorgänge und Abläufe getrieben haben.
wolff966 06.04.2009
5. Das ist..
Zitat von sysopDer zurückgetretene schleswig-holsteinische Wirtschaftsminister Werner Marnette (CDU) über die Gründe seines Abgangs, die Grabenkämpfe im Kieler Kabinett und den leichtfertigen Umgang der Politik mit den Milliardenrisiken der teilweise landeseigenen HSH Nordbank. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,617645,00.html
keineswegs leichtfertig..das System hat Methode.Selbstverständlich kennt MP Cartstensen alle Zahlen und sein Finanzminister auch!!Es wird nur so getan als ob sie es nicht wüssten.So sind sie unangreifbar.Marnette gehörte halt nicht zum "Zirkel"der wirklichen Entscheidungsträger.Der wirkliche Skandal ist-das die Steuerzahler diesen Wahnsinn bezahlen müssen.Dieses Interview festigt meine Meinung das wir es mit einer Kaste von Menschen zu tun haben(und Marnette gehört nicht dazu)die nur ihre eigenen Interessen verfolgen.Bei einer Abwicklung der HSH Bank wären wohl noch ganz andere Sachen herausgekommen.Die Rolle von Peiner etwa oder die Verflechtung und Vorteilsnahme von führenden CDU Granden.
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