AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 15/2009

Fernsehen Glücksfall des Schicksals

"Mein Leben", die Autobiografie von Marcel Reich-Ranicki, war ein Millionenerfolg - jetzt ist die Geschichte des Holocaust-Überlebenden glänzend verfilmt worden.

Von Volker Hage


London 1949. Der polnische Konsul wird nach Warschau zurückgerufen. Er weiß nicht, was ihn dort erwartet, aber er fährt hin, begleitet von seiner Frau und dem gemeinsamen Kind, einem Säugling noch. Bangen Herzens verabschieden sich die Eheleute vor den abweisenden grauen Mauern des Warschauer Außenministeriums voneinander.

Der Mann heißt Marceli Ranicki, geboren wurde er in Polen als Marcel Reich, und später wird er - unter dem Namen Marcel Reich-Ranicki - der bekannteste Literaturkritiker der Bundesrepublik. Die Autobiografie "Mein Leben" (1999), bis heute 1,2 Millionen Mal verkauft, erzählt die Geschichte seines Lebens.

Nun hat der in Tel Aviv geborene Regisseur Dror Zahavi, 50 ("Die Luftbrücke"), einen großartigen Fernsehfilm aus diesem Bestseller gemacht, konzentriert auf die Zeit zwischen 1929 und 1958. "Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben" wird am Karfreitag auf Arte zu sehen sein und am 15. April im Ersten zur Hauptsendezeit.

Die Verfilmung ist ein Glücksfall - und die Dramatik ergibt sich wie von selbst aus dem Stoff, der Geschichte von Reich-Ranicki, 88, und seiner Frau Tosia (eigentlich Teofila), 89. Es ist die Geschichte eines Überlebens gegen alle Wahrscheinlichkeit: zwei Juden, die Anfang 1943 aus dem Warschauer Ghetto entkommen und bis 1944 in einem Versteck die Ankunft der Roten Armee erwarten.

Am Gelingen des Films "Mein Leben" hat der Drehbuchautor Michael Gutmann, 52, wesentlichen Anteil: Es war sein Einfall, die Abberufung des polnischen Konsuls als dramaturgischen Kniff zu nutzen. Ranicki, durch Matthias Schweighöfer, 28, glaubwürdig verkörpert, wird im Warschauer Außenministerium festgehalten und tagelang von einem Mitarbeiter der Staatssicherheit verhört - eine Situation, die es in Wirklichkeit so nicht gegeben hat.

Der zunächst oft aufbrausende Verhörspezialist (dargestellt von Sylvester Groth) wird mehr und mehr von der Lebensgeschichte des in Ungnade gefallenen Genossen in den Bann gezogen. Was Ranicki ihm erzählt, wird als Rückblende filmisch umgesetzt.

Da ist die Szene auf einem polnischen Kleinstadtbahnhof - der Schüler Marcel (Filip Jarek) wird von seiner aus Deutschland stammenden Mutter (Maja Maranow) zu Verwandten nach Berlin geschickt mit den Worten: "Du fährst in das Land der Kultur."

In zuweilen beklemmenden Episoden geht es durch die Jahre bis 1938: Das Gymnasium in Berlin, das Bemühen des Jungen, fehlerfrei, ja perfekt Deutsch zu sprechen, die Begeisterung für Literatur und Theater, dann, mit Abiturzeugnis in der Tasche, die Abschiebung nach Polen.

Als die Familie Reich in Warschau lebt, will der Vater (Joachim Król) die Gefahr nicht wahrhaben - bis es zu spät ist und deutsche Soldaten die Wohnungen durchsuchen, die Einwohner schikanieren, schließlich die Juden der Stadt in ein Ghetto pferchen. Ein Nachbar hält dem Druck nicht stand und erhängt sich, eine besonders verstörende Szene des Films - vor allem als dessen Tochter ins Bild kommt. Sie, Teofila, Marcels spätere Ehefrau, wird von Katharina Schüttler, 29, gespielt: eine glänzende schauspielerische Leistung. Wie das Paar sich schüchtern näherkommt - Marcel wird von seiner Mutter aufgefordert: "Kümmer dich um das Mädchen" -, wie sie gemeinsam die Märsche der Ghettobewohner zum Umschlagplatz beobachten, von dem aus die Züge in die Vernichtungslager fahren, wie sie selbst in letzter Sekunde fliehen können, das alles wird eindringlich und mit großem künstlerischem Vermögen ins Bild gesetzt (Kamera: Gero Steffen).

Nach der Befreiung aus dem gemeinsamen Versteck bei einem polnischen Setzer und dessen Frau, nach der Londoner Zeit und dem anschließenden Verhör des Familienvaters Ranicki in Warschau spannt der Film "Mein Leben" den Bogen bis ins Jahr 1958: Der zukünftige Starkritiker, der schon in Polen über Bücher geschrieben hat, steigt in Frankfurt am Main aus dem Zug (Frau und Sohn sind derweil zu Besuch in London) und steht irritiert vor dem Bahnhof.

Trifft er da auf lauter Nazi- und SS-Schergen aus dem Warschauer Ghetto, nun in Zivilkleidung? Nein, diese Vorstellung geht ihm aber als durchaus reale Möglichkeit durch den Kopf: Nachkriegsdeutschland in der Adenauer-Ära. Eine Freiheit, die sich der Regisseur Zahavi nimmt und die den Film subtil abrundet.

Er sei glücklich, sagt Marcel Reich-Ranicki, dass er die Fertigstellung erlebt habe. "Ich war gar nicht sicher. Nichts war sicher in meinem Leben, und niemals hätte ich gedacht, dass ich 80 Jahre alt werden könnte. Nun bin ich bald 89."

Und wie findet er die Leistung seines Darstellers im Film, des Schauspielers Schweighöfer? Da kommt nur ein Wort, knapp und entschieden: "Fabelhaft!"



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